Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 44 (6.11.1925)
- Date
- 1925-11-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064063--14093-3081633- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT Österreichische Wochenschrift für indische Interessen Mit dem Beihlütt: Veröffentlichungen der „Union dentschosterreidiischer Juden Redaktion und Administration: Wien II., HelnestfraOe 13. - Fernruf 42-2-16 XL1. Jahrgang Wien, 6. November 1925 Nummer 44 Die Funde am Sinai. „Im dritten Monate nach dem Auszuge der Kinder Israels aus dem Lande Mizrajim kamen sie in die Wüste Sinai. Sie zogen nämlich weg von Refidim und lagerten in der Wüste, es lagerte Israel dort dem Berge gegenüber" (II. B. M. XIX. 1—2). Und nun vollzog sich das gewaltigste Ereignis in der Geschichte der Menschheit, die Offenbarung des Sittengesetzes, ein Ereignis von so ungeheurer Tragweite, daß es die ganze Entwicklung der Kulturmenschheit bis auf den heutigen Tag entscheidend bestimmte. Da weder Steine noch Hieroglyphen uns von diesem Ereignis berichten, noch auch von der gewaltigen Persönlichkeit Mosis und seiner Taten Kunde geben, so hat die Bibelkritik angenommen, daß die Erzählung von der Offenbarung ebenso wie die übrigen Berichte der Bibel nur eine großartige Dichtung sei, der aber ein tatsächlicher Hintergrund fehle. Ja, die Wissenschaft zweifelt sogar an dem Berg Sinai und begründete ihre Zweifel damit, daß es ja um diese Zeit gar keine hebräische Schrift t gegeben habe, mit der Moses die Gebote hätte schreiben können. Es hängt daher die fundamentale Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Bibel mit einer zweiten bedeutsamen Frage zusammen, nämlich der nach dem Ursprung des ersten Alphabets. Unserer Zeit war es vorbehalten, beide Fragen aufzuhellen und den Versuch zu unternehmen, den wissenschaftlichen Beweis von der Wahrheit eines der wichtigsten uns von der Bibel überlieferten Ereignisse zu erbringen. In einem Vortrag, den Professor Dr. Hubert Grimme von der Universität Münster am 17. Oktober dieses Jahres im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gehalten hat, hat dieser Gelehrte einen Bericht über seine Studien gegeben, welche sich mit der Enträtselung der im Jahre 1904 und 1905 auf der Halbinsel Sinai gemachten Funde eingehend beschäftigten. In diesen Jahren wurde von dem englischen Forscher Fiinders Petrie gelegentlich einer Expedition zum südwestlichen Sinai ganz zufäl- 1 i g eine Entdeckung gemacht, die vielleicht geeignet ist, die von dem Geheimnis umwitterten gewaltigen Vorgänge am Berge Sinai aufzuhellen. Fiinders Petrie fand nämlich mehrere steinerne Tafeln mit seltsamen unbekannten S c h r i f t z e i c h e n. Er selbst war nicht imstande, die Rätsel zu lösen, ließ aber die Steine photographieren, vergrub sie sorgfältig und zog nachhause, ohne zu ahnen, daß er einen Fund gemacht hatte, der an Bedeutung den mit mit großer Reklame ausgesqhrienen Fund im Grabe des Tutenchamon gewaltig übertrifft. Erst im Jahre 1916 gelang es dem englischen Aegyptologen Alan Gardiner den Schlüssel dazu zu finden, indem er eine Reihe dieser Sinai-Zeichen als Konsonantbuchstaben bestimmte, die aus hieroglyphischen W o r t b i 1d ern gewonnen waren. Gardiners Ergebnisse — die an Bedeutung vielleicht die Entzifferung der Hieroglyphen durch Champollion im Jahre 1822 erreichen — wurden von Professor Sethe, Doktor E i s 1 e r und schließlich von Prof. Dr. Grimme bestätigt und soweit ausgebaut, daß die Entstehung der Schrift ungefähr in die Zeit um 1500 v. Chr. gelegt werden konnte. Hier ist also die erste Konsonantenschrift gefunden worden, die schon mehrere Jahrhunderte älter war als die p h ö n i z i s c h e, die Mutter aller semitischen und damit aller Buchstabenschriften überhaupt. Professor Grimme ist nun einen Schritt weitergegangen und hat, nachdem ein Versuch Eislers die Billigung der Wissenschaftler nicht gefunden hatte, die Lösung der Inschriften versucht und ist dabei zu Ergebnissen gekommen, die auch dann überwältigend erscheinen, wenn sich auch nicht alle Hypothesen Grimmes bestätigen sollten: Aus mehreren Worten, die unter allen semitischen Sprachen nur im Jüdisch-Hebräischen vorkommen, geht hervor, daß die Inschriften alle wesentliche Merkmale des Bibel-Hebräischen aufweisen. Diesjes Hebräisch hätte somit nicht nur den hohen Vorzug, überhaupt die e r s t e mit Buchstaben geschriebene Schrift zu sein, sondern Moses hätte auch die Möglichkeit gehabt, hebräisch zu schreiben. Der Einwand der Gelehrten gegen die historische Wahrheit der Bibel wäre dadurch hinfällig. Es kommt aber dazu, daß außer dem rein hebräischen Namen Josef auch auf drei Tafeln der Name M a n a s s e vorkommt. Endlich erscheint ein Doppelname, der mit dem Namen der Pharapnin Hjatschepsu (1500 bis 1479) gebildet ist. Dieser Mann dankt der Hjatschepsu dafür, daß „sie ihn aus dem Nil gezogen" habe. Ist nun dieser doppelnamige Mann, von dem auch eine Statuette gefunden wurde, mit dem Manasse identisch, und hat dieser Manasse vielleicht mit Moses etwas zu tun, der auch einmal in der Bibel Manasse genannt wird? Diese Fragen zu entscheiden, reicht das Material nicht aus, das nur aus Zeichnungen und Photographien besteht. Es ist aber zu erwägen, daß auf einer Inschrift auch der Pharao Thutmose III., der Nachfolger der Hjatschepsu vorkommt, der die Denkmäler seiner Vorgängerin möglichst verwüstete. Damals, im Jahre 1479, war aber Moses, der nach der Bibel im 80. Lebensjahre die Israeliten 480 Jahre vor dem Tempelbau (also im Jahre 1440 v. Chr.) herausführt, so alt, wie die doppelnamige Persönlichkeit auf den ältesten hebräischen Sinai- Inschriften.