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Die Wahrheit · 1925-11-20 · Heft 46 (20.11.1925) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 46 (20.11.1925)
Date
1925-11-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 46 Doch hat man Versuche unternommen, um die Emigranten aus den wüsten Inseln wegzubringen. Das Schmuggeln von Emigranten nach Nordamerika hat momentan einen großen Umfang angenommen, es wurde ein größeres Geschäft damit gemacht, mehr als mit Schnapsschmuggeln. Seit den letzten sechs Monaten, seit welchen die schauderhafte Quote eingeführt wurde, sollen nicht weniger als 60.000 Emigranten nach Nordamerika geschmuggelt worden sein. Dieses Geschäft hat den Berufsschmugglern über 300.000 Dollar eingebracht. Diese Schmuggler haben ihre Vertreter in europäischen und auch in den amerikanischen Hafenstädten, wo die verzweifelten Emigranten herumirren. Sie werden durch Kanada, Mexiko und Kuba geschmuggelt, wofür sie zwischen 250 bis 2500 Dollar pro Person bezahlen müssen. Kuba ist das Hauptzentrum für Emigrantenschmuggel. Oft werden die Emigranten durch Wälder und Sümpfe geführt, wo sie geschlagen und beraubt werden. Solche Unglücklichen findet man hundertweise in den Wäldern und Sümpfen verwundet, beraubt, ausgehungert und bewußtlos hegen. Ein großer Teil dieser verzweifelten Menschen, die sich in die Hände der gewissenlosen Schmuggler werfen, sind Emigranten aus den Ländern, die zu der geringsten Quote gehören: Aus Polen, Rußland, Ungarn, Böhmen usw. Eine sehr traurige Geschichte ist letzthin mit sechs jüdischen Familien aus Rußland, die durch Schmuggler verführt wurden, passiert. Sie sitzen alle im amerikanischen Gefängnis und werden nach dem Gesetz aus dem Lande gewiesen. Es wurden Schritte unternommen, zu erreichen, daß diese unglücklichen sechs Familien wenigstens nach Kanada gehen dürfen, doch sind die Aussichten sehr schwach. Unzählige Emigranten wurden von den Meeresfluten verschlungen. Dafür, daß die übrigen nicht durch Verzweiflung zugrunde gehen, müssen die jü-. dischen Emigrationsgesellschaften sorgen. Volkische Schule. Von Dr. M. Waldmann (Berlin). Es ist kein Zufall, daß der in Lemberg gegen den jüdischen Studenten Steiger vor sich gehende Monstre-Prozeß, dessen Dauer für ungefähr acht Wochen angesetzt ist, seine Wellen bis nach. Deutschland schlägt und abgesehen von seinem allgemein jüdischen Interesse das deutsche Judentum unmittelbar berührt. Auf Grund der Enthüllungen infolge der Kleinen Anfrage des Abgeordneten Badt und der Antwort des preußischen Ministers des Innern, Severing, steht es zweifellos fest, daß der wirkliche Attentäter gegen den polnischen Staatspräsidenten der Ukrainer Olschansky ist, der vier Wochen nach dem Attentate über die deutsche Grenze kam und hier in Deutschland Zuflucht gefunden hat. Es bedurfte erst der Spitzeltätigkeit eines polnischen Konfidenten, der auf der Beuthener deutschen Polizei den Polizeiakt mit dem Geständnisse Olschanskys abschrieb und die Kopie zur Kenntnis der polnischen Behörden brachte, um darzutun, daß deutsche Behörden seit Jahresfrist genau gewußt haben, wer der Schuldige an dem Lemberger Attentat und daß der seit vierzehn Monaten im Lemberger Gefängnis schmachtende jüdische Student Steiger unschuldig ist. Ein Jahr lang haben die deutschen Behörden geschwiegen, obwohl in großen deutschen Tageszeitungen im Laufe dieses Jahres der Fall Steiger ausführlich behandelt wurde und zweifellos auch zur Kenntnis jener Behörden gelangt sein mußte, die in ihren Akten die Wahrheit über das Attentat wußten. Es drängt sich die Frage auf: welche Kräfte sind im Spiel gewesen, damit diese Behörden ihr Geheimnis wahren, es nicht an übergeordnete Stellen leiten und veranlassen, daß ein in Vorbereitung begriffener Justizmord verhindert werde? Durch Zufall hat ein deutscher Parlamentarier von dem Stand der Dinge erfahren und durch das Hinaustragen der Angelegenheit in die Oeffentlichkeit die preußische Staatsregierung gezwungen, Rede und Antwort zu stehen. Wäre nicht die Tätigkeit des polnischen Spitzels und der Zufall, daß Abgeordneter Badt von der Existenz dieses Spitzelberichtes erfuhr, so hätten die deutschen Behörden auch weiterhin in ihrem Schweigen verharrt. Aber auch jetzt weigern sich die verantwortlichen Stellen in Deutschland, vor allem das Auswärtige Amt, den Inhalt der Akten in der Angelegenheit Olschanskys restlos der Oeffentlichkeit und der polnischen Regierung preiszugeben. Für dieses Verhalten müssen doch schwerwiegende Gründe vorhanden sein. Unser einfacher Untertanenverstand kann das nicht begreifen und muß zur Annahme gelangen, daß in den Aussagen Olschanskys und in der Behandlung dieser Affäre, soweit sie Deutschland angeht, Geheimnisse verborgen sind, deren Preisgabe den deutschen Behörden mit Rücksicht auf gewisse Kreise, die durch diese Enthüllungen kompromittiert werden können, unangenehm ist. Man vergegenwärtige sich die Entwicklung der Angelegenheit Olschanskys! Der junge ukrainische Student, der in tiefer Ueberzeugung von der Berechtigung seiner Tat nach Deutschland kommt, verheimlicht diese Tat nicht, sondern gesteht freimütig zuerst vor der Polizei und dann in öffentlicher Gerichtsverhandlung, was er getan hat. Er nennt die Namen seiner Helfer, die Namen derjenigen, die ihm Geld gegeben und ihm zur Flucht verholfen haben, die Namen derjenigen, die ihm Unterkunft und Beschäftigung in Berlin versprochen haben. Er tat das offenbar im Glauben, daß durch seine Aussagen Europa auf die seiner Meinung nach unerträglichen Verhältnisse, unter denen die Ukrainer unter polnischer Herrschaft leben, aufmerksam gemacht werde und daß zugleich der Verdacht, der gegen den unschuldigen Steiger gehegt wurde, zerstreut wird. Das Gegenteil von Olschanskys Absicht tritt ein. Polizei und Gericht behandeln seine Aussage als Geheimnis. Er kommt, da es nicht anders geht und er wegen der bestehenden Verordnungen und Gesetzte bestraft werden muß, sozusagen mit einem gelinden Verweis davon und man gestattet ihm, unbehelligt nach Berlin zu reisen, wo er In einem deutschnationalen Büro weitgehende Förderung findet. In Berlin scheinen er und seine Freunde in der Richtung beeinflußt worden zu sein, so zu tun, als. ob er nicht schon alles den deutschen Behörden gestanden hätte. Die Entwicklung der Affäre Steiger nahm grauenhafte Dimensionen an. Viele Menschen wurden in Lemberg monatelang im Gefängnis, gehalten, Steiger selbst sitzt über ein Jahr in Untersu-

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