Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-11-13 · Heft 45 (13.11.1925) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 45 (13.11.1925)
Date
1925-11-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064064--14110-3081651
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT Österreichische Wochensdirllf iflr tfldlsthe Interessen Mit dem Beiblatt: Veröffentlichungen der „Union denfschOsterreldilsdier Jaden Redaktion und Administration Wien II., Heinestrafte A3. - Femruf 42-2-16 XLI. Jahrgang Wien, 13. November 1925 Nummer 46 Wirtschaftskrise in Oesterreich. Man muß den Tatsachen offen ins Auge sehen; denn nur die klare Erkenntnis der herrschenden Zustände und ihrer Ursachen kann Abhilfe schaffen: Oesterreichs gesamte Wirtschaft erleidet jetzt eine schwere Krise, Handel, Industrie und Gewerbe befinden sich gegenwärtig in großer Bedrängn i s. Trotz der glänzenden Ernte, die wir heuer zu verzeichnen haben, trotzdem unser staatlicher Haushalt einigermaßen wieder gefestigt erscheint, ist die wirtschaftliche Lage eine derart gespannte, daß Produktion, Güteraustausch und Kreditverkehr, die drei Grundpfeiler jeder Wirtschaft, auf ein geringes Maß herabgesetzt sind. Es drängt sich nun zunächst die Frage auf: Ist die Wirtschaftskrise, durch die wir hindurchgehen, eine nur auf Oesterreich beschränkte oder eine allgemeine Erscheinung? Es kann wohl von einer Weltwirtschaftskrise gesprochen werden, hervorgerufen durch die schwere Verschuldung der europäischen Staaten untereinander und gegenüber Amerika und den hierdurch bedingten Mangel an Kaufkraft und Kredit sowie durch die gegenseitige Absperrung der einzelnen Wirtschaftsgebiete. Anderseits jedoch ist es klar, daß sich diese Krise in jenen Staaten am stärksten auswirken muß, die infolge ihrer Kleinheit oder besonderen Wirtschaftsstruktur durch die wirtschaftliche Isolierung viel stärker getroffen werden als Staaten, die in sich ein mehr oder weniger geschlossenes Wirtschaftsgebiet darstellen. Zu dem durch die Weltwirtschaftskrise am empfindlichsten getroffenen Staaten gehört nun die österreichische Republik. Wie der. Arzt, der an das Bett eines Kranken gerufen wird, diesen erst genau untersuchen muß, um die Art der Erkrankung festzustellen, und erst dann die Heilmittel verordnen kann, so haben auch die, welche die wirtschaftlichen Zustände in einem Lande bessern wollen, die Pflicht, die Gründe der Wirtschaftskrise genau zu erforschen. Die heutige Volkswirtschaft stellt einen überaus komplizierten Organismus dar, in welchem unzählige Hände und Prozesse ineinander greifen müssen, ehe die Güter von den Rohproduzenten bis zu (Sch Konsumenten gelangen. Da die Waren, ehe sie vcm Konsumenten erworben werden, bereits Gegenstand einer ganzen Reihe von Kaut-, bzw. Verkaufsoperationen gewesen waren, zu welchen Geld oder Kredit notwendig war, so ist es klar, daß eine empfindliche Störung im wirtschaftlichen Leben eintreten muß, wenn auch nur ein Rad der überaus komplizierten Produktionsmaschine stockt. In der Regel beschränkt sich eine Krisis nicht auf denjenigen Kreis, in dem sie ausgebrochen ist, sondern sie hat das Bestreben, immer weitere Kreise zu erfassen. Wenn zum Beispiel durch Einfuhrbeschränkungen oder Verhinderungszölle ein bestimmter Produktionszweig seine Erzeugnisse nicht in entsprechendem Umfange oder zu lohnenden Preisen absetzen kann — man denke zum Beispiel an den Schaden, den die österreichische Konfektionsindustrie durch die neuesten Einfuhrbeschränkungen in Polen erleidet — dann entsteht erst eine „P r oduktionskrise", die jedoch zunächst durch kurzfristige Wechselkredite gemildert wird. Kann der Kredit nicht mehr prolongiert werden, weil die betreffenden Kreditinstitute selbst in gespannte Geldverhältnisse geraten sind, dann entsteht aus der Produktionskrise eine „K r e d i t"- oder „B ankk r i s eu. Die Banken sind nunmehr gezwungen, auch anderen Produktionszweigen gegenüber die Kreditgewährung einzuschränken, was gewöhnlich in einer bedeutenden Erhöhung des Bankzinsfußes zum Ausdruck kommt. Die Krise bleibt also nicht auf einen besonderen Produktionszweig beschränkt, sondern greift auch auf andere Produktionszweige über. Die Folgen hiervon sind Unternehmerverluste und Betriebseinschränkungen, Arbeitslosigkeit, erhöhte Warenpreise (in denen ja der hohe Zinsfuß enthalten ist) bei verminderter Kaufkraft der Bevölkerung. Dies sind die allgemeinen Gründe der Wirtschaftskrise, durch die derzeit Oesterreich hindurchgeht. Die hervorragende Stellung nun, welche die österreichischen Juden im Wirtschaftsleben unserer Republik einnehmen, macht es klar, daß sie vor allem und vielleicht am schwersten von den Folgen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise betroffen sind. Die Sorge um das tägliche Brot lastet mit erdrückender Schwere auf der österreichischen Judenschaft und täglich und stündlich tritt die Frage^ an jeden einzelnen von uns heran, wie er diese furchtbare Zeit überstehen werde. Es ist begreiflich, wenn auch sehr zu bedauern, daß die österreichischen Juden unter den obwaltenden Verhältnissen der Erhaltung ihrer kulturellen und religiösen Einrichtungen weniger Aufmerksamkeit zuwenden. Und doch bilden diese das Rückgrat jeder jüdischen Gemeinschaft, den Konzentrationspunkt des jüdischen Denkens und Fühlens. Die Erhaltung und Fortbildung dieser Einrichtungen sowie die Unterstützung der jüdischen Presse, welche die Verbindung und den Zusammenschluß der Juden vermittelt, sind daher unabweisliche Notwendigkeiten, soll das Judentum ohne schweren Schaden aus dieser traurigen Zeit wieder hervorgehen. Wie dem auch sei, Wirtschaft, das ist heute das erste und wichtigste Problem, eine Existenzfrage für alle zusammen und für jeden einzelnen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.