Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 45 (13.11.1925)
- Date
- 1925-11-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 DIE WAHRHEIT Seite 5 ganzen Prozeß spielte, wirklich ein Paladin der völkischen Bewegung wäre . . ." Wahr, sehr wahr, wenn es auch ein „völkisches" Blatt gegen ein anderes „völkisches" Blatt sagt. Nicht minder wahr und überzeugend wirkte es auf mich, als ich im weiteren las: „Selbstverständlich ist auch die völkische Bewegung nicht davor gefeit, daß sich Haderlumpen und sittlich verkommene Menschen i n i h r einschleichen." Ich hätte es zwar vorgezogen, wenn es statt „in ihr" hieße „in sie", aber wegen eines Akkusativs lasse ich mir die Freude an dem Artikel des „völkischen" Blattes nicht verkümmern. **" % In einem großen Prager Blatte war vor einigen Tagen die Studie eines Musikgelehrten zu lesen, der sich mit der Frage beschäftigte, welche Wirkung es auf das künstlerische Schaffen Wagners geübt hätte, wenn er unverehelicht geblieben wäre, wenn er nicht zwanzig Jahre an seine erste Gattin gekettet gewesen wäre, die seinem Lebenswerke verständnislos, ja geradezu feindlich gegenüberstand usw. Vielleicht wird einmal ein Wagner- Forscher auch an die tiefgründige Erörterung der Frage herantreten, was aus Wagner geworden wäre, wenn er seine erste Liebe, für die sein Herz geglüht, zum Altar geführt hätte. Die hieß Leah David — kann man jüdischer heißen? —, war die einzige Tochter eines sehr reichen Hauses und ein Mädchen von blendender Schönheit. Wagner selbst erzählt in seiner umfangreichen Selbstbiographie, die vielleicht Cosimas Zensur unterworfen war, von diese Episode nichts und auch die fanatischesten Wagner-Verehrer verzichteten gerne darauf, der schönen Jüdin den Platz in dem schönheitstrunkenen Herzen des Meisters zu sichern. Vielleicht wäre dieses Kapitel aus dem Lebensroman Wagners ganz unbekannt geblieben, wenn nicht Ferdinand Prächer es in seinem nunmehr nur noch in wenigen Exemplaren existierenden Buche „Wagner, wie ich ihn kannte" der Nachwelt erhalten hätte. In diesem Kapitel wird aber auch erzählt, wie Wagner sich in der Hoffnung, wieder geliebt zu werden, bitter enttäuscht sah, weil Leah es vorzog, ihrem Kusin, einem jungen Holländer, der übrigens auch im Klavierspiel Wagner überlegen war, Hand und Herz zu schenken. Die Taktlosigkeit, mit der Wagner seinen Mißerfolg aufnahm, führte dazu, daß ihm der Verkehr im Hause David unmöglich gemacht wurde . . . Man wird es begreiflich finden, daß Richard Wagner nach diesem Erlebnis keine leidenschaftlichen Sympathien, weder für die Holländer, noch für die Juden empfand und daß in dieser enttäuschten Liebe vielleicht der Keim zu diesem Hasse zu suchen ist, den er später allen Glaubensgenossen Leahs widmete. Ob 1 Richard Wagner, wenn ihn die schöne und mit irdischen Gütern vielgesegnete Leah David mit ihrer Gegenliebe beglückt hätte, eine Broschüre über den „segensreichen Einfluß des Judentums in der Musik" veröffentlicht hätte, bleibe dahingestellt. Der geniale Mann, der eine Zeitlang so verehrungsvoll selbst Meyerbeer huldigte, hätte wohl auch dieses Kunststück zusammengebracht. * * * In der Aussage des Budapester Polizeihauptmannes Schweinitzer wurde besonders betont, daß Marffy, der nach seiner Verhaftung anfänglich den Irrsinnigen gespielt habe, dann, als er keinen Glauben fand, ausrief: „Es ekelt mich vor mir selbst, weil ich so viele Familien unglücklich machte." Schließlich griff Marffy aber doch wieder zu dem . schlichten, aber bewährten Mittel, sein Geständnis als ein durch Martern erpreßtes zurückzuziehen. Den Ekel vor seiner allen Erwachenden so werfen Persönlichkeit hat Marify inzwischen glänzend überwunden, in der Verhandlung vor der königl. Tafel erschien der in erster Instanz zum Galgen Verurteilte mit einem strahlenden Lächeln, das nicht die geringsten Halsbeschwerden verriet. Im Zuschauerraum saß sehr nachdenklich auch Herr Piroska, der Held des Czongrader Bombenprozesses, den seine begeisterten Verehrer nach seiner Freisprechung — du lieber Himmel!, auch sein Mordgeständnis war ja wie all das seiner Vorgänger und Nachfolger erpreßt worden — durch einen Fackelzug gefeiert hatten. Woran mochte Herr Piroska gedacht haben? Vielleicht berechnete er: Wenn man ihn, dem man das Geständnis erpreßte, den Tod von drei Menschen verschuldet zu haben, so ehrte, welche Huldigungen verdient dann Marffy, dessen Bombenattentat mit einer Bilanz von acht Toten und 23 Verwundeten abschloß? * * Die ungarischen Juden haben wieder, dank dem Auslande, die beruhigende und erfreuliche Botschaft gehört, daß der Numerus clausus sie eigentlich gar nichts zu kümmern braucht, denn er sei nicht gegen sie gerichtet. Der Geheime Rat Georg v. Lukacs, der Vertreter Ungarns bei der internationalen Konferenz in Amerika, hat — wie er jetzt einem Interwiever erzählt — in der Konferenz, ohne ausgelacht zu werden, ausgeführt, „in Ungarn sei der Numerus clausus keine konfessionelle Frage, denn Ungarn sei ein gesonmälertes Land mit Intelligenzhypertrophie und nur von diesem Gesichtspunkte aus dürfte diese Frage beurteilt werden." Was wollen also die ungarischen Juden? Daß gerade nur jüdische Studenten nicht zur Inskribierung an der Universität zugelassen werden, ist doch nur ein bloßer Zufall. Und daß die Erwachenden auch unter dem Einfluß der Intelligenzhypertrophie sogar jüdische Studenten, die im Äiege einen Arm oder ein Bein verloren, mit Knütteln aus den Lehrsälen hinaustrieben, ist doch auch nur wieder ein Zufall, der nichts mit der konfessionellen Frage zu schaffen hat. Die staatlichen Vertreter Ungarns haben dies bisher ganz ernsthaft und höchst offiziell bei jeder Gelegenheit den Gläubigen und auch den Ungläubigen im Auslande erklärt und wenn dies die ungarischen Juden noch immer nicht kapieren, dann ist ihnen eben nicht zu helfen; sie leiden offenbar nicht an einer Hypertrophie, sondern an einem Mangel an Intelligenz. Ego.