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Die Wahrheit · 1925-10-30 · Heft 43 (30.10.1925) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 43 (30.10.1925)
Date
1925-10-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 die Wahrheit Nr. 48 Wahrheiten vom Tage Nationalisten unter sich. Wemti wir diesmal von Nationalisten sprechen, so meinen wir weder Hakenkreuzler noch „Erwachende Magyaren", sondern — und das ist das Traurige an der sonst nicht allzu tragischen Sache — einige unserer Glaubensgenossen, die sich, wenigstens was die Kampfmethoden betrifft, als gelehrige Schüler der „andersgläubigen" Nationalisten erwiesen haben. Huldigen auch die einen dem „deutschen", die anderen dem „jüdischen" Na-« tionalismus, „nationalistisch" sind sie beide und da darf es uns nicht wundern, wenn diesen Gefühlen in der bei Nationalisten üblichen Form Ausdruck verliehen wird. Also es handelt sich um folgendes: Herr Fred Hornik hatte für Freitag, den 23. d. M. eine Versammlung der „D e u t s c h f ü h 4 e n d e n Jude^i" einberufen, um das Programm dieser Vereinigung darzulegen. Was dieses selbst betrifft, so haben wir — trotz der Angriffe des Einberufers in seiner Rede und gleichwertiger im Verbandsblatt der Vereinigung gegen unsere Zeitung, respektive deren verantwortlichen Schriftleiter — den ausgezeichneten Ausführungen des Präsidenten der „Union", Herrn Dr. Jakob Ornstein, nichts hinzuzufügen. Es sei nur auf die bezeichnenden Methoden der Herren hingewiesen, daß z. B. ihre erste größere Veranstaltung, über deren erstmalige Verhinderung die gleiche Nummer des Verbandsblattes eine erlogene Darstellung gibt, gerade an einem Freitag-Abend stattfinden sollte. Jawohl, bloß „stattfinden sollte". Denn erstens waren von den „nationaldeutschen Juden" nur im ganzen 5 erschienen, der Rest bestand aus jüdisch-nationalen Studenten und zweitens fand die Versammlung ein vorzeitiges und unrühmliches Ende. Nachdem nämlich Herr Hornik, welcher gleichzeitig als Einberufer, Präsident, Referent und einer der fünf nationaldeutschen Juden fungierte, seinen überaus geistvollen Vortrag beendet hatte, meldeten sich einige jüdisch-nationale Versammlungsteilnehmer, welche offenbar mit den Ausführungen nicht einverstanden waren, zum Wort. Doch diese hatten die Rechnung ohne den Wirt, d. h. ohne den Versammlungsleiter gemacht, der bereits in weiser Voraussicht des Kommendien durch die Form der Einladungen die Versammlung möglichst exklusiv gestalten wollte, was ihm aber durch die Ungeschicklichkeit seiner eigenen Anhänger nicht gelang. Bevor wir jedoch in der Schilderung des Verlaufes der tragikomischen! Versammlung fortfahren, können wir eine kleine Frage nicht unterdrücken. Herr Hornik hält sich sicherlich für einen guten Demokraten. Ist es nun, so fragen wir, demokratisch, wenn in der Zeit der'allgemeinen Redefreiheit durch die Verhinderung jeglicher Diskussion eine Stellungnahme der Gegner zu diem von Herrn Hornik noch dazu erstmalig in Wien vorgebrachten Programm unmöglich gemacht wird? Die Anwesenden interessierten sich nicht mehr für die Rede eines Herrn „Schriftstellers" Robert Peiper*), welcher ihnen „die Wahrheit über Palästina" künden wollte, sondern verlangten immer ungestümer die Eröffnung der Diskussion. Da diesem Wunsche nicht entsprochen wurde und die Gegner sich nicht auf eine demnächst — übrigens wieder an einem Freitag-Abend — stattfindende öffentliche Versammlung vertrösten ließen, kam es zu stürmischen Auftritten und erregten Szenen innerhalb der Versammlung, einige jüdischnationale Teilnehmer ließen sich sogar zu Tätlichkeiten und Mißhandlung hinreißen. Schließlich mußte bereitgestellte Polizei eingreifen und den Saal räumen. Wenn wir auch die Anschauungen und die Methoden des Herrn Hornik und seines ohnedies nicht allzu zahlreichen Anhanges nicht billigen können, so verdient auch das Benehmen, welches die jüdischnationalen Studenten in dieser Versammlung und am nächsten Tage noch ■dazu auf akademischem Boden, gezeigt haben, die schärfste Kritik. Sie hätten sicherlich bessere und für Studenten würdi- *) Von diesem Herrn, der ebenfalls im Verbandsblatt sein Mütchen an uns kühlen will, behauptet die „Wr. Morgenzeaitung", daß er „als Inseratenagent dieser Zeitung bei ihr keinen allzu rühmlichen Abgang hatte und es nur deren Gutherzigkeit verdankt, daß er nacht auf Geheiß des Staatsanwaltes bei Wasser und Brot über seine „redaktionelle" Laufbahn nachdenken durfte." Wie weit diese interessante Behauptung des Blattes richtig ist wird ein vom Herrn Peiper gegen den verantwortlichen Redakteur der „Wr. Morgenzeitung" angestrengter Ehrenbeleidigungs- und Verleumdungsprozeß beweisen, übrigens nur einer der vielen Prozesse des auf diesem fitfbiet besonders fruchtbaren Verbandes. gere Entgegnungsformen finden können, abgesehen davon, daß handgreifliche Beweise niemals überzeugend wirken. Als mildernd wollen wir die Jugend der Versammlungsteilnehmer beider Parteien anführen und die Wirkungen einer traurigen Zeit, in welcher solche Ausschreitungen leider an der Tagesordnung sind. Wie dem auch sei, mag die Austragung geistiger Differenzen auf tätlichem Wege auch in „nationalen" Kreisen im Schwange sein, jüdisch ist ein solches Verhalten unter keinen Umständen und Vorkommnisse wie diese werden dem Judentum kaum zur Ehre gereichen. Gespenster. Die Menschen haben ein kurzes Gedächtnis; wenige Jahre sind A vergangen, seitdem das monarchischmilitärische System in einem Meer von Blut sein wohlverdientes Ende gefunden hat, und schon treten ehrgeizige „Volksführer" hervor, welche ihre Mitbürger der Segnungen des monarchischen Militarismus teilhaftig machen wollen. Darum ist es oft zweckmäßig, der so rasch vergessenden Menge die Gespenster der Vergangenheit vor Augen zu führen, damit sie gewarnt werde^ vor Zuständen, welche Ereignisse wie das folgende' notwendigerweise im Gefolge haben: Es war im Herbst des Jahres 1914. Unter den tapferen Verteidigern der Festung Przemysl befanden sich auch viele jüdische Soldaten. Die hohen Feiertage standen vor der Tür und die jüdischen Krieger schickten sieh an, fern von der Heimat, mitten in der belagerten Festung, das Rosch-Haschonoh-, und Jom Kippurfest feierlich zu begehen. Da wurde ein Erlaß des Festungskommandos, das in der Hand des Generals Kusmanek lag, verkündet, welcher alle jüdischen Soldaten in Angst und Schrecken versetzte: „Es ist dem Festungskommando zu Ohren gekommen, daß die Gebetbücher (Machsaurim) vieler jüdischer Soldaten Gebete für das Wohl des russischen Zaren enthalten. Wer aus diesen Gebetbüchern seine Andacht verrichtet, sie verkauft oder irgendwie zu ihrer Verbreitung beiträgt, macht sich des Verbrechens des Hochverrates schuldig und hat die strengste Bestrafung zu gewärtigen!. Alle jüdischen Gebetbücher sind sofort abzuführen und daraufhin zu untersuchen, ob sie Gebete hochverräterischen Inhalts enthalten. Für das 'Festungskommando PrzemySls: Kusmanek." Obiger Befehl wurde augenblicklich durchgeführt und bei der strengen Prüfung der Gebetbücher wurde festgestellt, daß eine große Zahl der Gebetbücher, welche bei den bevorstehenden Feiertagen verwendet werden sollten, tatsächlich Gebete in hebräischer Sprache für das Wohl des Zaren und des gesamten russischen Kaiserhauses enthielten. Damit hatte es nun folgende Bewandtnis: Da die jüdischen Soldaten in der vollkommen von der Welt abgeschlossenen Festung keine Gebetbücher für die kommenden Feiertage besaßen, sahen sich viele gezwungen, diese bei jüdischen Händlern, die solche vorrätig hatten, zu kaufen. Das Unglück wollte es nun, daß die meisten Gebetbücher in dem damals russischen Warschau gedruckt waren und daher einem von der russischen Regierung ausgegebenen Befehl zufolge ein Gebet für den Selbstherrscher aller Reussen enthielten, ebenso wie unsere Gebetbücher der Vorkriegszeit das „Kaisergebet" enthalten mußten. (Man kann sich vorstellen, mit welcher Inbrunst die russischen Untertanen jüdischen Glaubens dieses Gebet verrichteten.) Es fand sich nun im belagerten Przemysl ein besonders ehrgeiziger, wahrscheinlich auch ein wenig antisemitischer Feldkurat, welcher seine hebräischen Sprachkenntnisse dazu benützte, um den verhaßten Söhnen Abrahams einen Streich zu spielen. Er übersetzte die betreffenden Stellen Wort für Wort ins Deutsche und überbrachte die Nachricht von dem „fürchterlichen Hochverrat" brühwarm dem Festungskommando. Den jüdischen Soldaten wurden die Feiertagsgebetbücher, welche das hochverräterische Gebet enthielten, natürlich sofort konfisziert und diejenigen Händler, welche Gebetbücher dieser Art verkauft hatten, oder auf Lager führten, wegen hochverräterischer Propaganda bestraft. Gegen Ludendorffs Antisemitenmärchen. Von den zahlreichen Memoirenbüchern, die über den Weltkrieg, seihe Ursachen und seine Folgen veröffentlicht worden sind, hat ein besonderes Interesse das vor einigen Wochen unter dem Titel „England, deutsche Flotte und Weltkrieg" (J. Scheibles Verlag, Ad. Mahr, Kiel) erschienene Buch des Vizeadmirals a. D. G a 1 s t e r zu beanspruchen. Der Verfasser wendet sich schon im Vorwort mit aller Entschiedenheit gegen den Antisemitismus, der in erster Reihe das Judentum für den Krieg und dessen unglücklichen Ausgang verantwortlich machen wollte, und namentlich gegen die von Ludendorff verbreiteten Märchen über die „Oberleitung des jüdischen Volkes" usw., usw. Der Verfasser sagt dort: „Auch das Judentum ist, obgleich gerade viele hervorragende Vertreter für friedliche /

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