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Die Wahrheit · 1925-11-20 · Heft 46 (20.11.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 46 (20.11.1925)
Date
1925-11-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 46 DIE WAHRHEIT Seite 7 Der Antisemit oder: Wirkung der Aufklärung. Eine Reisebegebenheit von Heinrich Fischer. Nach den Strapazen einer längeren Reise tat es wohl, sich auf der Fahrt nach Hamburg der Ruhe hingeben zu dürfen. Doch diese erhoffte Ruhe wurde gestört, als sich eine Stimme vernehmen ließ: „Natürlich, der Jude macht sich breit!" Der Herr, der mich durch diesen Zuruf um meine Ruhe zu bringen drohte, war ein junger Mann von schlankem Wüchse, intelligentem, sympathischem Gesichtsausdrucke. Ich erwog: Soll ich ihn der Auszeichnung würdigen, auf derlei zu reagieren, oder, um Aufregungen zu vermeiden, mir vortäuschen, den Schimpf überhört zu haben? Ich entschied mich für das erstere, räusperte mich und begann: ihre Sprache. Ihr Gehaben, Ihr Aeußeres verrät Intelligenz und läßt darauf schließen, daß Sie aus besserem Milieu stammen. Sie werden also wohl mit sich im Reinen darüber sein, was Sie sprechen, werden gewiß schwerwiegende Gründe dafür haben, sich berechtigt zu wähnen, mit einem Worte, nicht nur einen Einzelnen, sondern gleich eine ganze Gemeinschaft aufs Gröblichste zu beleidigen. Möchten Sie mir nicht erklären, welches eigentlich Ihre Beweggründe für solch eine schimpfliche Aeußerung sind? Ich frage nicht aus Neugierde, sondern aus beleidigtem Selbstgefühle, denn ich bin wirklich Jude. Warum ich mich so äußere? Weil ich Antisemit bin! Und warum ich es bin? Aus demselben Grunde, aus welchem es einen Antisemitismus überhaupt gibt! So! Damit haben Sie aber noch gar nichts gesagt So spricht einer, der die Erbärmlichkeit seiner Sinnesart nicht zoi rechtfertigen vermag und sie mit einem noch erbärmlicheren Schlagworte verdecken zu können meint. Und was für ein Antisemit sind Sie eigentlich? Denn es gibt, nebst dem religiösen Antisemitismais, der jedoch zu absurd ist, um sich damit befassen zu müssen, dreierlei Sorten. Zur ersten Kategorie gehören jene, die den Antisemitismus sozusagen mit der .Muttermilch eingesogen haben. Das sind die sogenannten öeburtsantisemiten, die sich oft aus ehrenwerten Leuten rekrutieren, sich aber wohl nie die Mühe genommen haben, die Berechtigung ihrer Animosität gegen die Juden, wofür in Beutschland — ganz xuirichtig — das sämtliche semitischen, ..also auch nichtjüdischen, Stämme betreffende Wort Antisemitismus, geprägt wurde, zu prüfen. Der zweiten Art gehören jene an, die ihre jüdische Aversion ostentativ bekunden -rbeüeibe nicht aus innerer Ueberzeugung, sondern bloß um sich dieserart -bemerkbar zu machen und derart emporzukommen, finden sichunter diesen doch Legionen solcher, die, nach verrichtetem Pensum, mit dem Juden geheim oder auch offen verkehren, mit ihm paktieren imd den philosemitischen Regungen des parteilosen Herzens zu dauernden Bündnissen gerne nachgeben. Solcher Ehen gab und gibt es in die Tausende. Ein derart famoser Antisemit z. B. war der gute Lueger. Durch seine iKneipen-Brandieden wußte er sich die Gunst gewisser Persönlichkeiten ähnlicher Mentalität und mit dazu selbstverständlich ein bißchen auch die Position des Oberbürgermeisters '{•Wiens zu ereifern, die allerdings etwas einträglicher war als die des unbemittelten liberal-demokratischen Advokaten Dr. Karl Lueger. Mit seinen zahlreichen jüdischen ■Ffresaiden verkehrte er während seiner Demagogie öftentüeh ebenso intim wie zur Zeit seiner Glanzperiode und er machte {nie ein Hehl daraus, daß seine Aufwiegelungen „ka Judeni^lF&serei, sondern nur Politik" seien. Das ist die Sorte der FStreber- oder Berufsantisemiten, die nach dem Muster der ge- Irffräßigen Raupen, je nach dem Stande der . . . Sonne, auch der (Metamorphose zu lieblichen Schmetterlingen fähig sind. Zur Hetzten Sorte gehören die armen Taglohn-Antisemiten, die ihre strengen Geschäftsgrundsätze und daher — versteht sich —« fixen Preise haben. Je größer der Schimpf, den man bei ihnen bestellen kann wie etwa' beim Wasenmeister das. Besudeln des Gartens, desto höher natürlich die Taxe. Das Arrangement von hübschen Balgereien, öffentlichen Skandalen unterliegt — und ist das bei den hohen Preisen des Schnapses, der die edle Begeisterung und den — beinahe noch edleren Geifer für die heilige Sache erzeugt, zu verwundern? — einer speziellen Taxation. Nun sagen Sie mir doch, welcher Art Sie angehören? — Ich bin überzeugter Antisemit und gleichzeitig Hakenkreuzler! — So, das läßt sich hören! Leuten, die aus Ueberzeugung handeln,, darf man die Achtung vorweg snicht versagen. Also . erklären Sie, warum Sie Antisemit sind, lassen Sie mich Ihre Motive kennen, , die Sie bewogen, das ganze Judentum, nur so in contumaciam zu verurteilen. Ich will mit Ihnen nicht rechten; #och dürfte sieh die Analyse des Wesens des Antiseimtisnnas för beide Teile verlohnen. Sie müssen mir darauf riatatlläh nicht antworten, sich's dann aber schon gefallen lassen, daß jene Verachtung, die Sie vorhin zum Ausdrucke brachten, aui Sie zurückfalle. Es folgte eine Kunstpause. Der Junge wurde verlegen, blutrot bis in die Ohrenspitzen. Er hüstelte . . .. doch faßte er sich rasch wieder und entgegnete: — Ich weiche Ihrer Frage nicht aus. Antisemit war ich schon in der Kinderstube von dem Moment an, da wir Kleinen mit Entsetzen die Leidensgeschichte Jesu gehört haben. Außerdem ist es ja bekannt, daß der Jude von der Uebervorteilung anderer lebt, sich überall vordrängt. Und dann: kann etwa die Figur des polnischen Juden mit seinem verwahrtosten Aeußeren Sympathie erwecken? Ich bin eben als moralisch Denkender Antisemit! (Schluß folgt.) Eine stürmische PIenarVersammlung der israelitischen Kultusgemeinde in Wien. In der öffentlichen Plenarversammlung, welche am 18. d. M. unter dem Vorsitze des Präsidenten, des Univ. Prof. Doktor Alois Pick, stattgefunden hat. kam es bereits während Verlesung des Einlaufes zu erregten Auftritten. Die Budapester Kultusgemeinde feiert am 22. d. M. die 30jährige Wiederkehr der Rezeption der Juden in Ungarn und den 125jährigen Bestand ihrer Gemeinde. Das Vorspiel zu diesen Feierlichkeiten lieferte die jüdischnationale Gruppe des Kulturvorstandes, indem Oberbaurat Stricker nach Verlesung einer Einladung der Budapester Gemeinde zu diesen Feierlichkeiten jegliche Teilnahme ablehnte, „weil die derzeitigen Machthaber dieser Gemeinde den Schützern des Judentums in den Rücken gefallen seien." Trotzdem die Vertreter der Union, Dr. T i c h o, Baurat Kempler und Vizepräsident Dr. Ornstein sich warm für die Beteiligung ausgesprochen hatten, wurde der Antrag auf Beteiligung infolge Stimmenenthaltung der sozialistischen Gruppe mit einer Stimme Majorität abgelehnt. Es entstand ein Chaos.*) Die Vereinigung der Vorstandsmitglieder, welche der „Union" angehören, hat hierauf folgende Resolution gefaßt, welche Dr. T i c h o verlas: „Der von-mir vertretene Klub protestiert gegen die, allen Geboten der internatonalen Höfichkelt und den Gefühlen der überwiegenden Majorität der Wiener Judenschaft widersprechende Ablehnung des Antrages auf Beteiligung an den Feierlichkeiten zur Erinnerung an die Rezeption der Juden in Ungarn und an die 125 Jährige Gründungsfeier der Kultusgemeinde Budapest. Er begrüßt auf diesem Anasse die Scbwestergemelnde» die ihre Anhänglichkeit an das Wiener Judentum zu jeder Zeit bekundet hat, auis herzlichste und begleitet ihre weitere Entwicklung mit den Gefühlen der innigsten Anteilnahme." Nachdem diese Resolution verlesen worden war, wurde auf Antrag der „Union" die Sitzung geschlossen. *) Wir werden auf die Einzelheiten, da wir diese Zeilen während der Drucklegung unseres Blattes schreiben, noch näher zurückkommen. ■ Sie nicht das Abonnement zu j 5 erneuern. Unterstützen Sie bei 5 [ jeder sich bietenden Gelegenheit S unseren Prefifonds j StMHllMMMif»WfMiMWMWHWiiiw«,Mni»ii«wmnimmmMMHMiii't

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