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Die Wahrheit · 1925-11-20 · Heft 46 (20.11.1925) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 46 (20.11.1925)
Date
1925-11-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 46 DIE WAHRHEIT Seite 3 ligion, die trotz ihres ehrwürdigen Alters stets jung geblieben ist. Wir haben gesehen, daß sich die jüdische Jugend in ihrem ganzen Denken und Fühlen sowie auch in ihren Handlungen von idealen Motiven leiten läßt und daß sie, mag auch ein unmittelbares wirtschaftliches oder politisches Interesse vorwalten, stets ihren Sinn auf das Höchste und Allgemeinste richtet. Mag sie in diesem edlen Streben auch oft auf Abwege geraten und der Macht von Schlagworten und Phrasen unterliegen, die Richtung ihres Weges, von der im Anfang gesprochen wurde, führt nach aufwärts. Ebenso wie sie den Nationalismus überwunden hat, der ihrem Wesen nicht zusagte, genau so wird diese Jugend auch den Versuchen der Sozialdemokratie, sie ihrer Religion zu entreißen, nicht erliegen. Der feste Punkt aber, der aus dem Nebelmeer der Anschauungen, Ideen und Theorien hervorleuchtet, das ist der wahre, unverwüstliche jüdische Oedanke, der in immer neuer Form und doch sich stets gleichbleibend unsere Jugend beseelt. Zu ihm wird sie sich schließlich doch hindurchringen, wie er sie ja nie vollkommen verlassen hat. An uns liegt es, ihr den Weg zu weisen, den sie aus innerstem Antriebe beschreiten will, an uns liegt es, sie davor zu behüten, daß sie in die tiefen Abgründe falle, welche sich rechts und links vom Wege befinden. Dann braucht uns um die Zukunft des Judentums nicht bange zu sein, dann können wir getrost sagen: Der Weg, denunsere Jugend wandelt, ist der richtige. vordem preisgegeben hat. Wie Jakob von den alten Weisen als der gezeichnet wird, der die Lehrhäuser besuchte, die Stätten und Quellen der Bildung und geistigen Werte bevorzugte, von dem Erbgiite des Vaters nichts anderes als die Höhle Machpela beanspruchte und der Mann war. der von der Leiter träumte, die von der Erde zum Himmel führt, so gibt es Menschen, die um geistiger Güter willen, auf irdische Vorteile verzichten können. In Jerusalem lebte R. Zadok, der vierzig Tage fastete, damit Gott sich der Stadt erbarme. Als er mit dem Fasten zu Ende war, gab man ihm eine getrocknete Dattel als Speise. Er verzehrte auch diese nicht ganz. Eine halbe Dattel war ihm genug. Wie Esau sein Leben wagte, um Wildpret zu erjagen, alle irdischen Schätze nach dem Tode des Vaters an sich nahm und die Erstgeburt um ein Gericht Linsen verkauft hatte, so gibt es wiederum Menschen, die lieber nicht leben als auf die Genüsse des Daseins zu verzichten. Martha, die Tochter des Boetus, war die reichste Bürgerin Jerusalems. In der Zeit der Hungersnot schickte sie ihren Diener auf den Markt, Feinmehl zu kaufen. Es war ausverkauft. Da schickte sie um Weißbrot; auch dieses war nicht mehr zu haben. Sie schickte um Schwarzbrot. Es war nicht mehr da. Sie schickte um Gerstenmehl, aber der fHener kam mit leeren Händen zurück. Nun ging sie selber. Sie sah das ganze Elend der Hungersnot Ein solcher Ekel erfaßte sie, daß sie starb. Ihr gleichen dfe, die Reichtum und Luxus brauchen, um zu leben. Jakob und Esau sind Typen für die Menschen. Es wird solche wie Jakob und solche wie Esau geben, Käufer für die idealen, und Käufer für die realen Werte des Lebens. Die Frage, wer von beiden recht hat, hat die reiche Martha, Tochter des Boetus beantwortet, als sie sterbend ihre Schätze auf die Straße streute und sprach: All dies, wozu soll es mir? _ K. Das tragische Schicksal jüdischer Auswanderer. Von L. Wölfl Die anhaltende wirtschaftliche Krise in verschiedenen osteuropäischen Ländern, besonders dort, wo die jüdischen Massen konzentriert sind, hat Tausende von Juden gezwungen, den Wanderstab zu ergreifen. Diese unzähligen Auswanderer wollten hauptsächlich, nachdem die Einreise und die Existenzmöglichkeit in Palästina sehr erschwert ist, in den Vereinigten Staaten von Amerika einen Existenzboden suchen. In ihrer alten Heimat haben sie ihr letztes bißchen Hab und Gut verkauft, mit der Hoffnung, nach Amerika zu gelangen und sich dort mit Mühe und Arbeit irgend eine Existenz zu schaffen. Inzwischen kam das grausame Einwanderungsgesetz der Vereinigten Staaten. Auch Brasilien hat soeben strenge Gesetze gegen Einwanderer geschaffen. In Argentinien werden den Emigranten auch Schwierigkeiten gemacht, ebenso in Südafrika, Australien und Neu-Seeland. In den zwei letzten Ländern werden überhaupt keine Ausländer hereingelassen. Eine Ausnahme existiert nur für geborene Engländer. Auch Argentinien hat jetzt eine spezielle antijüdische Emigrationspolitik; dasselbe kann man auch von Kanada sagen. Dadurch sind Tausende von Auswanderern in verschiedenen Hafenstädten steckengeblieben; allein in Lettland, im Rigaer Hafen, warten mehrere Hunderte russischer Emigranten bald eineinhalb Jahre auf ihre Ausreise nach den Vereinigten Staaten von Amerika und werden jetzt von der lettischen Regierung ausgewiesen, so daß sie ziellos in größter Verzweiflung herumirren. In diesen Hafenstädten kann man ein Meer von schauderhaften Dramen dieser unglücklichen jüdischen Auswanderer sehen. Von endloser Not und Verzweiflung getrieben, unternehmen die Emigranten die gefährlichsten Versuche, um aus diesen Irrhöllen herauszukommen und auf irgendeine Art das Einwanderungsland zu erreichen. Zu welch unglaublich tragischem Ende diese verzweifelte Lage vieler Emigranten führt, ersehen wir aus nachfolgender Nachricht: Nach New York kam die traurige Nachricht über die schreckliche Tragödie, die vielen jüdischen Emigranten passiert ist, die sich nach den Vereinigten Staaten von Amerika schmuggeln wollten. Eine große Zahl Emigranten fuhr nach Kuba, wo sie von Schmugglern illegalerweise nach den Vereinigten Staaten gebracht werden sollten. Als die Schmuggler mit den Emigranten in Booten auf hoher See waren, haben sie die Emigranten beraubt und einzeln ins Meer geworfen, wo sie von den Meeresfluten verschlungen wurden. Einen Teil der Emigranten haben die Schmuggler in den Booten gelassen und sind selbst nach Kuba zurückgefahren. Einigen Booten mit Emigranten gelang es, zu den wüsten Inseln zu kommen, wo die Unglücklichen vor Hunger starben. Nur einer kleinen Zahl Boote gelang es, das Ufer der Vereinigten Staaten zu erreichen. Als die hungrigen und erkrankten Emigranten nach den Vereinigten Staaten hineinkamen, wurden sie verhafte' Es droht ihnen eine längere Haftstrafe und Landesverweis.

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