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Die Wahrheit · 1925-11-13 · Heft 45 (13.11.1925) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 45 (13.11.1925)
Date
1925-11-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 45 Oerade aber die Juden, die zu den am stärksten getroffenen Bevölkerungskreisen gehören, besitzen die Zähigkeit, um auch diese schwere Heimsuchung zu überstehen. Neben einem unerschütterlichen, auf Gottvertrauen gegründeten Optimismus, der ersten und wichtigsten Voraussetzung jeglicher Wirtschaft besitzen sie auch die nötige wirtschaftliche Schulung und jene klare Auffassungsgabe, welche die Bedarfsverhältnisse rasch erfassen kann. Der wirtschaftliche Weitblick der Juden, der nicht an den Grenzen des Landes Halt macht, und das Vertrauen, das ihnen vom Auslande entgegengebracht wird, machen sie zu einem wichtigen Faktor des Wiedergenesungsprozesses. Sie werden ihre Pflicht gegenüber unserem Staate voll und ganz erfüllen und alle Kräfte anspannen, um Oesterreichs Handel und Industrie, seine gesamte Volkswirtschaft einer neuen Blüte entgegenzuführen. Strenge Zusammenfassung aller wirtschaftlichen Kräfte, Konzentration der Unternehmungen zur gegenseitigen Stärkung und Anpassung der Produktion an die Konsumtionsverhältnisse des Weltmarktes, das sind die Heilmittel in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise. „Oesterreich ist lebensfähig" sagten die Völker^ bundexperten Lay ton und Rist auf Grund genauesten Studiums unserer ökonomischen Lage. Oesterreich wird lebensfähig sein, wenn alle Unternehmer, Angestellte und Arbeiter vertrauensvoll zusammenarbeiten, um die Krise zu überwinden. Eine Stimme an» Amerika. Von Sigmund Frey. Obgleich wir in einer längeren Artikelreihe, deren Schluß demnächst erscheint, das Leben und Treiben unserer Brüder jenseits des Ozeans eingehend geschildert haben, gewähren wir dennoch den Ausführungen des geschätzten Verfassers, eines genauen Kenners der amerikanischen Verhältnisse, gerne Raum, besonders mit Rücksicht auf die Bedeutung, welche das amerikanische Reformjudentum innerhalb der gesamten Judenheit erlangt hat. In Europa herrscht eine vorgefaßte Meinung mit Bezug auf Juden und Judentum in Amerika, die durch ein gewisses Vorurteil beeinflußt ist. Man glaubt nämlich, wer über das große Wasser gegangen, hat nicht nur den Staub von seinen Füßen, sondern auch seine innerste Ueberzeugung abgeschüttelt! Aber alle Wasser der Erde vermögen nicht Jugenderziehung und Erinnerungen der Kindheit, die sich tief im Gedächtnis, im Herzen und in der Seele eingeprägt haben, gänzlich auszulöschen. Wie unsere Voreltern Gebräuche, Lehren und Sitten von den Ufern des Ganges und des Nil zu den Gestaden des Jordan, der Weichsel und der Donau mit sich trugen, so nehmen wir diese als unser ererbtes Eigentum mit uns überall hin, wo wir uns niederlassen. Jener unserer Weisen, der behauptet, daß der Baum des Lebens und der Erkenntnis allerorten sich findet und gedeiht, wo w i r den Samen pflanzen und pflegen (Midrasch Rabba), bekundet die richtige Auffassung der biblischen Erzählung des Paradieses. Wir selbst müssen nach Erkenntnis ringen und sie uns erwer- Feuilleton Jnng und Alt. Da antwortete Laban und Betue und spractaent Von Gott ist die Sache ausgegangen. I, 24, 50. Abraham spricht mit den Söhnen Lhets, um den Grabplatz für seine tote Gattin Sara zu erlangen. Die Art, wie er spricht, ist vornehm. Die Form seiner Rede ist höflich, sein Auftreten bestimmt. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn ihn die Leute „Fürsten Gottes" nennen. Die Würde in Rede und Haltung hat gewiß mitgewirkt, daß ihm dieser Titel gegeben wurde. Rebekka, die Tochter Betuels, steht einem Fremden Manne, Elieser, dem Diener Abrahams, Rede und Antwort. Zwei Fragen werden an sie gerichtet und zwei Antworten gibt sie. So wie sie gefragt wurde, gab sie Antwort: auf das erste zuerst, auf das letzte zuletzt. Sie ist weder wortkarg, noch geschwätzig, nicht unhöflich, aber auch nicht eitel. Im Gegensatz dazu steht das Verhalten ihrer Geschlechtsgenossinnen, welche Saul auf seinem Wege in die Stadt zum Seher antrifft. Der ortsfremde Saul fragt die Mädchen drei Wörter: „Ist hier der Seher?" Die Antwort der Mädchen umfaßt sechs Zeilen. Geschwätzig und gefallsüchtig beginnen sie eine Plauderei, berichten Dinge, nach denen sie nicht gefragt sind. Erst das letzte Wort der langen Rede gibt die Antwort auf die gestellte Frage. Ein Gelehrter bemerkt dazu, das sei ein Schulbeispiel für Frauengeschwätzigkeit. Vater und Gast, Sohn und Tochter, Betuel und Elieser, Laban und Rebekka sitzen beim Mahle, beraten und besprechen die wichtige Sache, ob Rebekka das Weib des Isak werden soll oder nicht. „Da antwortete Laban und Betuel." An diesen drei Wörtern, die ganz harmlos klingen, sind die Ausleger der Schrift nicht achtlos vorübergegangen. Sie nehmen Anstoß daran, daß der Name des Sohnes* vor dem des Vaters steht. Sie tadeln Laban, weil er voreilig vor seinem Vater das Wort ergriff. Sie stehen auf dem Standpunkte, daß in Lebensfragen nicht die Kinder, sondern die Eltern das erste Wort haben. Viel erfreulicher erscheint die Schwester Rebekka, die die Sache doch am meisten angeht, aber nicht eher redet, als bis sie gefragt wird. Man spricht oft mit verschiedener Betonung von den „patriarchalischen Zuständen". Die einen danken Gott, daß sie überwunden sind und preisen als Sieg, daß die unbedingte Anerkennung der Autorität des Alters, das Sich-beugen-müssen vor dem elterlichen Willen aufgehört hat. Es sei ein Glück, daß die Jugend Recht und Rede bekommen hat, nicht nur mitreden kann, sondern oft das erste Wort hat. Die anderen sehen mit Sorge und Betrübnis, wie Ansehen und Erfahrung des Alters geringgeschätzt und entwertet ist, und wagen nicht viel Heil aus diesem Umsturz zu erhoffen. Für die Entscheidung, ob patriarchalisches Regiment oder Wortfreiheit der Jugend empfohlen werden soll, ist es wichtig, die beiden jugendlichen Vertreter des Wortes, Laban und Rebekka, zu beachten. Laban spricht voreilig, eigenmächtig, vorlaut und frühreif, Rebekka bescheiden, bedächtig, wohlerzogen und taktvoll. Betrachtet man die Entwicklung, die diese beiden Kinder im späteren Leben genommen haben, so sieht man die Auswirkung der kindlichen Eigenschaften. Laban verspricht und hält nicht, ändert sein Wort und seine Zusage, so daß er von den alten Weisen „Erzbetrüger" genannt wird. Rebekka, die mit ihren beiden ungleichartigen Kindern viel durchmachen mußte, bleibt stets vorsichtig in Wort und Tat, weiß, ohne viel zu reden, Streit und Zwietracht abzulenken. Die Bedeutung des Wortes und der Rede muß dem Menschen von frühester Jugend beigebracht werden. Die Geschichte des Königs David enthält das Kapitel von der Empörung seines Sohnes Adonia. In die Darstellung des Geschehnisses hat die Schrift einen Satz eingeschaltet, der eine Schuld des Vaters und eine Entschuldigung des Sohnes beinhaltet. „Sein Vater betrübte ihn nie im Leben, daß er zu ihm gesprochen hätte, warum tust du also?" Eltern dürfen die Autorität gegenüber den Kindern nie aufgeben. Die Eltern haben zu reden! Sie dürfen sich das Wort von den Kindern nicht vorwegnehmen oder gar rauben lassen. Die Jugend soll nicht zum Schweigen verdammt sein. Sie darf reden, aber vorerst muß sie gelernt haben, der Jugend entsprechend bescheiden und geziemend das Wort zu gebrauchen, denn leider „schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort!" K.

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