Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 45 (13.11.1925)
- Date
- 1925-11-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064064--14116-3081657- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5£j^E^^S!5 Tsssmssssm &-?5F&&.'.<2i3ma&* Nr. 45 DIE WAHRHEIT SeKa 1 Oesterreichs Jüdische Jugend Veröffentlichungen der Jtlgendgrtippe der „Union deutschösterreichischer Juden" llllllllHIIllllIIIIIIIBIillllllllllllllllllllllllllBIIU Wir deutschen Juden. Von Dr. Benno T e n n e t, III. Vorsitzender der Jugend-Union. Es liegt in der Natur eines jedes Aufrufes, daß er nur in kürzester Fassung, gleichsam schlagwortartig die Ziele und Bestrebungen derjenigen Gruppe zusammenfaßt, die sich mit diesem an einen größeren Kreis Gleichgesinnter wendet. Diese notwendige Kürze birgt die Gefahr in sich, daß die Worte eines solchen Aufrufes nur oberflächlich haften bleiben und als Schlagworte mißverstanden, ja sogar mißbraucht werden könnten. Um dieser Gefahr zu begegnen, werden in der Folge Mitglieder unserer Vereinigung zu den einzelnen im Aufrufe angedeuteten Problemen Stellung nehmen. Wir beginnen mit einer kurzen Auseinandersetzung über die vielumstrittene Frage der Stellung, welche wir österreichischen Juden innerhalb des deutschen Volkes einnehmen. Es wird den Anhängern der seit kurzem aktiver ins politische Leben eingreifenden Jugendgruppe der Union deutschösterreichischer Juden von verschiedenen Seiten, insbesondere von den Antisemiten, aber auch von den nationaldeutschen Juden vorgeworfen, daß sie keine Deutschen, von den Jüdischnationalen wieder, daß sie keine Juden sind. Ich will mich heute mit dem ersten Einwurf auseinandersetzen. Es muß einmal mit allem Nachdruck festgestellt werden, daß die Union deutschösterreichischer Juden eben zum Unterschied von anderen Gruppen diejenigen österreichischen Juden umfaßt, die sich zum Deutschtum bekennen. „Wir sind Deutsche und fühlen uns der deutschen Kulturgemeinschaft zugehörig," so steht es in unserem Aufrufe und dafür setzen wir uns auch ein. In deutschem Lande sind wir geboren; deutsch ist unsere Muttersprache; deutsch waren also die ersten Laute, die wir hörten, die ersten Worte, die wir sprachen, die ersten Sätze, die wir bildeten. Die deutsche Kultur ist es, die wir in uns aufgenommen haben, in deutschen Schulen haben wir unsere Kindheit, unsere Jugend verbracht, in deutscher Sprache wurden uns Bildung und Wissenschaften vermittelt. Wir sind natürlich auch österreichische Staatsbürger und es wird bei anderer Gelegenheit über die daraus erwachsenden Rechte und Pflichten zu sprechen sein. Aber wir sind als Oesterreicher nur ein Teil der großen deutschen Kulturgemeinschaft, die nicht dort ihr Ende findet, wo die allzu engen, gegenwärtig so willkürlichen politischen Grenzen unseres Staates Hegen. Bis zum Kriegsende gab es deutsche Juden österreichischer Staatsangehörigkeit in Wien, in Prag, in Triest; es kam der Umsturz und aus dem Österreichischen Staatsbürger in Wien wurde ein deutschösterreichischer, aus dem in Prag ein tschechoslowakischer, in Triest ein italienischer. Innerhalb zwölf Stunden war die Staatsangehörigkeit geändert worden. Werden zwölf Jahre genügen, um aus dem Prager Deutschen einen Tschechen, aus dem Triester einen Italiener zu machen? Würden Jahrzehnte genügen, um im Denken die deutsche Muttersprache, im Fühlen die deutsche Kindheitserziehung und Jugendumgebung zu verdrängen? Und wenn uns unsere Gegner das Deutschtum abstreiten wollen, so mögen sie sich doch nur einmal in einen Schnellzug setzen und bloß 24 Stunden weit in wirklich fremdsprachiges Land fahren und dann unvoreingenommen beobachten, um wieviel mehr zusammengehörig sich dort Menschen deutscher Sprache untereinander fühlen, als gegenüber den anderssprachigen, wie dort sofort Unterschiede der Religion etc. in ein Nichts zerfließen gegenüber dem Gegensatz: hie deutsch, hie französisch, italienisch oder was es sonst sei. Und deswegen erklärt die Jugendgruppe der Union deutschösterreichischer Juden, daß sie nichts anderes ist, sein will und sein kann, als die Vereinigung der jungen deutschen Juden Oesterreichs. Aus der Bewegung. Die erste große Veranstaltung unserer Geselligkeitskomitees in der heurigen Saison war ein Festabend, welcher am 7. November im Festsaale des Hotel Continental stattfand. Der überaus gut besuchte Abend vereinigte erste Kreise der Wiener jüdischen Gesellschaft und bot ein überaus vornehmes Bild. Unter anderen waren erschienen: Präsident der „Union" Dr. Jakob O r n s i e i n, die Kultusvorsteher David Dohan und Bezirksrat Edmund Hoifmann, die Bethausvorsteher Bezirksrat Julius Berg er, Siegmund E r n s t, Direktor Julius Haber und Medizinalrat Dr. Julius Weiss, vom Zentralvorstand der „Union" Herr Siegmund Kornmehl, Moritz üesterreicher und Bezirksrat Simon VV e i n e r, Rabbiner Dr. Armin A b e 1 e s und Amtsdirektor Guido Fuchsgelb, der Gesamtausschuß der Jugendgruppe und viele andere. Der Abend wurde durch eine Begrüßungsansprache des dritten Vorsitzenden der Jugendgruppe, Dr. Benno "I'ennet, eingeleitet, in welcher die Ziele und Aufgaben, die sich die Jugendgruppe gestellt hat, in kurzer, aber eindrucksvoller Weise zusammengefaßt wurden. Die reichhaltigen und gediegenen Darbietungen der Veranstaltung landen großen Beifall, besonders die ergreifenden üesangvorträge des Kammersängers Hermann Wiederaann, die fein pointierten Vorträge des Burgtheatermitgliedes Karl Günther und die musikalischen Darbietungen des jugendlichen Klavierkünstlers Adolf B a 11 e r, die in Rhythmus und Technik vorzüglich waren. Nach den künstlerischen Darbietungen huldigte man eifrig dem Tanze und bis lang nach Mitternacht blieb alt und jung in fröhlichster Stimmung beisammen. Der Abend, um dessen Gelingen sich das Festkomitee, besonders dessen rühriger Obmann Mor. Neumann, die größten Verdienste erworben hat, war sowohl in gesellschaftlicher als auch in finanzieller Beziehung ein voller Erfolg. Die Jugendgruppe entledigt sich einer angenehmen Pflicht, wenn sie an dieser Stelle den Veranstaltern, mitwirkenden Künstlern, sowie allen, die sich um das Gelingen dieses wirklich schönen Abends bemüht haben, den herzlichsten Dank ausspricht. Unser nächster Klubabend findet am Samstag, den 21. d. M. im Etablissement Leopoldi-Wiesenthal, I., Rothgasse 5. statt.