Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 46 (20.11.1925)
- Date
- 1925-11-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 Dlfc WAHRHElt Seite 5 chungshaft, der mit der Steiger-Affäre in Verbindung stehende Prozeß gegen die Lemberger jüdischen Bürger Jäger, Kornhaber, Glasermann und Genossen, die beschuldigt würden, zwecks Entlastung Steigers, einen Ukrainer Mikietin veranlaßt zu haben, einen anderen Ukrainer als Täter zu bezeichnen, hat zwei Menschenleben gekostet, in ganz Polen tobt seit einem Jahre auf Grund dieser Affäre eine blutrünstige antijüdische Hetze — der Täter Olschansky, seine Genossen in Berlin und ihre deutschnationalen und völkischen Freunde finden es nicht für nötig, auch nur einen Finger zu rühren, wiewohl die restlose Enthüllung der Wahrheit über das Attentat dem Zwecke dienen müßte, dem zuliebe das Attentat überhaupt begangen wurde. Denn schließlich werden politische Attentate doch nur darum gemacht, damit die Oeffentlichkeit auf den Uebelstand aufmerksam gemacht werde, den der Attentäter und die hinter ihm stehenden Kreise als unerträglich betrachten. Trotzdem beobachteten die in Deutschland lebenden, mit den völkischen deutschen Elementen in inniger Verbindung stehenden Angehörigen der terroristischen ukrainischen Militärorganisationen unbegreifliches, ihren eigenen Interessen und jeder Rechtlichkeit widersprechendes Schweigen. Woher die Aenderung der Sinnesart Olschanskys, der ehrlicherweise sofort nach der Ankunft im Auslande der Wahrheit die Ehre gegeben hat? Woher die merkwürdige Vertuschung der ganzen Angelegenheit durch die deutschen Behörden, die die Möglichkeit hatten, dem internationalen Rechtsbewußtsein zu dienen, und einem unschuldig angeklagten mit Todesstrafe bedrohtem Opfer der Lemberger Untersuchungskomödie zur Freiheit zu verhelfen? Bei unseren Brüdern in New York. Von Chajim Bloch. (Fortsetzung.) In New.-York bestehen verschiedene Landsmannschafts-Föderation, die das Leben der eingewanderten Juden beeinflussen. Die bedeutendste unter ihnen ist der „Verband der polnischen Juden in Amerika'\ der siebzig Organisationen umfaßt. Er hat in den letzten Jahren die Errichtung eines Denkmals des Chajim Salomon, des ersten jüdischen Einwanderers aus Polen, beschlossen und Schritte unternommen, um die Erlaubnis zur Errichtung des Salomon-Denkmals in einem der Stadtparks, wahrscheinlich auf dem Madison Square, einem der größten und schönsten öffentlichen Plätze New Yorks, zu erlangen. Salomon wurde im Jahre 1740 zu Lissa in Polen geboren und verließ nach der Teilung Polens im Jahre 1772 seine Heimat. Er siedelte sich in New York anv kämpfte während der Revolution für die amerikanische Unabhängigkeit und beschaffte den amerikanischen Freiheitskämpfern die nötigen Finanzmittel zur Führimg des Krieges. Salomon wurde von den Engländern im September 1776 gleich nach der Besetzung New Yorks durch die Briten als Spion ins Gefängnis gesteckt, in dem er lange Zeit schmachten mußte. Ein im Jahre 1850 von dem Senatskomitee der Vereinigten Staaten erstatteter Bericht besagt, daß Salomon der Regierung durch Geldvorschüsse große Unterstützungen gewährte, wodurch der Unabhängigkeitskampf sehr gefördert wurde. Die aus G a 1 i z i e n und der Bukowina eingewanderten Juden bilden eme Vereinigung für sich. An ihrer Spitze steht gegenwärtig der reiche Realitätenhändler Philipp Watte n b e r g. Dem Verbände der ukrainischen Juden steht der bekannte Schriftsteller und seinerzeitige Schriftleiter der „Welt", Dr. A. Kora 1 nik, vor. Auch die rumänischen Juden haben sich zu einer einflußreichen Föderation vereinigt und ebenso die aus den Orientländern stammenden. Eine besondere Bedeutung kommt der Vereinigung der ungarischen Juden zu, deren Präsident der stellvertretende Oberstaatsanwalt Dr. Samuel B u e c h 1 e r ist. Anläßlich der letzten Präsidentenwahl hat der Verband an den republikanischen Kandidaten Präsidenten Coolidge, den demokratischen Kandidaten Davis und an den unabhängigen Kandidaten Senator La Folette ein Schreiben gerichtet, in welchem gegen die Behandlung der Juden in Ungarn unter der Regierung des Admirals Morthy protestiert wird. Dr. Buechler, als Präsident des Verbandes, richtete an die Präsidentschaftskandidaten die Frage, ob sie sich nach ihrer Wahl bemühen werden, für eine Aenderung der in Ungarn herrschenden Verhältnisse zu wirken. Dr. Buechler stellte in dem Schreiben fest, daß der Verband der ungarischen Juden in Amerika sich aus Hunderten von Zweigvereinen sozialen, gesellschaftlichen und erzieherischen Charakters zusammensetzt und eine Viertelmillion Juden umfaßt, und schilderte ausführlich die unhaltbaren Zustände in Ungarn. Was die jüdische Presse Amerikas anbelangt, so erscheinen in New York 5 Tageszeitungen in jiddischer Sprache. Der „Vorwärts", das Blatt der Sozialisten, hat eine Auflage von fast 200.000 Exemplaren. Das „Morgenj o u r n a 14\ das man als Organ der Bürgerlichen bezeichnen kann, erscheint in einer Auflage von ungefähr 1,500.000 Exemplaren. Die eigentliche Seele des Blattes ist Peter W i e r n i k, ein bedeutender Gelehrter und Verfasser des Werkes „Geschichte der Juden Amerikas". Er gibt wöchentlich in seinem Blatte eine literarische Umschau, die für sehr wertvoll gehalten wird. Der „Tug", der einen jüdischnationalen Standpunkt vertritt, wird von den national gesinnten Juden gelesen. Das von Bublik geleitete „T a g b 1 a 1t" ist ausgesprochen misrachistisch. Viele Redakteure dieser Zeitungen stammen aus Oesterreich, manche haben sogar in Wien studiert. Eine führende Rolle innerhalb des New Yorker Judentums nimmt die von Hermann Bernstein geleitete unparteiische „Jewish Tribüne" ein. Bernstein blickt auf eine 25jährige fruchtbare journalistische Tätigkeit zurück. Die Wochenschrift „American Hebrew" ist das Blatt der Reformjuden. Die Monatsschrift „Menorah" konnte in mancher Beziehung mit Bubers „Juden" verglichen werden. An dieser Stelle soll auch die „Jewish Publication Society of America" (Jüdische Verlagsvereinigung) mit dem Sitze in Philadelphia erwähnt werden. Diese Vereinigung, welche beinahe 15.000 Mitglieder in ganz Amerika und auch im Auslande zählt, hat bis heute fast 100 wertvolle Werke auf verschiedenen Wissensgebieten des Judentums herausgegeben und trägt viel zur Festigung des Judentums in Amerika bei. Seit mehr als 25 Jahren gibt sie ein Jahrbuch „The American Jewish Year Book" heraus, in welchem Aufsätze wissenschaftlichen, politischen und allgemeinen Inhaltes veröffentlicht werden. Seit dem Jahre 1920 liegt die Redaktion des Jahrbuches in Händen des Herrn Harry S c h n e i d e r m a n n, Sekretär des American Jewish Commites. In den letzten Jahren hat der Verlag seine Tätigkeit bedeutend ausgebreitet. Dies ist der Rührigkeit und dem besonderen Verständnis des Sekretärs Herrn George Dobsevage zu verdanken. Dieser, der Sohn eines bekannten russischen Gelehrten, ist auch Mitarbeiter der Jewish Enzyclopedie. (Schluß folgt.) Glossen. In einem Artikel der „N. Fr. Pr/k, der Betrachtungen über Republik und Republikaner enthält, hat Frau Dr. Eugenie Schwarzwald auch das religiöse Gebiet gestreift und der Pflichten der Nächstenliebe gedacht, die im Namen der Religion gelehrt werden. Sie zitiert hierbei — seltsamerweise just in französischer Sprache — den Satz: „Tue niemandem, was du nicht willst, daß dir geschehe" und wendet sich dann mit Schärfe gegen den egozentrischen Satz: „Sehe jeder, wo er bleibe, sehe jeder, wie er es treibe und wer steht, daß er nicht falle*', denn sie meint mit vollem Recht, daß es einen wahren Menschen sehr angehe, daß auch die anderen, gleichgültig ob mit oder ohne ihr Verschulden, nicht fallen. Minder berechtigt aber ist die Versicherung, mit der sie ihre Zitate schließt: „Dies ist der innerste Kern des Christentums, welcher als notwendige Ergänzung zu der Gerechtigkeit des alten Dekalogs hin-