Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 45 (13.11.1925)
- Date
- 1925-11-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 46 DHE WAHRHEIT Seite 11 Theater, Kunst u. Literatur Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Wien hat seine diesjährige Vortragsreihe am 7. d. M. begonnen. Herr Professor Dr. S. Kr auß sprach über „Wiener Synagogen in der Vergangenheit". Wenn auch der Grundstein zu der Synagoge in der Inneren Stadt erst im Dezember 1825 gelegt worden und die Einweihung derselben im April 1826 erfolgte, hat der Verein in würdiger Weise den Reigen der Gedenkfeiern dieses wichtigen Ereignisses eröffnet. Der um die historische Forschung so hochverdiente Gelehrte stellte zunächst den markantesten Zusammenhang fest, der allenthalben zwischen der Universalgeschichte der Juden und der ihrer Synagogen besteht. Die erste Kunde von einer Niederlassung von Juden in Wien stammt aus dem Ende des XII. Jahrhunderts. 1204 macht der Stadtkämmerer Gottfried an die Stefanskirche eine Schenkung von vier Baugründen, von welchen einer der Schola judaeorum gehört. Demnach hat es ein Vereinshaus und siche'r auch Bethaus der damaligen um den Judenplatz ansässigen Wiener Judenkolonie gegeben. Erst aus 1294 stammt eine nächste Quelle, der Bericht über eine Schenkung des Hauses des Juden Benedikt „neben dem S c h u 1 h o f der Juden" an die Abtei Heiligenkreuz. Unter den von Herzog Friedrich 1244 den Juden gewährten Privilegien werden die Strafen genannt, die auf das Bewerfen der „Schul" mit Steinen gesetzt sind, es handelt sich um den auch im Römischen Recht vorgesehenen Schutz des Gerichtshauses. Das Strafgeld mußte dem Judenrichter abgeliefert werden. Nach den Kreuzzügen und dem Wüten des „schwarzen Todes" war aus Westeuropa ein starker Zuzug von Juden nach Wien erfolgt, das aber nur kurze Zeit ein Hauptzentrum derselben geblieben ist. Am 5. November 1406, einem Feiertagabend, geriet die Synagoge in Brand, der auf die Judengasse übergriff und der christlichen Bevölkerung den Vorwand zur Beraubung der Juden gab. Man hatte den Haß durch die falsche Beschuldigung geschürt, daß sie den Hussiten Vorschub leisten. 1420 ließ A1 b r e c h t V. die reichen Juden aus der Provinz nach Wien schaffen und mit den hiesigen in der Synagoge gefangensetzen, ein Teil derselben, über 200, wurde am 12. März 1421 auf der Gänsewiese bei Erdberg lebenden Leibes verbrannt, während ein anderer unter Führung von Rabbi Jona mittels des in der Synagoge vorgefundenen Oels durch Anzünden der damit begossenen „Ständer" sich selbst dem Feuertode überlieferte. Aus den Schilderungen dieser „Wiener Gesera" (was mit „Wiener Schande" gleichbedeutend ist) erfährt man einzelnes über die Inneneinrichtung der Synagoge, so z. B., daß die Abteilung für Frauen neben der für Männer, also nicht auf einer Galerie sich befand. Das Gotteshaus ist nach der Ansicht des Vortragenden (entgegen der allgemeinen Annahme) nicht wieder aufgebaut worden. Erst zu Beginn des XVII. Jahrhunderts war es Juden wieder gestattet, sich hier anzusiedeln. Sie wohnten zumeist am „Unteren Werd", wo sie Gründe kaufen und Häuser bauen durften; die ersten Bethäuser wurden von Privaten errichtet, so von dem Arzte Leo Lazarus. Später erstanden (nach Aufzeichnungen von Lippmann Heller) eine alte und eine neue Synagoge.in dieser Gegend (heutige Gr. Sperl- und Pfarrgasse), von denen die eine bei der 1670 erfolgten Vertreibung der Juden aus Wien auf 3400 Gulden, die andere auf mehr als das Doppelte an Wert geschätzt wurde. Die eine ist nach Wagenseils Bericht, wie aber auch aus einer Inschrift auf einer Steintafel ersichtlich, „zur Kirchen kummen", d. h. die Pfarrkirche zu Ehren des Schutzpatrones wurde an ihrer Stelle erbaut. Vom Raub erzählt also ein historisches Dokument; Bilder oder Ansichten der angeblich sehr ansehnlich gewesenen Synagogen existieren keine. Als Ende des XVIII. Jahrhunderts zur Zeit Maria Theresias und Josef II. „tolerierte" Juden in größerer Zahl sich ansässig machten, gab es, wie ein Reisender, Abraham Levi, schreibt, „Schulen in jedem Haus", aber bloß Privatbethäuser. Die nicht tolerierten, zum vorübergehenden Aufenthalt in Wien weilenden hatten ein Betlokal „zum weißen Stern" in der Sterngasse, von dem sie in einer Eingabe um Bewilligung zum Bau eines „anständigen" Bethauses (1811) sagten: „Man kann nicht ohne Ekel und Grausen dieses nasse unterirdische Gewölbe betreten". Um diese Zeit wurde hier für einen Fonds zum Bau eines jüdischen Siechenhauses gesammelt, woran sich auch christliche Bürger beteiligten; aus diesem Fonds wurde der Dempfingerhof angekauft, in welchem eine Betstube eingerichtet wurde, aus welcher der heutige „alte" Tempel hervorging. Der gewissenhafte Forscher stellt noch fest, daß die türkische Gemeinde in Wien schon von Maria There'sia die Erlaubnis zum Bau ihrer Prachtsynagoge erhalten hat. Mit diesem Vortrage seines verdienstvollen Präsidenten hat der Verein die Ankündigung weiterer höchst anregender Vorträge verbunden; so gleich als nächsten eine Führung durch die Nationalbibliothek von Rabb. Dr. A. Schwarz am 21. d. M. Die Vorstehung der Wiener Kultusgemeinde ermöglicht bis zur Fertigstellung eines eigenen Saales die Abhaltung derselben im Ingenieur- und Architektenvereine, I., Eschenbachgasse Nr. 9, durch eine Subvention. Es muß leider konstatiert werden, daß die Frequentierung, namentlich seitens der reiferen Jugend, welche viel Belehrung daraus schöpfen könnte, eine beschämena geringe ist und daß hinter dem Interesse, welches andere Gemeinden, wie insbesondere Berlin für solche geistige Bestrebungen betätigen, die Wiener Judenschaft allzu weit zurückbleibt. Med.-Rat Dr. H. Haase. Juden und Judentum von heute von J. Kreppe! (Amalthea-Verlag, Wien III.). Ein Werk, das uns bisher gemangelt hat und deshalb einem oft gefühlten Bedürfnis entspricht. Der Verfasser, ein die gesamte Materie gründlich beherrschender Schriftsteller, hat alles zusammengefaßt, was über die heutigen Verhältnisse in der Judenheit wissenswert erscheint. Er schildert in anschaulicher Weise die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern vor und nach dem großen Kriege; er bringt eine bis ins Detail gehende Statistik der Judenschaft in der ganzen Welt, betreffend die Zahl, die Geburten, Eheschließungen, Todesfälle (Selbstmorde); er beschreibt das Aufbauwerk in Palästina, die Aussichten und Erfolge desselben. Die wirtschaftliche Lage, die Auswanderungsfrage, das religiöse Leben und die verschiedenen Parteien innerhalb des Judentums sind Gegenstände eingehender Besprechung, ebenso die maßgebenden Organisationen, das Schul- und Erziehungswesen, sowie die jüdische Literatur; er würdigt dessen Anteil an Kunst und Wissenschaft, deren Tätigkeit in Presse und Parlament. Schließlich erwähnt er auch einzelne, oft rätselhafte versprengte Reste und Splitter der Judenheit in fernsten Gegenden des Erdenrundes. Das Buch (900 Seiten in Groß-Oktav, dem Baron Rothschild gewidmet) ist ein heute unentbehrliches Hilfs- und Nachschlagebuch für jeden, der sich mit der jüdischen Sache näher beschäftigt und dürfte in kurzer Zeit in allen Privat- und Anstaltsbibliotheken zu finden sein. Künstlerischer Abend des Verbandes der Fachpresse. Der kürzlich im Festsaale des Hotel Continental veranstaltete künstlerische Abend brachte ein reichhalties Programm. Die Konzertpianistin Trude H u s s e r 1, spielte virtuos eine Paraphrase über den Donauwal/er, OD^rnsängerin Martha Waiden sang, von Kaoellmeister Rudolf Neumann feinfühlig begleitet, mit vorzüglich geschulter Stimme einige Kolornturarien und wurde lebhaft bedankt. Das Trio in E-Moll von Goldmark, aufgeführt von Trude Husserl (K'avier). den Philharmonikern Prof. Glattauer (Violine) und Prof. Saubermann (Cello) fand großen Beifall, die Opernsängern Mimi Schön ent7ückte mit dem Vortrag einiger von Dr. Wilhelm Steiner komponierten Chansons, d'e Tanzkünstlerin Gisa Geert erwies sich als Tänzerin und Mimikerin von hervorragender Qualität. BurgschausDie'er Fritz Blum sowie Grete Waiden, Herma S t o i k und Haino V e s t n e r brachten den Einakter ..Einsame Seelen" von Homunkulus sehr wirkungsvoll zu Gehör, Oberregisseur Otto Langer und Vallv Ernst sangen Alt-Wiener-Lieder und fanden stürmischen Beifall, die Kaharettsängerin Else Charle vom ..Pavillon" sang charmant einige Chansons und Prof. Viktor Fuchs erntete mit dem Quartett aus ..Eine Nacht in Venedig" (aufgeführt von Hertha S t a r y, Irene J c 11 i n e k, Paul P1 e s z, Fritz G r ü n h u t) wohlverdienten Beifall. Die künstlerische Leitung lag in den Händen des Professors Ludwig M a h 1 e r. 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