Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 46 (20.11.1925)
- Date
- 1925-11-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Österreichische Wochenschrift fflr jüdische Interessen Mit dem Deihlafl: Veröffenilidiungen der ..Union deutschösterreichischer Joden" Redaktion und Administration: fllen II.. Heinestraße 13. - Fernruf 42-2-16 XL1. Jahrgang Wien, 20. November 1925 Nummer 46 Der Weg der Jugend. Es ist eine Schicksalsfrage für das Judentum: Wohin führt der Weg der jüdischen Jugend? Welches sind die geistigen und politischen Strömungen, von denen die heranwachsende Generation erfüllt ist? Ist es auch bei der großen Mannigfaltigkeit der Anschauungen und Interessen, welche in den Kreisen unserer Jugend vorwalten, eine vollkommene Unmöglichkeit, die Frage nach dem Weg der Jugend klar und bestimmt zu beantworten, so soll doch wenigstens die Richtung in Umrissen angedeutet werden, nach welcher sich die jüdische Jugendbewegung zu wenden scheint. Gewiß, unerkennbar und von dichten Wolken umhüllt liegt die Zukunft vor uns ausgebreitet; es ist wie so oft bei einer Wanderung im Gebirge, wenn Berg und Tal von einem undurchdringlichen Nebelschleier bedeckt sind; nur ein entfernter Punkt, eine Bergspitze, ein Felsenriff, ragt aus dem Wolkenmeer hervor und weist dem Wanderer die Richtung. Einen solchen festen Punkt in dem geradezu unentwirrbaren Gewoge der Meinungen und Ideen der heutigen Zeit -aufzufinden, wollen wir uns bemühen, um die Frage nach der Richtung beantworten zu können. Jung sein heißt ideal sein. Mag diese Definition auch nicht so ganz stimmen, das eine ist jedenfalls gewiß: Jene Begeisterungsfähigkeit, jenes empfängliche Gemüt, wie es die Jugend besitzt, ist den Aelteren nicht eigen. Diese haben, vom schweren Kampf ums Dasein hierzu gezwungen, mehr Sinn für das Nächstliegende, Besondere und Reale, während der Geist der Jugend sich entferntere Ziele steckt, das Allgemeine und Ideale zu verwirklichen strebt. Dieser unbestreitbare Vorzug birgt jedoch die Gefahr in sich, daß sich die Jugend in ihrem Streben nach dem Idealen immer mehr von der Wirklichkeit entfernt und ihre Sucht nach Verallgemeinerung den realen Sinn für die besonderen örtlichen und zeitlichen Verhältnisse ihrer Umwelt trübt. Von dieser Gefahr ist auch die jüdische Jugend nicht verschont geblieben, insbesonders, was ihre Einstellung zu den gewaltigsten geistigen Strömungen betrifft, welche die Gegenwart beseelen: Nationalismus und Sozialismus. Als gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die nationale Bewegung bei allen Völkern erstarkte und besonders die Jugend in ihren Bann zog, da gab es auch innerhalb der Judenheit Idealisten, welche den Nationalismus der anderen auf das Judentum übertragen wollten, wiewohl dieser etwas dem jüdischen Geist ganz Fremdartiges ist und ihm mangels eines einheitlichen jüdischen Volkscharakters jegliche physische Voraussetzung fehlte. Um diese zu schaffen sowie auch um der neuen „nationalen" Bewegung einen konkreten Inhalt zu geben, wurde die seit Jahrhunderten im Judentum schlummernde und von dem unvergeßlichen Theodor fl e r z l wiedererweckte Idee des Zionismus in das Programm der Jüdischnationalen aufgenommen und diese war es vor allem, welche dem Nationalismus die Herzen der jüdischen Jugend gewann. So groß auch die Verdienste sind, welche sich die Jüdischnationalen um den Wiederaufbau des Heiligen Landes erworben haben, in der inneren Politik der einzelnen Länder, in denen Juden wohnen, hat der jüdische Nationalismus vollständig versagt und das hauptsächlich aus zwei Gründen, einem inneren und einem äußeren; ersterer liegt darin, daß der nationale Gedanke als abstrakte, einer realen Grundlage entbehrende Ideologie nicht nur den besonderen Verhältnissen der Juden in den einzelnen Ländern keinen politischen Ausdruck verschaffen konnte, der zweite darin, daß die Judenheit, welche in den meisten Ländern nur eine geringe Minorität darstellt, als selbständiger politischer Faktor nicht in Betracht kommt und daher schon aus dem Grunde keine aussichtsreiche „nationale" Politik betreiben kann. Mit dem Nationalismus kämpft um die Herzen der Jugend eine andere Idee, größer und umfassender als diese, eine Idee, die sich an die gesamte Menschheit wendet, der Sozialismus. Was ist begreiflicher, als daß sich gerade die Herzen eines großen Teiles der jüdischen Jugend dieser Idee zuwandten; schien diese doch jene höchsten und reinsten Ideale zu verwirklichen, welche gerade die jüdische Religion schon vor vielen tausend Jahren zum Inhalte hatte und die unsere Propheten gepredigt hatten: Gerechtigkeitund Mensche nliebe. Vor allem jene Jugend, welche vordem im Lager des jüdischen Nationalismus stand und die der nationale Gedanke nicht mehr befriedigen konnte, tritt teils aus diesem, teils aus wirtschaftlichen Gründen zum Sozialismus über. Mit bewegten Worten schildert „Die Brücke", ein Wiener zionistisches Parteiblatt, diese Erscheinung, deren Bedeutung von den einsichtigen Jüdischnationalen vollauf gewürdigt wird. Allgemein wird hierüber in ihren Blättern und Versammlungen lebhafte Klage geführt, zumal dieser Abfall nicht auf Oesterreich beschränkt ist, sondern in allen Ländern, in welchen es Zionisten gibt, beobachtet werden kann. Doch hören wir, was „Die Brücke" hierüber schreibt: „Im Zusammenhange mit den inneren Wirren der österreichischen zionistischen Landesorganisation und den leidenschaftlichen Debatten über die Probleme der zionistischen Bewegung im allgemeinen haben sich in letzter Zeit wieder die alten Klagen über die Vernachlässigung der Jugendarbeit seitens der Parteileitung verstärkt, der es zuzuschreiben sei, daß die jüdische Jugend hierzulande