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Die Wahrheit · 1925-11-20 · Heft 46 (20.11.1925) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 46 (20.11.1925)
Date
1925-11-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 tM WAHRfiElT Kr. 46 zugetreten ist." Frau Dr. Schwarzwald gehört sicherlich zu den vielseitig gebildeten jüdischen Frauen und doch scheint es ihr völlig unbekannt geblieben zu sein, daß bereits Hillel, ein Lehrer des Talmuds, der etwa sieben Jahrzehnte vor Christi Geburt gelebt, es war, der das im alten Testament zuerst gelehrte Gebot der Nächstenliebe als das Grundgesetz der Thora erklärte, daß er es war, der den so populär gewordenen Satz geprägt: „Das dir unlieb ist, tue nicht deinem Nächsten", dem er noch hinzufügte: „Das ist das ganze Gesetz, von dem alles abgeleitet werden kann." Das Judentum, dessen innerster Kern eben diese Auffassung der Nächstenhebe bildete, brauchte also, um diese Lehren zu fassen und zu ergänzen, nicht erst auf die Entstehung des Christentums zu warten. In ihrer alten Thora, deren menschheitsbeglückende Ethik nicht mit den Lehren des Dekalogs erschöpft ist, fanden die Juden schon das Gebot: „Liebe auch den Fremden wie dich selbst", die auf ihre Peiniger bezügliche Vorschrift: „Verabscheue nicht den Aegypter, denn du warst ein Fremder in seinem Lande" und schließlich sogar die Forderung, selbst dem Tiere des Feindes aufzuhelfen, wenn es .unter seiner Last zusammenbricht. Man kennt die krampfhaften Bemühungen christlicher Theologen, ihren bibelunkundigen Gläubigen einzu- , reden, die Nächstenliebe sei eine funkelnagelneue Erfindung des Neuen Testaments, es ist wahrhaftig ganz überflüssig, daß ihnen bei diesem Unternehmen noch die Unterstützung von jüdischer Seite zuteil wird. * * * Es braucht wohl nicht erst gesagt werden, daß Frau Dr. Schwarzwald, deren unermüdliches Streben, Gutes zu schaffen, zu bekannt ist, als daß ich es erwähnen müßte, zu ihren religionsgeschichtlichen Exkursen bona fide und nur infolge unzulänglicher Kenntnis des Judentums und seiner Religion gelangt ist Es wäre eine doppelt erfreuliche Fügung, wenn selbst eine Entgleisung der geistig hochstehenden Frau auf einem ihr fremden Gebiete segensreiche Folgen hätte. Ich könnte es mir denken, daß Rabbiner und Religionslehrer gerade aus diesem Falle es erkennen, wie wünschenswert und ersprießlich es wäre, dafür zu sorgen, etwa durch Veranstaltung von Vorlesungen über diese Themen, daß auch die jüdischen Frauen eine gründlichere Kenntnis über das Wesen des Judentums und den innersten Kern der jüdischen Religion gewinnen, die sie mit Stolz über ihre Zugehörigkeit zum Judentum erfüllen müßte. Demut und Bescheidenheit sind gewiß Tugenden, aber sie sollen im Sinne der jüdischen Religion, die sich nicht für die alleinseligmachende hält, und nicht auf deren Kosten geübt werden. Das Judentum hat es nicht notwendig, sich die Rolle des sittlich Zurückgebliebenen aufdrängen zu lassen, der der Belehrung über wahre Nächstenliebe bedürftig ist. Man hat nicht den bescheidenen Empfänger zu spielen, wo man der reiche Spender war. Das Verdienst, die Anregung zu einer Aktion gegeben zu haben, die geeignet wäre, den jüdischen Frauen und Mädchen zu einem tieferen Verständnis über die wichtigsten Fragen des Judentums zu verhelfen, sie in ihrer Treue und Begeisterung für ihre Religion zu stärken, möchte ich neidlos — Frau Dr. Schwarzwald zuerkennen. * *~ * Den Professoren der deutschen Technik m Brünn möchte ich herzlichst das Studium der Bücher Masaryks empfehlen. Ich will nicht behaupten, daß sie als gesinntrngstüchtige deutsche Männer durch diese Werke zur Begeisterung für den Politiker Masaryk hingerissen werden müßten, aber sie würden sicherlich aus ihnen darüber belehrt werden, daß das ein Mann ist, der sich den Kopf frei von konfessioneller Borniertheit zu halten verstanden hat. Wäre den deutschen Professoren in Brünn Masaryk nicht so ganz unbekannt geblieben, dann hätten sie vielleicht von der Millionenspende, die er für die Hebung und Erhaltung der Fürsorgeinstitutionen an der deutschen Technik widmete, die jüdischen Studenten (22,2 Prozent) nicht so gründlich ausgeschlossen. Freilich, sollte man glauben, daß die deutschen Professoren auch so hätten erkennen müssen, daß die Ausschaltung nicht im Sinne der Widmung gelegen sein konnte, die keine Unterschiede der Nationalität und der Konfession kennt. Wer sich erinnert, daß an einer anderen deutschen Hochschule einst ein Reise-Stipendium für junge Gelehrte von einem jüdischen Mäzen gestiftet worden war, das niemals einem Juden zuteil wurde, wird das Vorgeben der Brünner Herren nicht gar so streng beurteilen; die Millionenspende floß ja nicht aus reinjüdischen Taschen. Die jüdischen Studenten haben in einer Resolution Protest gegen diesen Beschluß des Professorenkollegiums erhoben und sich auch an den Präsidenten Masaryk gewendet. Sie werden sich in der Hoffnung, bei diesem Hilfe zu finden, kaum täuschen. Die Brünner Professoren dürften allerdings in ihren Sympathien für die jüdischen Studenten durch diesen Protest nicht wesentlich bestärkt worden sein. Unter den Spendern für Hochschulzwecke findet man eine unverhältnismäßig hohe Zähl von Juden. Müssen ^e Juden jetzt auch noch prozentuell an den Spenden teilnehmen? Müssen sie überall dabei sein? * * * Wie seltenfindet das wahre Verdienst seine Anerkennung! Da berichten die Zeitungen,,, daß Herr v. Beniezky, der ehemalige ungarische Minister des Innern, in zweiter Instanz eine Herabsetzung seiner Gefängnisstrafe von drei Jahren auf zwanzig Monate erreicht hat. Das bedeutet eine Entlastung des Staates, der seine Gefangenen verpflegen muß. Herr v. Beniezky ist aber auch zu einer Geldstrafe von 13 Millionen Kronen verurteilt worden. Däs bedeutet wieder eine Mehreinnahme für den Staat, die eigentlich Sr. Durchlaucht dem Reichsverweser, Herrn von Horthy, zu verdanken ist, da sie wegen einer ihm zugefügten Beleidigung erfolgte. Die Strafgelder, die aus diesem Titel seit Jahr und Tag dem Staate, zufließen, müssen bereits eine enorme Summe ausmachen, denn Herr v. Horthy gehört zu den am meisten beleidigten Staatsoberhäuptern der Welt. Die Zahl der Personen, die Herr v. Horthy bisher beleidigt hat, ist gewiß eine stattliche, aber sie verschwindet gegenüber der Zahl Jener, die ihn beleidigten. Und alle müssen dann zahlen! Hat jemand noch daran gedächt, diese erfolgreichen Bemühungen Horthys um die Sanierung der ungarischen Staatsfinanzen zu würdigen? Graf Bethlen hat neulich eine dunkle Andeutung über die Verdienste Horthys gemacht, die man nur zum Teile erst kennt. Sollte er vielleicht an diese Strafgelder gedacht haben? Vielleicht .... "Ego.

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