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Die Wahrheit · 1925-11-06 · Heft 44 (6.11.1925) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 44 (6.11.1925)
Date
1925-11-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 44 DIE WAHRHEIT Seite 9 er habe in seiner Anfrage wegen des Steiger-Prozesses Informationen über dem Ministerium unterstellte Behörden, die er als Abgeordneter erhalten habe, zur Kenntnis des Ministeriums gebracht, trotzdem, er selbst Beamter, nämlich Ministerialrat, ■ in diesem Ministerium sei. Iri parlamentarischen Kreisen ist man der Auffassung, daß der Inhalt dieser Anfrage ganz abwegig und anscheinend nur aiif antisemitische Beweggründe zurückzuführen sei. Nach der Verfassung hat jeder Abgeordnete das Recht, unabhängig von jedem Anstellungsverhältnis so im Parlament vorzugehen, wie er es als seinen Pflichten entsprechend erachtet. Er kann dafür auch in keiner Weise zur Verantwortung gezogen werden. Eine aufgedeckte Hakenkreuzlüge. In der Berliner „C. V.¬ Zeitung" berichtet Max Kosler (Dresden): Adolf Hitlers „Völkischer Beobachter" brachte in seiner Nummer vom 3. August ein abstoßendes Bild: Drei Ostjuden, die in einem Leichenkeller zwei Tote plündern und ihnen die Zähne ausbrechen. Unter dem Bilde stand in dicken Lettern: Im Dresdener Krematorium sind die Leichen systematisch beraubt worden auf Anstiften jüdischer Hehler! Wochenlang hatten antisemitische Winkel- und Skandalblätter gute Geschäfte mit einer gemeinen Judenhetze zu machen verstanden und Dresden in Erregung gehalten. Nun sind zugleich mit Hitler auch diese Blätter gerichtet; der Dresdener ..Krematoriumskandal" fand vor dem Dresdener Schöffengericht seinen Abschluß. Es kann auf Grund der Gerichtsverhandlung einwandfrei festgestellt werden, daß das Judentum, ja selbst der mit der Sache in Verbindung gebrachte einzige Jude überhaupt nichts mit dem Skandal als solchem zu tun haben. Zwei christliche Krematoriumsheizer hatten einzuäschernde Leichen ihrer Wäsche beraubt und aus den Aschenresten Gold- und Platinreste ausgesiebt und verkauft. Unter falschem Namen und als angeblicher Händler hatte der eine Dieb - kleine Mengen an einen jüdischen, gutbeleumdeten Metallhändler verkauft. Dieser erkannte anläßlich einer Einäscherung in einem Oberheizer den angeblichen Händler, stellte ihn und brachte ihn zur Anzeige. Dafür wurde er infolge völkischer Hetze vorübergehend verhaftet, aber im Gerichtsverfahren, wie nicht anders erwartet werden durfte, freigesprochen, während ein vermutlich ebenso unschuldiger christlicher G o 1 d a u f k ä u f e r sich infolge der schamlosen Preßhetze erhängte. Neben diese Tatsachen halte man das geschilderte Bild des Hitler-Organs. Eine derartig skrupellose Ausnutzung jener traurigen Leichenfledderei zugunsten der völkischenGeschäftsk a s s e, die sich wohl selbst als eine Art geistiger Leichenfledderei dartut, müßte bei normalen anständigen Menschen zu einer Massenflucht aus der völkischen Bewegung führen, und man lernt plötzlich das Grauen verstehen, das einzelne ehemalige Völkische zu ihren Veröffentlichungen über die Fememorde treibt. Die Rassentheorie ein Unsinn. In einer großen öffentlichen Versammlung der deutschen Friedens-Gesellschaft in Gelsenkirchen erklärte der bekannte General Freiherr von Schönaich auf eine bezügliche Anfrage: „Ich halte die völkische Bewegung und die ganze Rassentheorie für glatten Unsinn. Wenn ich für jeden daherlaufenden, mit dem Hakenkreuz geschmückten Kerl, in dessen Adern jüdisches Blut fließt, einen Taler hätte, wäre ich ein sehr reicher Mann." Im Zeichen des Hakenkreuzes. Ebenso wie in Oesterreich und besonders in Wien das Hakenkreuz zum Sinnbild von Roheit, Gewalt und Rücksichtslosigkeit geworden ist, so bildet auch im Deutschen Reiche sein Auftreten das Signal für allerhand Ausschreitungen, Gewalttaten und Roheitsakte. Ebenso wiie bei uns, so müssen auch die Behörden im Reiche gegen dte hakenkreuzlerischen Rowdies einen ununterbrochenen Kampf zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung führen. In Berlin zum Beispiel haben die seinerzeitigen hakenkreuzlerischen Exzesse eine strenge Verordnung des dortigen Polizeipräsidenten zur Folge gehabt, deren genaue Durchführung den ärgsten Ausschreitungen ein Ende gesetzt hatte. Nunmehr haben die Berliner Hakenkreuzler offenbar mit Rücksicht auf die stattgehabten Stadtverordneten-Wahlen ihr skandalöses Treiben wieder begonnen. Am 20. Oktober abends zogen etwa vierzig junge Leute unter Vorantragung einer großen Hakenkreuzfahne durch die Hardenbergstraße, wo sie die Passanten verhöhnten und belästigten. Der 63jährige Bankdirektor Georg Markus, der eine Bemerkung über dieses unerhörte Treiben nicht unterdrücken, konnte, wurde überfallen, blutig geschlagen und durch Schläge mit Gummiknüppeln schwer verletzt. Der Mißhandelte wurde endlich von der Polizei aus den Händen seiner Peiniger befreit, diesen jedoch gelang es zu entfliehen und sie konnten bisher nicht festgestellt werden. Jene tapferen Recken, welche einen alten Mann verprügeln und sich dann aus dem Staube machen, zeigen deutlich vor aller Welt, von welchem Edelsinn und Heldenmut die stolzen Hakenkreuzler beseelt sind. Schade nur, daß die Berliner Bevölkerung die hervorragenden Verdienste dieser Herren um die Hebung der deutschen Kultur nicht anerkennen wallte. Die Hakenkreuzler haben nämlich bei den letzten Berliner Stadtverordnetenwahlen einen katastrophalen Zusammenbruch erlitten. Sie ziehen sechs Mann hoch in die 225 Mann starke Stadtrepräsentanz ein. Eine Gedenkfeier für Mlksa Szabolcsy. Am 1. November wurde in Budapest anläßlich des zehnten Todestages Miksa Szabolcsys, des Begründers und langjährigen Leiters des „E g y e n I ö s e g'\ eine Gedenkfeier abgehalten, an der die Vorsteher der Budapester israelitischen Kultusgemeinde und die Vertreter der einzelnen Sprengel, viele jüdische Abgeordnete, Künstler und Professoren sowie die hervorragendsten Vertreter der Budapester jüdischen Gesellschaft teilnahmen. Der große Konzertsaal war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt und in andächtiger Spannung lauschten die Anwesenden der ergreifenden Gedenkrede, welche Oberrabbiner Dr. H e v e s i dem verstorbenaÜTüdischen Publizisten hielt. Miksa Szabolcsy, ein Weggenosse unseres unvergeßlichen Dr. Josef Bloch, mit dem ihn treue Freundschaft verband, hatte sich durch sein publizistisches Wirken unvergängliche Verdienst um die ungarische Judenschaft erworben und durch den energischen Kampf, den er gemeinsam mit Dr. Josef Bloch gegen die Rttualmordhetze geführt hat, auch für die übrige Judenheit Großes geleistet. Die Budapester Kultusgemeinde hat durch die Ehrung, nur sich selbst geehrt. Thomas G. Masaryk und seine jüdischen Freunde. Von dem Begründer des tschechoslowakischen Staates und Präsidenten der tschechoslowakischen Republik, Thomas G. Masaryk, erschien soeben ein Memoirenwerk ..Die Weltrevolution, Erinnerungen und Betrachtungen", in welchem der berühmte Verfasser sich Rechenschaft über seinen bisherigen Lebensweg gibt und insbesondere die Vorgeschichte der Gründung des tschechoslowakischen Staates Schildert. An mehreren Stellen des Buches sind die Zusammenkünfte des Präsidenten Masaryk mit jüdischen Persönlichkeiten in verschiedenen Ländern erwähnt. Präsident Masaryk stellt fest, daß ein großer Teil der Sympathie, die ihm in den westeuropäischen und amerikanischen Ländern entgegengebracht worden ist, auf das Konto seiner „Hilsneriade" zu buchen sei. Damit spielt der Präsident auf den im Jahre 1899 in dem böhmischen Städtchen Kutno stattgefundenen Prozeß an, in dem ein jüdischer Schlächtergehilfe, Leopold Hilsner, fälschlich des Ritualmordes an einem christlichen Mädchen angeklagt und verurteilt worden war. Prof Masaryk trat der damals in Böhmen demagogisch hervorgerufenen antisemitischen Stimmung entgegen, bekämpfte die Ritualmordlegende und nahm sich des Angeklagten an. Ueber seine Erlebnisse in den Vereinigten Staaten berichtet Präsident Masaryk u. a.: „Wie überall, unterstützten mich auch die Juden. Und gerade in Amerika .rentierte' sich mir, wenn ich so sagen darf, die Hilsneriade. Schon im Jahre 1907 hatten die Juden in New-York einen riesigen Empfang für mich veranstaltet: diesmal hatte ich viele persönliche Zusammenkünfte sowohl mit Vertretern der orthodoxen Richtung als auch mit Zionisten. Von diesen nenne ich Mr. Brandeis, Mitglied des Obersten Gerichtes, seiner Herkunft nach aus Böhmen; er war gut mit dem Präsidenten Wilson bekannt und genoß sein Vertrauen. In New-York war Mr. Mack einer der führenden Zionisten. In Amerika haben die Juden wie in Europa großen Einfluß in der Journalistik: es war sehr vorteilhaft für uns, diese Großmacht nicht gegen uns zu haben. Auch diejenigen, die mit meiner Politik nicht übereinstimmten, benahmen sich zurückhaltend und unparteiisch." Sieh' da, sieh* da, Timotheus! Vor kurzem \wurde von uns mitgeteilt, daß aus Anlaß der Amnestie aller am Kapp-Putsch beteiligt gewesenen Personen auch der Presse-Chef der Kapp- Regierung. der aus Ungarn stammende getaufte Jude und Antisemit Trebitsch-Lincoln, dessen bisheriger Lebenslauf in derr gleichen Artikel genügend gekennzeichnet wurde, der Amnestie teilhaftig geworden ist. Zur Charakterisierung dieses Abenteurers liefert ein Brief des Pastors Karl Kunert in Kastawe (Grenzmark) an den Verein zur Abwehr des Antisemitismus einen weiteren interessanten Beitrag. Pastor Kunert schreibt unter anderem: .,. . . Da ich ihn (Trebitsch-Lincoln) sehr gut kenne und sein Leben besonders bis zum Parlamentssitz in England genau verfolgt habe (so weit reicht etwa unser seht ergiebiger Briefwechsel), so darf ich wohl eine Berichtigung

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