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Die Wahrheit · 1925-11-13 · Heft 45 (13.11.1925) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 45 (13.11.1925)
Date
1925-11-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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laite 6 tm Wahrheit Nr. 45 Eduard Horn. (1625—1875.) Auf dem Budapester israelitischen Friedhof erhebt sich •in mächtiger Obelisk, auf dem in ungarischer Sprache zu lesen ist: „Cduard Horn, kön.-ungarischer Staatssekretär." Und darunter mit hebräischen Lettern bloß ein einziges hebräisches Wort, der Namen: „Jizchak." Diese zwei Aufschritten von wahrhaft lapidarer Kürze umfassen das nach Jahren kurze, aber nach seinem Schaffen und Wirken wahrhaft phänomenale Leben eines Mannes, auf den auch heute nicht allein seine Glaubensgenossen, sondern ganz Ungarn stolz sein dürfte, denn er war ein Patriot, der den Ruhm seines Vaterlandes nicht durch tönende Worte, sondern durch glänzende wissenschaftliche Leistungen in die Welt hinaustrug. Wenn man in dem heutigen Ungarn, in welchem die bescheidenen Kosten iür das Denkmal Jokais kaum in Jahrzehnten hereinzubringen waren, weil der große Dichter in seinem Greisenalter ein letztes ülück an der Seite einer jungen Gattin aus jüdischer Jf amiiie gesucht, dann wird man nicht staunen, daß der hundertste üeburtstag des genialen Eduard Horn, der auch auf der Höhe seiner staatsmännischen Karriere nicht den Stolz auf seine jüdische Abstammung verleugnete, ziemlieh sang- und klanglos vorüberging. Was Horn für Ungarn bedeutete, konnte man an seinem im Alter von 50 Jahren erfolgten Ableben ersehen, bei seinem Begräbnisse, an dem die 'ieünahme der hervorragendsten Männer des btaates und der Wissenschaft Zeugnis dafür ablegte, daß der Wert des Mannes damals durch keine konfessionelle Kurzsichtigkeit verkleinert wurde. Aber freilich, das Ungarn von 1875 ist längst dahin, liegt auch tief begraben . . . Um so mehr drangt sich den Glaubensgenossen Eduard Horns die Pflicht auf, oes Mannes zu gedenKen, der zu den glänzendsten,Erscheinungen zählte, die aus dem Judentum hervorgingen. Wenn man die Laufbahn Horns verfolgt, die aus dem Cheder seiner Geburtsstadt Wagneustadtl hu das stolze M'3nisterpalais führte, erfalit einen grenzenloses Staunen über die Vielseitigkeit seiner Begabung, Uber seine rastlose Tätigkeit und über die Erfolge, die der schwächliche, aus ärmlichen Verhältnissen kommende Mensch lediglich seinem Genie zu verdanken hatte. Dabei bietet das an Abwechslung so überreiche Leben Horns den Reiz eines spannenden Romans, in welchem die Aufschriften der Kapitel lauten durften: „Der Talmudschüler", „Der Privatlehrer", „Der Journalist", „Der Rabbiner", „Der Politiker", „Der Feldprediger", „Der Flüchtling", „Der Staatssekretär". Die Eltern Horns, brave, blutarme Leute, erkannten frühzeitig die Begabung ihres Kindes, das, wie man sich später erzählte, mit drei Jahren die Bibel lesen konnte und mit sechs Jahren das Studium des Talmud begann, aber sie konnten ihm keinen regelrechten Unterricht verschaffen. Er war und blieb ein Autodidakt, der wahllos alle Bücher, die er erlangen konnte, verschlang und alsbald doch die Möglichkeit hatte, sein Brot als Privatlehrer zu verdienen. Sein außerordentliches Sprachentalent hatte den Bachur, der ohne Nachhilfe In die Geheimnisse der deutschen und def ungarischen Grammatik eingedrungen war, in die Lage versetzt, gleichzeitig als Publizist in beiden Sprachen aufzutreten. Als siebzehnjähriger Jüngling veröffentlichte er bereits in der Philippsohn'schen „Allgem. Zeitung des Judentums" und in dem von Fürst herausgegebenen „Orient" wissenschaftliche Artikel; zur selben Zeit brachten aber auch schon hervorragende Budapester Blätter, wie „Naplo", Aufsätze, in welchen er voll Begeisterung für die Emanzipation seiner Glaubensgenossen eintrat. Noch nicht zwanzig Jahre alt, trat Horn in der Ofner Reformgemeinde als Prediger auf und schuf sich, nachdem er vorher schon einige sensationelle Broschüren veröffentlicht hatte, im Jahre 1848 ein eigenes Wochenblatt „Der ungarische Israelit". Horn hatte aber durch seine glänzende publizistische Tätigkeit auch die Aufmerksamkeit der Machthaber erregt, die es dem jüdischen Schriftsteller rätlich erscheinen ließ, sich nach dem Einzüge Windischgrätz's in Budapest zu flüchten. Sein Name prangte bereits auf der Liste der Proskriblerten. Aber er gelangte glücklich nach Komorn. wo ihn Klapka mit Hauptmannsrang zum ersten und einzigen jüdischen Feldprediger der Revolutionsarmee ernannte. Nach der Kapitulation von Komorn lebte Horn in stiller Zurückgezogenheit bei seinen Eltern in Wagneustadtl, aber er erfuhr bald, daß ein Haftbefehl Haynaus ihn bedrohte, vor dem ihn nur die Flucht retten könnte. Nun begann das Flüchtlingsleben des ganz unbemittelten und noch dazu überaus schwächlichen Mannes, das ihn zunächst nach Prag führte. Dorf hielt er sich etwa ein Jahr lang verborgen. So bescheiden und zurückgezogen Horn auch in Prag lebte, konate er, der darauf angewiesen war, wenn er nicht verhungern wollte, mit der Feder sein Brot zu suchen, auf die Dauer nicht der Aufmerksamkeit der Polizei entgehen. Er mußte wieder, um den Kerker zu vermeiden, zum Wanderstabe greifen. Mit dem Vermögen von dreißig Kreuzern in der l asche landete er in Leipzig. Eine Studie über die ungarische Revolution, in der besonders die Wirksamkeit Arthur Görgeys gewürdigt wurde, bildete damals das Hauptgepäck Horns. Görgey war sein Retter. Die Arbeit wurde von einem verständigen Verleger mit einem hübschen Honorar bezahlt. Aber Kossuth würde wieder sein Verderber, nämlich sein unter diesem Titel erschienenes Buch, das infolge österreichischen Verlangens sofort der Konfiskation verfiel, den Verleger für acht Monate ins Gefängnis brachte und auch die Sicherheit seines Autors in höchstem Maße bedrohte. Abermals war die Flucht die einzige Möglichkeit der Rettung, diesmal die Flucht bis Brüssel, wo Horn, der französischen Sprache nur notdürftig mächtig, jahrelang in unaussprechlicher Not lebte. Mit einem alle Hindernisse überwältigenden Fleiß warf sich Horn nun zunächst auf das Studium der französischen Sprache, in der er es innerhalb zweier Jahre bis zur Meisterschaft brachte; er schrieb Französisch so vollendet wie Deutsch und Ungarisch. In Brüssel hatte er auch seine statistischen Arbeiten begonnen, von denen die beiden Werke „Statistisches Gemälde des Königreichs Belgien" und „Bevölkerungswissenschaftliche Studien aus Belgien" bei ihrem Erscheinen großes Aufsehen erregten. Er hat auch sämtliche Artikel über Ungarn für Brockhaus geschrieben. Inzwischen hatten die zahlreichen politischen Artikeln, die aus seiner Feder über die politische Lage in Ungarn in den hervorragendsten Pariser Blättern erschienen, seinen Namen so bekannt gemacht, daß ihm im Jahre 1855 ein Blatt von dem Range der „independance Beige" den Antrag stellte, als politischer Hauptmitarbeiter in die Redaktion einzutreten. Er lehnte den Antrag ab, da er zur selben Zeit einen Engagementsantrag von dem „Journal des Debats" erhielt und er nur in Paris die Verwirklichung seiner Ideale zu erreichen hoffte. Ein unermeßliches Feld wissenschaftlicher Tätigkeit erschloß sich ihm in der französischen Hauptstadt. Er studierte Bibliotheken durch, aber die Zahl seiner Arbeiten über politische, nationale und volkswirtschaftliche Themen, die er in einer schier unübersehbaren Menge im Laufe verhältnismäßig weniger Jahre in Form von Artikeln, Broschüren und dickleibigen Büchern veröffentlichte, bildeten selbst eine kleine Bibliothek. Es bleibt ein Rätsel, wie ein Mensch, für den der Tag doch auch nur 24 Stunden zählte, eine so umfangreiche und dabei so gründliche Arbeitsleistung vollbringen konnte. Dabei entwickelte Horn an der Pariser Handelsakademie auch eine vielbeachtete Wirksamkeit als Lehrer. Die Auszeichnungen, diie ihm von gelehrten Gesellschaften und von der Regierung in reichstem Maße zuteil wurden, zeigten, wie hoch sein Ansehen war, und wie sehr seine Tätigkeit gewürdigt wurde. Er gehörte zu den gefeiertsten Männern in Frankreich und kein Ziel seines Ehrgeizes wäre zu hoch gesteckt gewesen. Aber Eduard Horn hatte Heimweh nach seinem Vaterlande, nach Ungarn, für das sein Herz mit leidenschaftlicher Liebe zu schlagen nie aufgehört hatte. Durch seine ununterbrochene, im Interesse Ungarns gepflegte journalistische Tätigkeit war er auch in stetem Verkehre mit den ungarischen Emigranten geblieben. Er sehnte sich, wieder den heimatlichen Boden zu betreten, und fuhr 1868 nur zu einem Besuch nach Budapest, wo man ihn mit außerordentlichen Ehren empfing und alle möglichen Versuche machte, ihn zur dauernden Heimkehr und zur Annahme einer Stellung im Lande zu bewegen. Er kann dem Zauber, den die Heimat übt, nicht widerstehen und beschließt, Paris, wo man ihn nicht ziehen lassen will, zu verlassen. Im Jahre 1869 kehrt er nach Ungarn zurück, begründet dort ein großes Blatt, wird im Jahre 1870 zum Abgeordneten von Preßburg gewählt, schließt sich im Parlament Koloman Tisza an, der den hervorragenden Mann alsbald zum Staatssekretär in seinem Kabinett macht. Eduard Horn beginnt jetzt, als 50jähriger Mann, auch in dieser Stellung eine großzügige Tätigkeit, die sich in kürzester Zeit allgerneine Bewunderung erzwingt. Aber ach, eine Tätigkeit, der er nur wenige Monate sich widmen kann, denn der Mann, dessen Energie so viel überwunden, wird vom Tode niedergestreckt. Er wurde am 5. November begraben unter Ehren, 'die in Ungarn nur wenigen zuteil geworden waren ... N. N. Met Abonnenten für „Die Wahrheit"!

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