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Die Wahrheit · 1925-11-20 · Heft 46 (20.11.1925) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 46 (20.11.1925)
Date
1925-11-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr._46 zu einem so großen Teil außerhalb unserer Reihen steht Man macht es der Führung zum Vorwurf, daß sich in immer steigendem Maße ein Abströmen der jugendlichen Elemente aus unserer Partei bemerkbar mache, daß unserer Bewegung in Oesterreich kein Nachwuchs entstehe, unsere akademischen Vereine und Verbindungen leer stünden und gardie breiten Massen der nichtakademischen Jugend schon längst unseren Händen entglitten seien. Und diese jüdische Jugend, die wir vergebens bei uns suchen, steht drüben, im sozialistischen Lager. Da erheben sich nun bei uns Oppositionelle und klagen den ganzen Zionismus in Oesterreich an, daß wir selber an diesem Elend schuld seien, weil wir keinen Finger gerührt hätten, d i e j u n g e n Leute zu uns herüberzuziehen, sie für unsere Bewegung zu interessieren, für unsere Ideale zu begeistern. Weil wir der Jugend nichts bieten wollen, weil wir nicht aufihre geistig enund seelischen Bedürfnisse einzugehen vermögen, weil wir nur kleinlicheParteipolitik betreiben, wird es uns auch nicht gelingen, sie mit unseren Ideen zu erfüllen und dem hohen Ideal des Sozialismus zu entreißen." Diese Bewegung muß auch den Juden, die dem jüdischen Nationalismus ferne stehen, zu denken geben; denn so sehr man es auch verständlich finden mag, daß sich die jüdische Jugend von einem ihrem Herzen und ihrem Geiste fernen Nationalismus abwendet, so wird man doch nicht leugnen können, daß dieser Abfall vom jüdischen Nationalismus keinen Gewinn für das Judentum darstelle, da sich die der nationalen Phrasen und Schlagworte überdrüssige Jugend in der Regel nicht dem wahren Judentum zuwendet, sondern sich nunmehr vollkommen vom Judentum entfernt. Denn der Sozialismus von heute ist lange nicht mehr jene ideale Bewegung, welche dessen Begründer geschaffen haben. Die Grundlehren sind allerdings dieselben gebheben, doch wie sehr hat sich Form und Inhalt im Laufe der Entwicklung geändert! Aus der Idee der Gerechtigkeit und der Gleichheit aller Menschen ist Klassenkampf und Gewerkschaftspolitik geworden, der ideale Gedanke von der Gewissensfreiheit hat sich zum Kampf gegen jede religiöse Ueberzeugung umgewandelt. In dem Maße nun, in welchem sich der Sozialismus von seiner ursprünglichen Idee entfernt, stellt er sich auch in Gegensatz zum Judentum, dessen wahrhaft soziale Lehren mit Klassenkampf nichts zu tun haben. Der große und herrliche Gedanke von der sozialen Erlösung der Menschheit, der Befreiung der Geknechteten aus wirtschaftlicher Not, der war es, der die jüdischen Jünglinge und Mädchen für den Sozialismus gewonnen hat. Sie treten in irgend eine sozialdemokratische Parteiorganisation ein und werden dort ganz im Gegensatz zu ihrer Erziehung und angestammten Religion im Sinne der Partei so lange bearbeitet, bis sie „überzeugte" Klassenkämpfer und Freidenker geworden sind. Daß sie dann dem Judentume verloren gehen, ist selbstverständlich. Die Gefahr muß gebannt werden! Die Jugend muß dem Judentume erhalten, bzw. zurückgewonnen werden! Das kann aber nur auf die Weise geschehen, daß man ihr das bietet, was den jugendlichen Idealismus befriedigt und ihrem Denken und Fühlen entgegenkommt. Das Judentum ist auch in der Lage, diese Aufgabe zu erfüllen, denn es vereinigt in sich die erhabensten Ideale der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, es verlangt keinen widernatürlichen Dogmenglauben, nichts, was den Forderungen der Vernunft und des Herzens widersprechen würde, und bietet dagegen eine wahrhaft sittliche und von reinstem Idealismus getragene Lebenseinstellung. Das Judentum ist daher auch eine fortschrittliche, entwicklungsfähige Religion, eine Re- Feuilleton Hungrige und Satte. Jakob gab Eeau Brot und ein Gericht Linsen; er aß und trank, stand auf und ging: so verachtete Esau die Erstgeburt. I, 25, 34 Ais Adam noch im Paradiese weilte, waren die Engel seine Diener, die ihm sein Mahl bereiteten- Er selbst war nur der Genießende, der alle Dienste entgegennahm. Die Schlange sah die Ehre, die dem Menschen zuteil ward, von Neid erfüllt, beschloß sie, den Menschen zu verderben und um das Paradies zu bringen. So erzählt die Sage im Talmud und läßt das Unglück des ersten Menschen mit dem Essen anfangen. Es ist etwas Merkwürdiges um das Essen und Trinken. Das erste Verbot hieß: „Von dem Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht esse n". Der Mensch, hat gegessen -und sein Paradies verloren. Die Strafe hieß: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen". Seit den Tagen des Paradieses hängt alles von dem leidigen Essen ab. „Die ganze Mühe des Menschen gilt seinem Munde." Der Hunger ist der stärkste Herrscher und der Magen ist ein unerbittlicher Tyrann. Nichts ist auf Erden von den Menschen geleistet worden, ohne daß der Magen mitgesprochen hätte. Essen und Trinken gibt den Ausschlag in allem. Wer die Triebfeder menschlicher Handlungen und Geschehnisse erkennen will, müßte eigentlich weniger nach Kopf und Herz, aber mehr nach dem Magen fragen. Dort ist der Grund für Neid und Mißgunst, Aufruhr und Empörung, Kampf und Gewalttat; dort ist aber auch der Grund, warum die Mensche* arbeiten und dienen, gehorchen und sich fügen, Ruhe halten und zufrieden sind. Vielleicht haben deshalb schon die alten Griechen die Eingeweide als den Sitz der Denk- und Willenstätigkeit bezeichnet. Der Talmud sagt: „Es gleicht nicht der, der das Brot im Korbe hat, dem, der es nicht hat". Man ist ein anderer; wenn man satt ist, ein anderer, wenn man hungrig ist. Esau ist hungrig; Jakob ist satt. In der ganzen Geschichte der beiden ungleichen Brüder ist das Essen bestimmend und entscheidend. Esau verkauft seine Erstgeburt um ein Gericht Linsen, Isak gibt seinen Erstgeburtssegen um ei* schmackhaftes Stück Wildpret. Esau sagt: „Siehe, ich gehe dem Tode entgegen" und sein Sinn ist darauf gerichtet, seine* Hunger zu stillen. Isak sagt: „Siehe, ich bin alt und weiB nicht, wann ich sterben werde, bereite mir ein Schmackhaftes, daß ich esse". Der Vater liebt den Sohn, weil er Wildpret jagt für seinen Mund; der Sohn erkauft den Segen für ein schmackhaftes Gericht. Die Brüder hassen einander, weil Erstgeburt und Segen um Linsengericht und Wildpret verhandelt wurde. Linsengericht und Erstgeburt — das ist der Zwiespalt der Menschennatur, der Streit zwischen dem Mage* und dem Kopf, zwischen Leiblichem und Geistigem. Für de» Hungrigen gibt es keine ideellen Werte. Die Erstgeburt ist ein ideelles Gut; leicht und gerne gibt man sie für Brot-und Linsen. Wenn die Menschen hungern, gleichen sie Esau, der die Erstgeburt verkauft, um zu essen; gleichen sie Isak, dem greisen und sterbenden, der den segnet, der ihm ein schmackhaftes Gericht bereitet. Erst wenn Not und Hunger vorbei sind, gewinnt das Ideelle, die geistigen Güter, Wert Ja. wenn Esau satt ist, reut ihn der Verkauf und wenn die Menschheit zu normalen, geordneten Zuständen gelangt ist, will auck sie die geistigen Werte und Schätze wieder besitzen, die sio

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