Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 44 (6.11.1925)
- Date
- 1925-11-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064063--14096-3081636- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 44 Schaden erwächst, das nennt man offenbar „nationale" Politik betreiben. Schließlich und endlich, so dachten die wackeren Deutschnationalen, sind ja die verhaßten Demokraten und Sozialisten gut genug, um uns aus der Verlegenheit zu helfen und statt uns den Vertrag zu unterschreiben. Dafür wollen wir sie dann mit Kot bewerfen und als Verräter hinstellen. Auf dieses Ansinnen haben die Linksparteien selbstverständlich mit einem entschiedenen „Nein!" geantwortet. Die politische Lage in Deutschland ist in höchstem Grade verworren und unübersichtlich. Ob nun ein Volksentscheid, eine Reichstagsauflösung oder eine bloße Regierungsumbildung die Lösung der mutwilligheraufbeschworenen Krise bringen wird, läßt sich heute noch nicht sagen. Das einzige, was derzeit gesagt werden kann, ist folgendes: Wenn der Weg, der von dem Diktatfrieden von Versailles über Genua, London und den Dawesplan nach Locarno geführt hat, nicht seinen Sinn verlieren soll, dann muß der Vertrag von Locarno ratifiziert werden. Ob mit oder ohne Deutschnationale, diese Frage, so wichtig sie auch für Deutschlands innere Politik sein mag, ist doch nur von sekundärer Bedeutung. Wir Juden stehen selbstverständlich mit allen unseren Sympathien auf Seiten des Friedenswerkes von Locarno und wünschen, daß es ratifiziert werden möge. Sehen wir doch in ihm eine Möglichkeit, aus dem Trümmerhaufen endlich herauszukommen, den Europa heute darstellt, und eine bessere Welt aufzubauen, als es die ist, welche in Versailles gezimmert wurde. Der Völkerbund bedeutet für uns den ersten Schritt zur Erfüllung jenes herrlichen Prophetenwortes, daß „eine Zeit kommen wird, in welcher die Völker die Schwerter zu Pflugscharen und die Lanzen zu Sicheln umschmelzen werden." Wir wissen, daß wir von der endgültigen Erfüllung dieser Ideale noch weit entfernt sind, aber Locarno könnte ein Anfang sein, das erste Zeichen des Anbruches einer besseren Zeit. Darum hoffen wir zuversichtlich, daß - das Werk von Locarno besiegelt werden wird, mögen auch nationalistische Quertreiber am Werke sein, um dieses noch im letzten Augenblick zu zerstören. . Das Heine-Denkmal. Wie wir bereits berichteten, wird das Heine- Denkmal der Kaiserin Elisabeth nun endlich eine Heimat finden. Die Stadt Altona hat beschlossen, im Donnerspark am Hang des Elbeufer dieses Denkmal aufzustellen. Aus diesem Anlaß soll an das Schicksal dieses Heine-Denkmals erinnert werden. Kaiserin Elisabeth ließ es in Korfu aufstellen, Wilhelm IL, der später Eigeqfümer des Achilleions auf Korfu wurde, wollte ein Denkmal des jüdischen Dichters der Loreley in seinem herrlichen, südlichen Erholungsort nicht dulden. Julius Kampe, ein Nachkomme des Heine-Verlegers, erwarb es und ließ es vor seinem Comptoirhaus aufstellen. Die antisemitische Jungmannschaft verunglimpfte das Marmorbild, so daß sich der Besitzer entschließen mußte, das Kunstwerk mit einem Holzverschlag zu umkleiden. Später ging die Statue in den Besitz des Hamburger Architekten Bach über und erst jetzt hat sich eine Stadt, wohl nicht Hamburg, sondern Hamburgs Schwesterstadt Altona, entschlossen, dem Denkmal ein würdiges Asyl zu gewähren. Arnold Weiß-Rüthel macht hierzu in der Berliner „Weltbühne" folgenden launigen Vorschlag in Versen: Die Figur muß sehr groß sein, und möglichst massiv: Marmor, Granitstein! Andre Steine eignen sich, falls sie recht hart "sind, auch. Den rechten Arm hält Heinrich Heine ein wenig schief über den Bauch. Dieser ganze schiefe und rechte Arm muß aus Stahl, nicht aus Stein und beweglich sein. Wie bei einem Münchner Verkehrs-Turm-Gendarm. Inwendig hat Heine elektrische Mächte, die sorgen dafür, daß die stählerne Rechte Jedweden, der deutschnational sie berührt, mit Ohrfeigen, Püffen und Totschlag traktiert. Außerdem sind natürlich die Beine gleichfalls elektrobeweglich scharniert. Und jegliche völkische Absicht riskiert, daß sie ein Fußtritt von Heinrich Heine paralysiert. Zum Schluß wirkt mit automobilen Flinten der Dichter im Notfall auch nach hinten. Die Ventile müssen sich stündlich lüften und die ganze Umgebung mit Lachgas vergiften. So stelle man Deutschlands mißachteten Sohn vor jede deutschvölkische Redaktion. Ich widme jetzt diesen schönen Entworf: dem Kaiser, Herrn Hitler und Ludendorff. In der deutschen Presse wird anläßlich der Aufstellung des Heine-Denkmals in Altona daran erinnert, daß jetzt Hamburg Gelegenheit hätte, eine Sünde gutzumachen. Unmittelbar vor dem Kriege schuf nämlich der aus Znaim stammende Bildhauer Hugo Lederer über privaten Auftrag eine Heine- Statue, welche im Hamburger Stadtpark hätte aufgestellt werden sollen. Die „Loreley" wird auf den feucht-fröhlichen Rheinfahrten von deutschen Kehlen noch immer gesungen, aber auch' die Aufstellung dieses Denkmals wurde bisher verhindert. Das Denkmal ist gegenwärtig in eine Ecke der Hamburger Kunsthalle verbannt und es wird die Hamburger Stadtverwaltung daran erinnert, daß sie anläßlich der Denkmalaufstellung in Altona auch im Hamburger Stadtpark die längst geplante Aufstellung dieses Denkmals vornehmen sollte. Alltagsprobleme des Wiener Judentums. Von J. Grobtuch Arbeitsnachweis. In Zeiten der wirtschaftlichen Not, wie es die gegenwärtige ist, hat man es innerhalb des Wiener Judentums nicht notwendig, Umschau zu halten nach neuen Wohlfahrtsinstitutionen. Wiens Judentum der Vorkriegszeit hat auf fast allen Gebieten der Wohlfahrt seine bewährten Institutionen besessen. Sie den Verhältnissen entsprechend umzubauen und diejenigen, welche infolge des Krieges nicht