Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 46 (20.11.1925)
- Date
- 1925-11-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite8____DIE WAHRHEIT H Wahrheiten vom Tage g Hinter den Kulissen des Hakenkreuzes. Während auf der Hakenzreuzbühne noch immer wilde Kufe erschallen und gewaltige Kecken, furchtbar anzuschauen, den letzten Akt des antisemitischen 1 rauerspieles bei völliger Teilnahmslosigkeit des i^uDlikums vollenden, scheint es hinter den schwarz-weißroten Kulissen zwischen dem Theaterleiter und den einzelnen Akteuren bereits zu argen Differenzen gekommen zu sein, welche die Geschlossenneit des Zusammenspieles zu gefährden in der Lage smd. Man macht es einigen der Hauptdarsteller zum Vorwurfe, daß sie die Kolle, die sie auf der Hakenkreuzbühne zu spielen berufen sind, nämlich die eines überzeugten Antisemiten, in ihrem Privatleben nicht fortsetzen. Kann so eine Forderung an Schauspieler, und um solche handelt es sich ja überhaupt, gestellt werden? Die Schauspieler hinwiederum beklagen sich über allzu geringe üage, was bei der allgemeinen Interesselosigkeit des Publikums kein Wunder ist, zumal die wenigen Claqueure, welche den Beifall erzeugen müssen, selbst die Kassen der Partei in Anspruch nehmen. Kurz und gut, es gab einen kleinen Streik und eine große Aufregung im Lager der Nationalsozialisten sowie in der Redaktion der „Deutschen Arbeiter-Fresse". Lin Kundschreiben, das von vier Mitgliedern der Parteileitung und vom ehemaligen Schriftleiter des Parteiblattes Müller unterzeichnet ist, fiel — unglücklicherweise! — Außenstehenden in die Hände, die nicht zögerten, dasselbe der Redaktion eines linksstehenden Wiener blattes zu übergeben. Aus dem Inhalte dieses wahrhaft niederschmetternden Dokumentes führen wir nur folgende erschütternde Tatsachen an: 1. Der ehrenamtliche Hauptschriftleiter der ,J3. A. P.", der bekannte Kadauantisemit Walter Gattermayer habe im Jahre 1920, als er nationalsozialistischer Wahlwerber war. als Gast im Hause eines Juden und noch dazu eines 2ionisten namens Schweinburg verkehrt und dessen Tochter sogar die the versprochen. Er sei auch in einem bekannten Wiener Kaffeehaus oftmals in Begleitung von Jüdinnen gesehen worden. 2. Die Verwalterin der „D. A. P." wird ebenfalls des Umganges mit Juden beschuldigt; zwar liegt in diesem Falle kein Eheversprechen vor, wohl aber — ein ganz kleiner Judenbub, welchen genannte Dame zur Welt gebracht hat. Allerdings war sie zu dieser Zeit, wie Parteiobmann Schulz in einer Entgegnung feststellt, „noch kein Mitglied der Partei", so daß sie von jeder Schuld freizusprechen ist. 3. wird in dem Rundschreiben behauptet, daß bei der Völkischen Pressevertriebstelle sogar „widernatürliche Schweinereien" vorgefallen seien. Wir stellen fest, daß dem Blatte, das diese „Enthüllungen" gebracht hat, von seiten der nationalsozialistischen Partei bisher keine Berichtigung zugekommen ist und bloß der in Salzburg erscheinende hakenkreuzlerische „Volksruf" in seiner Nummer vom „14. Nebelung" in einem ziemlich flauen Artikel über diese schrecklichen Tatsachen hinwegzugleiten trachtet. Vielleicht gelingt es trotz alledem, die inneren Gegensätze der Partei auszugleichen, um das Hakenkreuztheater wenigstens in Form eines Kasperltheaters weiterführen zu können. Damit würde sich auch die Partei die geplante Errichtung eines wahrhaft „arischen" Theaters ersparen. Das Herrenvolk. Einen bemerkenswerten, ja denkwürdigen Leitartikel hat am 21. Oktober 1925 das offizielle Amtsblatt „Ceskoslovenskä republika" unter dem Titel „Die antisemitische Internationale" gebracht. „Die Judenfrage in Ungarn kann nicht leicht gelöst werden; und es besteht kein Zweifel, daß dieses Problem für Ungarn ein ernstes ist, das weder durch den Antisemitismus noch durch Judenfreundlichkeit endgültig erledigt werden kann. Um so weniger kann es mit Hilfe von ausgesprochen antisemitischen Konferenzen gelöst werden, deren Teilnehmer lediglich von blindem Haß erfüllt sind. Die Ungarn müssen zuerst von den Juden die wirtschaftliche Tätigkeit lernen. Solange sie das nicht tun werden, hilft ihnen keine Konferenz auf der ganzen Welt. Nach Ausschaltung des jüdischen Elementes wäre heute das ganze Wirtschaftsleben in Ungarn wenn nicht gebrochen, doch bestimmt für lange Jahre untergraben. Und daraus folgt daß die Ungarn zuerst die mächtige Mittelklasse ihrer Bürger politisch gewinnen müssen. Nur dann werden sie mit dem Patriotismus der Juden rechnen können. Solange aber die Juden in Ungarn gezwungen werden, das herrschende Regime für ihren grundsätzlichen Feind zu halten, wird auch die Zukunft des Landes niemals in rosigen Farben erscheinen. Der neulich abgehaltene Antisemitenkongreß ist keine Tat, sondern eine ohnmächtige, wuterfüllte Geste. So handeln Menschen, die noch vor wenigen Jahren der Ansicht waren, daß mit der Massenermordimg von Juden die Judenfrage in Ungarn gelöst wird. Was unter solchen Umständen wachsen muß, ist der Haß des jüdischen Elementes Nr. 46 gegen die Machthaber im heutigen Ungarn und gegen die stiefmütterliche Heimat. Man vergißt heute in Ungarn der Zukunft wegen unsinniger Interessen und Gegenwartsphrasen. Dieser Fehler wiederholt sich häufig in der Geschichte des ungarischen Volkes. Und diesen r/ehler begeht nicht nur die innere, sondern auch die äußere Politik Ungarns. Das ungarische Volk kann sich nicht von dem Begritte des Herrenvolkes, seinem beliebten „urinep", freimachen und vergißt, wie notwendig es ist, von anderen zu lernen. Und es muß lernen, nicht nur von England und Deutschland, sondern auch — von den eigenen Juden!" Denkwürdig ist dieser Artikel eines offiziellen Amtsblattes. Die hier mit Entschiedenheit getadelten Verhältnisse haben allgemeine Gültigkeit. Daß ein amtliches Regierungsblatt feststellt, der Patriotismus der Juden müsse planmäßig erzogen werden, die wirtschaftliche Tüchtigkeit der jüdischen Bevölkerung sei als Vorbild nachzuahmen und die politische Zukunft eines Staates hänge in hohem Grade von der Einstellung zu dieser kulturell, ethisch und wirtschaftlich hochentwickelten Minorität ab, das alles sind Tatsachen, die in die weitesten Schichten der Bevölkerung dringen sollen. Die Mahnung „lernet von den Juden!" ist in der Geschichte nicht neu, dafür aber fast immer wirkungslos geblieben. Hitler der „Herzensmittler". Ein Lehrer teilte kürzlich in der „Königsberger Hartungschen Zeitung" mit, daß in der dortigen Vor städtischen Realschule ein Liederbuch im Gebrauch sei, worin Lieder enthalten sind, die Hitler, den „Herzensmittler", preisen. Unter anderem ist ein Lied mit folgendem Vers darin enthalten: „Gab's darum eine Herrmannsschlacht Und all die Türkenkriege, Daß heute gegen Judas Macht Das Deutschtum unterliege? Ward deshalb auf dem Leipziger Feld Die Völkerschlacht geschlagen, Daß wir nun doch aus Judengeld Geschweißte Ketten tragen?" Schlechte Witze. Nur . mit Widerwillen und Abscheu beschäftigen wir uns mit dem übelsten Gewächs im antisemitischen Pressesumpf, einem Blatte, das zwar an Niedertracht die übrigen Hakenkreuzblätter womöglich noch übertrifft, an Witz jedoch weit hinter ihnen zurückbleibt, offenbar deshalb, weil es selbst ein „Witzblatt" sein will. Wir meinen den „Kikeriki",, der das Judentum in Wort und Bild verhöhnen und beschmutzen will. In Wirklichkeit keit aber bleibt der Schmutz und Kot narr an denen haften, die ihn bereitet haben. Bezeichnend ist schon der Titel „Kikeriki". „Kräht der Hahn am Mist . . . ." heißt es nämlich in dem bekannten Sprichwort. Nennt sich das Blatt aus dem Grunde nur so, weil es seinen Inhalt damit näher bezeichnen will, oder deshalb, weil es den Ort angeben will, wo es hingehört? Wir wollen uns darüber nicht den Kopf zerbrechen, sondern lieber auf den letzten „Witz" hinweisen, den sich das Blatt geleistet hat. Auf der Titelseite befindet sich in seiner Ausgabe vom 5. November die Karikatur eines Juden und seiner Gemahlin, die bei einer reichlich gedeckten Tafel sitzen, und darüber steht geschrieben: „Die vom Bäckerstreik nichts gespürt haben". Unter dem lieblichen Bilde aber findet man folgenden Vers: „Es hungern Beamte, es hungern selbst Bäcker, nur der Jude wird täglich noch fetter und kecker!" — Bild und Vers gewähren einen erschreckenden Einblick in die Niedrigkeit und Dummheit mancher antisemitischen Schmierer. Den besten Witz leistet sich aber der „Kikeriki" damit, daß er den letzten Nummern Abdrücke aus der Wiener Ausgabe der „Protokolle der Weisen von Zion" beilegt, offenbar aus dem Grunde, um zur Erheiterung seiner Leser noch weiter beizutragen. Aber auch dieser Trick dürfte dem famosen „Witzblatt" keine weitere Verbreitung sichern und seine traurige Existenz wird hierdurch kaum verlängert. Man findet es nur in manchen Kaffeehäusern, darunter leider auch in einigen jüdischen, die es wahrscheinlich aus alter Gewohnheit weiterführen. Nimmt es aber wirklich einmal ein ahnungsloser Leser in die Hand, dann . . . „Ober, bringen S' ein Wasser, dem Herrn am Nebentisch ist schlecht worden!" Das gebrochene Ehrenwort. Unter gesitteten Menschen gibt es nichts, was mehr Abscheu und Widerwillen erregt, als der Bruch eines Wortes, die Nichteinhaltung eines gegebenen Versprechens. Einem moralischen Urempfinden entsprechend wird die Achtung vor dem gegebenen Worte in unmittelbarste Verbindung mit der Ehre gebracht und dieses daher als „Ehrenwort" bezeichnet. Ja selbst bei wilden Völkerschaften, denen im übrigen unsere sittlichen Anschauungen ermangeln, ist eine mit mystischen Vorstellungen verbundene Scheu vor jeglichem Wortbruche festgestellt worden. Leider gibt es in unserer Mitte Menschen, die zwar in ihrem Betragen einem wilden Völkerstamm in keiner Weise nachstehen, dennoch aber