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Die Wahrheit · 1925-11-06 · Heft 44 (6.11.1925) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 44 (6.11.1925)
Date
1925-11-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 44 DIE WAHRHEIT Seite 5 existenzfähig waren und heute leider nicht vermißt werden dürfen, wieder zu errichten, ist vor allem die heiligste Pflicht der jüdischen Gesamtheit. Es war im Jahre 1899. Dr. Lueger residierte bereits zwei Jahre im städtischen Bürgerpalast, die Wogen des wirtschaftlichen Antisemitismus gingen sehr hoch, die Macht der damals Jungen und rührigen christlichsozialen Partei bekamen, wie es in der Geschichte schon einmal üblich ist, zunächst die wirtschaftlich schwachen Juden am heftigsten zu spüren. Da faßten einige wackere Männer, die in den damaligen Bne-Brith-Logen Sinn und warmen Anteil für das Geschick ihrer in Wien lebenden Glaubensbrüder bekundeten, dein Entschluß, eiinen Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis ins Leben zu rufen. Vom Entschluß bis zur Tat bedurfte es niiir sehr kurze Zeit. Dieser Verein, der von pflichtbewußten Personen unter steter Aufsicht des Vorstandes geleitet wurde, erfüllte bis zum Kriegsausbruch die Erwartungen, welche in ihn gesetzt wurden. Die Förderung eines solchen Vereines ist heute genau so notwendig wie seinerzeit, wenn auch dermalen kein Christlichsozialer Bürgermeister der Stadt Wien ist. So wie damals diese Institutionen nur von Arbeitgebern begründet und erhalten wurden, müßte es auch jetzt so sein, denn Arbeit sucht und findet man nur bei Arbeitgebern. Politische Momente hätten hier kein Betätigungsgebiet, hingegen spielen die individuellen Eigenschaften des Bewerbers, seine Familtenverhältnisse und sein Charakter bei der Besetzung einer vakanten Stelle eine wesentliche Rolle. Die moderne wirtschaftliche Krankheit, welche den Namen Abbau führt, grassiert nirgends so stark wie in Wien und da hauptsächlich in den freien Berufen. Und in welchen Berufen sonst als in diesen sind die Juden am stärksten vertreten? Die ohnehin wenigen Stellen, welche zur Besetzung gelangen, sollen von diesem Gesichtspunkte aus Berücksichtigung finden, überdies müßte man mit den jüdischen Arbeitgebern im Deutschen Reiche und in den Sukzessionstaaten in FRihlung treten, denn dort scheint doch die Arbeitslosigkeit nicht solche Dimensionen erreicht zjuj haben wie bei uns. Das Judentum, welches zu allen Zeiten und unter allen staatlichen Formen sich seiner Pflicht der Allgemeinheit gegenüber niemals entzog, kann nicht die Tatsache feststellen, daß Staat oder Gemeinde sich ihm gegenüber ebenso pflichtgemäß benimmt. Der Jude hat sich schon damit abgefunden, daß er dazu bestimmt sei, geistig und materiell über den Rahmen des gewöhnlichen Sterblichen hinaus Leistungen zu vollbringen. Wir können uns damit nicht zufrieden geben, daß es derzeit in Wien viele öffentliche Arbeitsnachweisstellen gibt, zu deren Egialtung übrigens jüdisches Geld viel beiträgt. Wemruns die Notlage unserer Brüder nicht kalt läßt und wir das Bestreben haben, zu 'deren Linderung wirksam beizutragen, verdient die Förderung einer jüdischen Arbeitsnachweisstelle nicht zu den letzten Mitteln gezählt zu werden. Religion und Wirtschalt. Von B. W. Segel. Prof. Dr. Mayer-Balaban, dem wir bereits eine ganze Anzahl gediegener, aus den ersten Quellen schöpfender Publikationen aus dem Gebiet der jüdischen Geschichte in Polen verdanken, Akten und Materialiensammlungen sowohl wie auch zusammenfassende Monographien und Darstellungen, hat uns ein schönes Buch über eine der merkwürdigsten und ehemals angesehensten jüdischen Gemeinden in Osteuropa geschenkt: „Die Judenstadt von Lublin" (Jüdischer Verlag, Berlin). Während der Besetzung dieses Teils von Polen durch die habsburgische Armee im Kriege war der Verfasser in amtlicher Eigenschaft in Lublin tätig. Er benutzte die Gelegenheit, um die Archive der Stadt zu durchforschen und die alten Lokaltraditionen zu sammeln und zu sichten. Was er uns bietet, ist eine äußerst wertvolle Monographie. Der Wert des Buches wird noch erhöht durch die von dem Charlottenburger Architekten Karl Richard Henker an Ort und Stelle hergestellten zahlreichen schönen Illustrationen, die die Ausführungen des Textes anschaulich machen. In der alten, bereits im 13. Jahrhundert existierenden Stadt Lublin tritt uns die jüdische Gemeinde erst im 16. Jahrhundert entgegen, sie ist also bedeutend jünger als die anderen berühmten Judengemeinden in Polen wie Krakau und Lemberg. Wie die meisten großen Städte Polens ist auch Lublin von dem im 12. und 13. Jahrhundert ins Land gerufenen Deutschen gegründet worden; diese Städte regierten sich alle nach deutschem (sog. Magdeburger) Rechte, erst König Kasimir der Große verlegte den höchsten Gerichtshof für diese Gemeinden nach Polen. Das deutsche öffentliche Recht blieb in Geltung, auch nachdem die Bürger sich gänzlich polonisiert hatten und jede Erinnerung, an ihre deutsche Herkunft verschwunden war. Zu dem Grundsatze dieses Rechtes gehörte es, daß die Bürgerschaften der Städte vom König oder Herzog das Privilegium de non tolerandis Judaeis erwarben, welches ihnen gestattete, jüdische Kaufleute und Handwerker von der eigentlichen Stadt, wo der Marktplatz war und die Geschäfte abgewickelt wurden, fernzuhalten. Lublin entwickelte sich im 16. Jahrhundert zu einer mächtigen Handelsstadt. Deutsche, Franzosen, Italiener. Perser, Türken, Tataren, Armenier und Großrussen zogen nach Lublin, um hier ihre Waren auszutauschen: Manufaktur waren, Leinwand, Samt und Seide, Teppiche, Salz, Pelze, Gewürze, und Farben. Die Könige gewährten den Lubliner Bürgern Zollfreiheit an vielen Grenzstationen, was viel zur Hebung des Handels beitrug. Und das Handelszentrum in Lublin befand sich ähnlich wie in anderen Städten jener Zeit am Marktplatz und in den ihn umgebenden Gassen. Hier war die Wage, hier standen die Dolmetscher, hier die Vermittler, die Käufer und Verkäufer zusammenbrachten. Den Juden aber waren die Wohnplätze weit, weit außerhalb der Stadt zugewiesen, in der Stadt durften sie weder Wohnungen noch Geschäfte mieten. Das Privilegium de non tolerandis Judaeis erfüllte also nicht nur die hohe, ideale Aufgabe, die christliche Religion vor jeder Befleckung durch die vermaledeiten Juden zu behüten, sondern auch den sehr praktischen und höchst einträglichen Zweck, den christlichen Bürgern ein Handelsmonopol zu sichern und die lästige jüdische Konkurrenz fernzuhalten. Es ist kein Wunder, daß die christlichen Handwerker und Kaufleute dieses Privilegium bis in die neueste Zeit hinein als ein heiliges Palladium ihrer Religion hochhielten Den Hauptinhalt der äußeren Geschichte der Juden in den meisten Städten Polens (sowie Deutschlands) bildet denn auch der Kampf um das Handelsprivilegium. Der König und der Adel dachten nämlich über diesen Punkt ganz anders als die Bürger. Die Fernhaltung der Juden vom Handel brachte den Fiskus um enorme Steuern und unterband den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes. Die Stadtbehörden nahmen öfters ebenfalls einen höheren Gesichtspunkt ein als die Krämer in den Kaufläden und auf dem Marktplatz, die nur an ihren Profit dachten. Vollends dier Adel stand zumeist auf seiten der Juden im Streit mit der Bürgerschaft. Nicht wie der Verfasser meint, „weil er an den jüdischen Kaufmann gewöhnt war", sondern aus sehr handfesten realpolitischen Gründen. In Polen war die gesamte Politik, die innere und äußere Verwaltung und Leitung des Staates ein ausschließliches Privilegium des Adels, dessen macht auf dem Grundbesitz beruhte; von einer wirtschaftlichen Erstarkung des Bürgertums fürchtete er eine Beeinträchtigung dieses Privilegiums, darum war es ihm nur erwünscht, daß dem christlichen Bürgertum eine Konkurrenz erwuchs, die ihm einen Dämpfer aufsetzte; von seiten der Juden als Fremd-

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