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Die Wahrheit · 1925-11-06 · Heft 44 (6.11.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 44 (6.11.1925)
Date
1925-11-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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NqJ4 Seite 7 wie die Frage nach seinem Vater. Fort mit ihm! Auch Hermann Bahr, in weichem der große Bartels in der ersten Auflage seiner Literaturgeschichte den Typus des jüdischen Literaten erschnüitelte, soll sich vergebens auf die späteren Autlagen des Werkes berufen. Wer einmal Jud war, bleibt immer Jud! Bei den Darstellern wird man wohl noch mehr Vorsicht walten lassen müssen, um nicht, behüte der Himmel, Opfer eines lrrtumes zu werden. Aber man wird da auch vorbeugen können, indem jedes engagierte Mitglied einen Kontrakt unterzeichne^ in welchem es der Theaterleifung dahingestellt bleibt, ihn etwa mit dem bloßen Hinweis, daß man erfahren, seine Großmutter wäre semitisch bemakelt, innerhalb 24 Stunden zu kündigen. Die einzige wahre Sorge für das zu gründende arische Theater erblicke ich lediglich in der Umständlichkeit, mit der die Feststellung des Ariertums der weiblichen und männlichen Kunstfreunde verbunden sein wird, bevor man ihnen den Eintritt in das Haus gestatten kann. Es wäre ja entsetzlich, wenn die Juden, die auch jetzt schon das Hauptkontingent der Theaterbesucher bilden, sich auch in das arische Theater hineinschmuggeln könnten. Ein arischer Theateridealist würde es gewiß lieber ertragen, daß man zehn echte Arier, die ein grausames Geschick mit einer jüdischen Nase versehen hat, hinausschmeißt, als daß sich einer der zahllosen Juden, die sich z. B. einer Stumpfnase erfreuen, sozusagen unter falscher Flagge in das Haus einschleicht. Die Lösung dieser Schwierigkeit wird viel Kopfzerbrechen bereiten. Man kann wohl von jedem Besucher verlangen, daß er an der Kassa Impf-, Geburts- und Taufschein vorzeigt. Aber was hilft das? Kann er den ganzen Stammbaum mitbringen? Kann der gehörig geprüft werden, daß dem nach arischer Kunst Lechzenden eventuell zugedonnert werden kann: „Geh'n S' heim, mit Ihrer Großmutter stimmt es nicht!" Aber schließlich ist das nicht meine Sorge, sondern die der Gründer. * * * Uebrigens finde ich, daß in dem erwähnten Aufsatz dem zukünftigen Theater ganz überflüssigerweise noch Aufgaben aufgebürdet werden, die vielleicht mit dem Wesen des Theaters nichts zu tun haben. So heißt es z. B. darin: „Wir müssen den Rassenschmutz planmäßig bekämpfen, der sich seit vielen Jahrhunderten allmählig in unseren germanischen Adern absetzte. Gewiß werden hierzu wieder Jahrhunderte notwendig sein." Es ist das ein schönes, aufrichtiges Bekenntnis und wer an gewisse Helden der Rassentheorie erinnert, deren Wäsche coram publico im Gerichtssaale vorgenommen wurde, wird zugeben müssen, daß die Reinigung von diesem Schmutze viel Zeit beanspruchen) müßte. * * & Die Rothstock-Blätter werfen mit bitterer Empörung die Frage auf, warum man zwei in der letzten Zeit Freigesprochene ungleich behandelte. Die Pruscha sei mit einem Auto abgeholt worden, das sie in die Freiheit führte; Rothstock aber nur im simplen Wagen nach Steinhof gebracht worden. Die Herrschaften verlangen Aufklärung, wie es komme, daß solche unerhörte Zustände möglich sind. Ja, verstehen sie wirklich nicht, welcher Unterschied zwischen der Pruscha und Rothstock besteht? Die Pruscha wurde von den Geschworenen mit elf Stimmen gegen eine freigesprochen, weil die Geschworenen es nicht über ihr Gewissen bringen konnten, eine Frau als Mörderin zu verurteilen auf Grund von Indizien, die vielleicht in gleicher Menge und mit gleicher Wucht den hakenkreuzlerischen Herrn Meiche belasten. Rothstock aber war ein geständiger Mörder und von sechs Geschworenen nur als Irrsinniger freigesprochen, weil sie seinen vielleicht nur simulierten Irrsinn für echt nahmen. Daß die Pruscha in einem Auto abgeholt wurde, hat der Staat nicht veranlaßt, der hätte sie auch zu Fuß weggehen lassen. Der Staat begnügte sich allerdings damit, Rothstock in einem schlichten Gefährt nach Steinhof zu bringen. Das soll über das Verständnis der hakenkreuzlerischen Blätter gehen? Kaum glaublich. Ein solch weitgehender Stumpfsinn macht fast den Eindruck, simuliert zu sein. Freilich Blättern, die auch der Meinung Ausdruck geben, in der österreichischen Republik habe es nur der gut, hinter den die Judenpresse stehe und das sei die Pruscha gewesen, der man schon manches zumute. * * * Marffy klagt. Mancher wird bei dieser Nachricht erstaunt sich gefragt haben: Ja, ist denn dieser Chef der Bombenwerfer, die neun Besucher des Elisabethstädter Klubs aus Budapest in ein besseres Jenseits befördert wurden, nicht immer ganz gemächlich im Gefängnis imd wartet seelenvergnügt ab, bis seine Angelegenheit, die noch einen langen, langen Instanzenweg vor sich hat, erledigt sein wird. Der junge Herr läßt wirklich in keinerlei Weise den Kopf hängen, wenn er klagt, so drängt ihn hierzu weniger seine momentane Zurückgezogenheit von dem politischen Leben, sondern die Erbitterung, die er über einige Zeitungen, über den Grafen Bethlen und den Budapester Polizeistadthauptmann empfindet, die sich in wenig ehrerbietiger Weise über ihn geäußert haben sollen. Ein Marffy, der Schützling des großen Hejjas, ist sehr empfindlich, das hat man schon während der Gerichtsverhandlung erfahren, in der er dem ungarischen Ministerpräsidenten derart ins Gesicht sprang, daß dieser schier die Fassung verlor. Ueberraschend ist allerdings, daß man Marffy, der in erster Instanz zum Strang verurteilt ist, die Zeitungen, die anderen wegen Mord Verurteilten unzugänglich sind, nicht wenigstens aus zarter Rücksicht für seine Empfindlichkeit vorenthält. Der Polizeistadthauptmann, der sich zuerst gegen den Kläger Marffy zu verteidigen hatte, wurde freigesprochen. Auch Graf Bethlen dürfte, wenn es zum Prozesse kommt, hoffentlich mit einem blauen Auge davonkommen. Wie es den geklagten Journalisten ergehen wird, ist allerdings eine andere Frage. Wenn sie sich erinnern, was Herr v. Beniczky erfahren, müssen sie zittern. Ego.

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