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Die Wahrheit · 1925-11-06 · Heft 44 (6.11.1925) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 44 (6.11.1925)
Date
1925-11-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44 DIE WAHRHEIT Seite 3 Sinai befindlichen Tafelfunde Flinders Pet r i e s sicher geborgen und der gelehrten Welt zugänglich gemacht werden. Weiter ist das Terrain dieser Funde noch einmal genau daraufhin zu durchforschen, ob nicht noch anderes ihrer Art dort vorhanden ist!" Die gesamte Kulturwelt wird sich dieser Forderung anschließen und die weiteren Ergebnisse der diesbezüglichen Forschungen mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgen. Besonders aber wir Juden werden denselben die größte Beachtung schenken müssen, handelt es sich hier doch um Fragen, denen kein Jude gleichgültig gegenüberstehen kann. Mögen nun die Forschungsergebnisse Prof. Dr. Grimmes nachträglich ihre Bestätigung finden oder nicht, man wird ihm nicht das Verdienst absprechen können, auf ein Problem hingewiesen zu haben, das nicht mehr aufhören wird, die Geister der Gelehrten aller Länder und Völker zu bewegen. Denn gewiß werden die Arbeiten des deutschen Gelehrten den Anstoß für weitere und eingehende Studien bilden, auf einem Gebiete, auf dem wir bisher vollkommen im Dunkeln getappt sind. Locarno. Wird der Pakt von Locarno ratifiziert werden? Diese Frage, die eine Schicksalsfrage nicht allein für Deutschland, sondern für ganz Europa ist, bewegt die Gemüter nicht nur der Politiker, sondern auch der weitesten Volkskreise im Reiche. Aber auch in allen anderen Staaten diesseits und jenseits des Ozeans verfolgen alle Friedensfreunde mit gespannter Aufmerksamkeit die Vorgänge, die sich in den nächsten Wochen auf der politischen Arena Deutschlands abspielen werden. Locarno ist mehr als ein Schlagwort, welches in den Kampf der Meinungen und Gesinnungen hineingeworfen wird und an dem sich die Gemüter entzünden, Locarno ist für alle Fortschritts- und' Friedensfreunde eiri Symbol für Versöhnung und Verständigung, ein Sinnbild des Friedens und der Abrüstung, noch beim Genüsse, nicht im Denken und Fühlen, nicht in der Hilfe oder im Gebete beeilen können, begreifen nicht, daß man eine Mizwo nicht wie ein Amtsgeschäft oder eine Taglöhnerarbeit erledigen kann. Eine Mizwoh tun ist etwas, woran das Herz hängt. „Wer schnell hilft, ist lobenswert." „Die Frommen eilen, Mizwos zu erfüllen." Das ist die eigentliche „jüdische Hast", deren sich das Judentum nicht schämen soll. Gilt es, Werke der Frömmigkeit, Menschenliebe und Hilfe zu tun, sei das Vorbild der „hastende Abraham". Wo es sich um irdische, materielle Interessen handelt, die dem Wunsche und Befehle Gottes entgegenstehen, ist der „zögernde Lot", Ruhe und Ueberlegenheit Lob und Ruhm! Die moderne jüdische Wohltätigkeit, die öffentliche Fürsorge, der Hilfedienst auf den verschiedenen humanitären Gebieten könnte sich etwas von der „jüdischen Hast" Abrahams aneignen. Man beachte einmal, welch abgeklärte Ruhe, vornehme Gelassenheit obwaltet, wenn ein Bittgesuch erledigt werden soll. Nichts übereilen, nicht hasten', nicht vorschnell erledigen, das sind die ersten und wichtigsten Gebote in so manchen Fürsorgestellen. Auch das hastige, gebefreudige Temperament ist gebändigt worden. Man berät und bedenkt sich lange, ehe man sich zu einer Gabe und Hilfeleistung entscheidet. Zögernder Lot, der sich von seinen Schätzen nicht trennen kann! Wenn aber gewisse Kreise den jüdischen Wohltätigkeitssinn angehen und da Bereitwilligkeit, rasch entschlossene Gabe finden, spotten sie nicht über die „jüdische Hast" und den eilfertigen Abraham und sehen diese Geste durchaus nicht für unvornehm an. Die richtige „jüdische Hast" ist eben eine Tugend! K. es bedeutet die Befreiung von den Stimmungen der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die deutschen Nationalisten hingegen nennen das Werk von Locarno einen Verrat, einen schnöden Verzicht, einen schmählichen Verkauf von Deutschlands Ehre und noch vieles andere mehr, womit sie die Gemüter einer politisch noch unreifen Menge gegen diejenigen aufstacheln wollen, welche den Weg der friedlichen Verständigung mit den ehemaligen Feinden gewählt haben. Es ist dasselbe Spiel, das die deutschen Nationalisten immer aufs neue spielen und das für Deutschland immer wieder böse Folgen gezeitigt hat. So war es in den Tagen nach der Konferenz von Genua, als die Schüsse, mit denen völkische Mordbuben Walther Rathenau hinstreckten, den Weg der Versöhnung mit den ehemals feindlichen Staaten jäh abgebrochen haben; so ist es heute, wo die freundliche Stimmung von Locarno durch die Umtriebe unverbesserlicher Nationalisten und Chauvinisten getrübt werden könnte. Die Folgen der Rechtsschwenkung, welche die deutsche Politik nach der Ermordung WaltherRathenaus gemacht hat,sind allbekannt: Ruhrbesetzung, Inflationskatastrophe, innere Zerrüttung und Erneuerung des Deutschenhasses in den ehemals feindlichen Staaten. Allmählich jedoch brach sich bei den verantwortlichen Politikern Deutschlands doch die Erkenntnis Bahn, daß der einzig richtige Weg zur Wiedererstarkung Deutschlands der Weg ist, den Rathenau eingeschlagen hat und den er mit dem Tode bezahlen mußte. Es ist bezeichnend', daß gerade eine Regierung, die sich auf die Rechte stützt, dasselbe für gut befunden hat, was seinerzeit Rathenau, dem „Vaterlandsverräter" zum Vorwurfe gemacht wurde. Doch kaum waren die deutschen Unterhändler aus Locarno zurückgekehrt, da geschah etwas Merkwürdiges: Palastrevolution im Lager der Deutschnationalen. Die deutschnationalen Führer befanden sich in der Lage des Zauberlehrlings, welcher die Geister, die er gerufen hatte, nicht mehr loswerden kann. Solange hatten sie den Nationalismus im Kreise ihrer Anhänger geschürt, daß er jetzt, wo er am allerwenigsten am Platze ist, mit Wucht hervorbricht und sich gegen sie selbst wendet; solange hatten sie jede vernünftige und der Verständigung dienende Handlung als „Hochverrat" gebrandmarkt, daß sie jetzt selbst, da sie, wenn auch nur der Not und nicht dem eigenen Triebe gehorchend, zum erstenmal etwas Vernünftiges geschaffen haben, in den Verdacht des Hochverrates bei ihren Anhängern kommen. Es machte sich also innerhalb der deutschnationalen Partei heftige Opposition geltend und nicht nur gegen jeden Sicherheitspakt, sondern sogar gegen den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund wird ein Generalsturm veranstaltet; die Partei drohte sogar in einen gemäßigten und in einen radikalen Flügel zu zerfallen. Um nun den Zerfall der eigenen Partei zu verhindern, haben sich die deutschnationalen Minister aus der Regierung zurückgezogen und dadurch ihr eigenes Werk fallen gelassen. Was liegt deutschnationalen Ministern daran, ob das allmählich wiederkehrende Vertrauen, zu Deutschland aufs schwerste erschüttert wird, was kümmert sie Deutschlands Ansehen in der Welt, wenn das Parteiinteresse auf dem Spiele steht? Wider besseres Wissen und Gewissen so handeln, daß dem eigenen Vaterland daraus schwerster

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