Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-11-06 · Heft 44 (6.11.1925) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 44 (6.11.1925)
Date
1925-11-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064063--14094-3081634
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 Die Ausführungen Prof. Dr. Grimmes, welche streng sachlich gehalten waren, wurden leider von einem großen Teil der deutschen Presse in sensationeller Weise aufgebauscht und dem Gelehrten Aeußerungen in den Mund gelegt, welche er tatsächlich nicht gemacht hat. Wenige Tage nach dem Vortrage war Prof. Grimme, der stille Gelehrte, der mit unendlicher Scheu vor der Oeffentlichkeit nach Berlin gekommen war, ein berühmter Mann geworden und sein Bericht, welcher nur für einen kleinen Kreis von Fachgelehrten und anderer interessierten Persönlichkeiten bestimmt war, wurde alsbald in der gesamten in- und ausländischen Presse sehr zu seinem Leidwesen in reklamehafter Aufmachung behandelt; besonders die amerikanischen Zeitungen leisteten sich Unglaubliches in der Ausschrotung der neuesten Entdeckung Professor Grimmes. Unter diesen Umständen kann es nicht wunder-* nehmen, wenn seine Forschungen neben begeisterter Zustimmung auch entschiedene Ablehnung von Seiten mancher Fachgelehrten gefunden haben, um so mehr, als die „Enthüllungen" einer sensationslüsternen Presse geeignet waren, das stille Wirken des hervorragenden Gelehrten in ein falsches Licht zu setzen. So mißt Prof G a r d i n e r in London den Entdeckungen Prof. Grimmes keinerlei wissenschaftliche Bedeutung bei; ebenso verhält sich Sir F1 i nd e r s P e t r i e, der Finder der Inschriften selbst, ablehnend gegenüber den Grimme'schen Entzifferungsversuchen; auch Prof. Drt H. P. C h a j e s, welcher einem Vertreter der I. T. A. gegenüber seine Bedenken bezüglich der Forschungsergebnisse Prof. Grimmes zum Ausdruck brachte. Um nun allen Uebertreibungen und willkürlichen Aufbauschungen entgegenzutreten, sowie auch1, um gegenüber allen Anhängern und Gegnern seineu Standpunkt zu präzisieren, hat Professor Hubert Grimme in der letzten Nummer der Berliner 4,C. V. Zeitung" die Ergebnisse seiner Forschungen in vier Punkten kurz zusammengefaßt: 1. Die Sinaisehrift halte ich für restlos erschlossen. Sie ist ein Alphabet von 22 Konsonantbuchstaben, von denen fünf bezeichnende Formdubletten neben sich haben. Das Sinaialphabet steht an der Spitze sämtlicher Alphabete der Welt. Es ist wohl um 1500 v. Chr., und zwar beim Tempel der Hathor auf dem Sinai selbst entstanden. 2. Die Sprache der Sinaischriftdenkmäler ist ein semitischer Dialekt, der allernächste Verwandtschaft mit dem Hebräisch der Bibel zeigt. 3. Die Lesung der sinaitischen Inschriften kann noch nicht als abgeschlossen gelten. Einzelne besser erhaltenen, wie diejenigen von der Fußplatte der Löwensphinx ocler von den Seiten der Hockerstatuette können wohl nicht gut anders verstanden werden, als ich sie nehme; bei der Deutung der Tafelinschriften liegt noch manches im argen, teils weil die meisten Tafeln selbst nicht unbeschädigt geblieben sind, teils weil wir sie bislang nur von Photographien und Handkopien her kennen. Daß Nr. 352 und Nr. 353 Tafeln für Gestorbene darstellen und Nr. 349 eine Danksagung enthält, dürfte feststehen. Auch gegen die Lesung der Eigennamen Joseph, Menaschschä, Hjatschepschu, Thotmosche und Bjastemosche wird kaum etwas Triftiges einzuwenden sein. 4. Das bei diesen Lesungen bisher Ermittelte in Vergleich zu steilen mit gewissen biblischen Berichten darf nicht als unwissenschaftlich bezeichnet werden. Auf wieviel schwächerem Beweisgründe hat die moderne Bibelkritik seit Wellhausen manchmal das Gebäude ihrer Schlüsse errichtet, ohne in den Geruch der Unwiss.enschaftlichkeit gekommen zu sein! Aber je Größeres auf dem Spiele steht, um so größer sollte die Vorsicht beim Behaupten sein. Am Schlüsse seiner Ausführungen in genanntem Blatte richtet Prof. Grimme folgenden Appell an alle wissenschaftlich interessierten Kreise, welchen die restlose Enträtselung der sinaitischen Tafelfunde am Herzen liegt: „Es ist die gebieterische Forderung der gegenwärtigen Stunde, daß die noch auf dem Jüdische Hast. Lot zögerte; da faßten die Männer seine Hand .... i. 19, 16 Bei dem Verse „Lot zögerte, da faßten ihn die Engel an der Hand" steht im Texte über dem Worte „er zögerte" ein Betonungszeichen, Schalscheleth genannt, das die Aufmerksamkeit auf das genannte Wort besonders hinlenkt. Nach alter Ueberlieferung bat das Zögern Lots, den der Zerstörung geweihten Ort zu verlassen, seinen Grund darin, daß er sich von seinen irdischen Gütern nicht leicht trennen konnte und seine Schätze und Kostbarkeiten gerne mitnehmen wollte. Im Gegensätze zu dem zögernden Lot steht der eilfertige Abraham. Dieser sieht vom Eingänge seines Zeltes drei Männer und läuft ihnen entgegen. Dann eilt er in das Zelf: und spricht zu Sara: „Eile, backe Kuchen!" Er selbst eilt in den Stall und eilt, den Braten zu befeiten. Fünfmal wird die Eile Abrahams betont. Gastfreundschaft ist nicht nur eine gesellschaftliche Tugend, sondern eine Mizwo, eine religiöse Pflicht Die Freude, Gastfreundschaft üben und eine Mizwo erfüllen zu können, macht Abraham eilfertig. Rabbi hat gelehrt: „Sei eifrig bei einem leichten ebenso wie bei 'einem schweren Gebote.** Denn der Eifer bei der Ausübung eines Gebotes an sich ist schon Frömmigkeit. Man soll schnell in das Gotteshaus, langsam aus dem Gotteshause gehen. Wer zur Thora aufgerufen wird, wähle beim Hinaufgehen den kürzeren, schnelleren, # beim Heruntergehen den längeren, zeitraubenden Weg. In dieser Art, schnell zur Erfüllung einer religiösen Pflicht zu gelangen, offenbart man die Freude an der Tat. Ben Asai sagte daher: „Laufe schnell zu dem leichten wie zu dem schweren Gebote" und Juda ben Thema lehrte: „Sei schnell wie ein Adler, flink wie 'ein Hirsch, den W'iilen deines himmlischen Vaters zu erfüllen." Das Judentum hä€ einen Begriff geprägt, für den ein Außenstehender vielleicht kein Verständnis aufbringen wird: „Sechar halicha", d. h. daß derjenige, der zu einer göttgefälligen Tat geht, auch dann von Gott belohnt wird, wenn er die Tat nicht' ausführen kann, lediglich, weil er den Weg nicht gescheut hat. Es liegt in der Menschennatür, schnell zu tun, was sie gerne tut; zu zaudern und zu zögern, wobei Abneigung und Widerwille vorhanden ist So läßt eine schnelle Ausführung stets auf Liebe zur Sache schließen. Demgegenüber wird aber Ruhe und Gelassenheit in allem Tun gerne als Kennzeichen der „Vornehmheit" betont. „Ruhe ist vornehm." Wer nicht Gefahr laufen will, unvornehm zu erscheinen, darf nie Eile und Erregung zeigen. Dem Juden haftet dauernd die „jüdische Hast" an, sagen die Gegner. Das raschere, bewegliche Temperament, ein Erbteil des Orients, läßt ihn dem ruhigen, selbstsicheren Germanen gegenüber unvornehm erscheinen. Spott und flohii gilt dem unruhigen, beweglichen, hastenden und eilenden Abraham! Aber die .jüdische Hast", von der Thorä und Talmud berichtet, hat nichts mit'dem zu tun, was die Gegner tadeln. Sie ist der eifrige, freudige Wille, eine Mizwo zu tun. Diejenigen Menschen, die immer und überall ruhig bleiben, stets gelassen eines nach dem andern erledigen, sich weder bei der Arbeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.