Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 43 (30.10.1925)
- Date
- 1925-10-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 Oesterreichs Jüdische Jugend Veröffentlichungen der Juf|«m«lgrai»ire der „Union deutschösterreichischer Juden". Unser Programm. Der Aufruf, welchen die Jugendgruppe der „Union deutschösterreichischer Juden" in der letzten Nummer der „Wahrheit" an die jüdische Jugend Oesterreichs richtete, hat, wie wir zu unserer besonderen Freude feststellen können, nicht nur bei denjenigen, an die er sich wendet, sondern auch vor allem in den der „Union deutschösterreichischei Juden" nahestehenden Kreisen starken Widerhall gefunden. Ein Beweis sind uns die zahlreichen Zustimmungserklärungen sowie auch die vielen Anmeldungen für unsere Vereinigung. Als besondere Auszeichnung müssen wir es ferner empfinden, daß der Präsident der „Union" diesen unseren Aufruf in unserer letzten -Veranstaltung zum Gegenstand längerer und zustimmender Ausführungen machte. Wir lassen im folgenden die Rede Dr. Ornsteins folgen, weil sie in der Lage ist, die Gedanken, die wir in genanntem Aufruf ausgesprochen haben, in wirksamster Weise zu ergänzen: Meine Damen und Herren! Sie wissen, daß wir /u jedem Gesetz einen Kommentar und eine Durchführungverordnung besitzen, und so gestatten Sie mir, einem alten Juristen, zu Ihrem Programm, das Sie jüngst veröffentlicht haben, gewissermaßen einen Kommentar und eine Durchführungsverordnung zu erbringen. Als einen wichtigen Programmpunkt bezeichneten Sie den Kampf gegen den Antisemitismus und darin decken sich Ihre Bestrebungen mit denen der „Union", welche ebenfalls die Bekämpfung des Judenhasses auf ihre Fahnen geschrieben hat. Ich möchte aus der Geschichte dieses Pro» grammpunktes nur einige Daten erwähnen, die zeigen sollen, wie die österreichische Judenschaft im steten Kampfe gegen den Antisemitismus Schritt für Schritt jene Rechte erworben hat, welche sie heute besitzt. Im März des nächsten Jahres werden es 100 Jahre, seitdem im Seitenstettentempelin Wien der erste Gottesdienst stattgefunden hat. Damals gab es in Wien nur „tolerierte", also „geduldete" Juden und das Gotteshaus durfte von außen nicht kenntlich sein, um die Gefühle der Nichtjuden nicht zu verletzen. Aus diesem Haus ist der unvergeßliche Prediger Noah Mannheimer hervorgegangen. Als im Jahre 1848 die Barrikaden erstürmt wurden, fanden sich auch viele Juden unter den Freiheitskämpfern und bei der Beerdigung der Opfer der Revolution wirkte Mannheimer an der Seite seiner katholischen und protestantischen Kollegen. Doch die Ideale der Freiheitsjahre waren bald vergessen und auch die Errungenschaften der Revolution bröckelten nach und nach ab. Die Emanzipation der Juden wurde von mancher Seite mit schelen Augen betrachtet und von neuem begann ein erbitterter Kampf gegen die österreichische Judenschaft, der man die erst jüngst erworbene Gleichberechtigung wieder streitig machen wollte. Da war es eine Forderung der Selbsterhaltung, wenn sich die Angegriffenen zum Schutz ihrer staatsbürgerlich gewährleisteten Rechte zusammenschlössen und so fand am 24. April 1886 die gründende Versammlung der „Union österreichischer Juden" statt. Damals war es der jüdische Führer Dr. Josef Bloch, welcher alle Juden zum Kampfe für ihre bedrohten sozialen und politischen Rechte zusammenrief. Dieser Kampf, meine Damen und Herren, ist noch immer nicht ausgekämpft. Im Gegenteil: Ein wüster Rassenantisemitismus, die neueste Art antisemitischer Volksverhetzung, erfordert zur Abwehr alle unsere Kräfte. Wir müssen der rohen Gewalt und dem Rechtsbruch unsere geistigen Kräfte entgegensetzen und stets auf unsere verbrieften Rechte hinweisen. Die „Union" als eine Vereinigung österreichischer Bürger jüdischen Glaubens tritt daher ein für die Wohlfahrt unserer österreichischen Heimat sowie für unsere Gleichberechtigung in derselben. Meine Damen und Herren! Wir sind aber leider auch gezwungen, im Interesse unserer Sache einen Kampf geger: manche unserer irregeleiteten Glaubensgenossen zu führen. Führen wir diesen auch mit anderen Mitteln und auf andere Weise, so doch mit nicht geringerer Entschiedenheit. Vor kurzem wurde in Wien ein „Verein nationaldeutscher Juden" gegründet, welcher gewissermaßen als Sprengkörper in der österreichischen Judenschaft auis energischeste bekämpft werdeni muß. In dem Aufruf dieses Vereines wird erklärt, daß vor allem das Deutschtum vorangestellt werden soll. Die wenigen Anhänger dieser im österreichischen Judentum ganz neuen Richtung betonen dieses ihr Deutschtum, dem auch wir uns zugehörig fühlen, in einer Weise, daß man daran vergißt, daß man es mit Juden zu tun hat. Die ..nationaldeutschen" Juden biedern sich in der unwürdigsten Weise an die zum Teil antisemitischen Deutschnationalen an und benützen jede Gelegenheit, um ihren Glaubensgenossen etwas am Zeug zu flicken. Auch wir wollen eine Verschmelzung zwischen deutschösterreichischer und jüdischer Sinnesart, aber — und das ist der springende Punkt — ohne Benachteiligung der letzteren. Wir sind stolz auf unser Judentum und wollen es stets bleiben. (Beifall!) Meine Damen und Herren! Wir österreichischen Juden haben in der „Union" eine Plattform gefunden, um in die Politik unseres Heimatlandes eingreifen zu können, und zwar betreiben wir — das muß mit besonderem Nachdrucke betont werden — nur österreichische Politik. Wir wollen auf dem Boden, auf dem unsere Vorfahren bereits vor vielen Jahrhunderten gelebt und gewirkt haben, getreu unsere Pflichten als Staatsbürger erfüllen und fragen nicht: Was haben wir von diesem Staate? Sondern wir lieben unser schönes Heimatland ohne Interesse, weil es unser Vaterland ist. Hieraus ergibt sich unsere Einstellung zum Zionismus. Wir stehen auf dem Standpunkte, diaß den Juden, die in ihrem Vaterlande nicht leben können oder nicht leben wollen, Gelegenheit geboten werden soll, in einem Lande zu leben, wo sie sich frei entfalten können. Allerdings, eine Heimstätte, eine „nationale" Heimstätte für uns Juden ist jedes Land, wo wir das gleiche Recht finden, und wenn wir hier in Oesterreich unsere volle Gleichberechtigung erhalten, dann ist hier und nur hier unsere nationale Heimstätte. (Lebhafter Beifall!) Palästina ist für uns gewiß ein heiliges Land, ein Land, dessen Wiederaufbau unsere volle Sympathie erfordert, aber unser Vaterland im politischen Sinne ist es nicht. Gestatten Sie, meine Damen und Herren, daß ich in diesem Zusammenhang eine Stelle aus der Rede anführe, welche Rabbiner Dr. Samuel Schulmann am 10. Jänner 1924 in New — York gehalten hat und die ich der „Wahrheit" entnommen habe: „Wir Juden müssen dem Lande, in dem wir wohnen, Treue aus vollstem Herzen bieten. Wir sind nicht unter die Nationen zu rechnen. Unsere Mission, den universellen Gott zu bekennen, erstreckt sich über die ganze Weit ohne Rücksicht auf Volk und Rasse." Meine Damen und Herren! Haken wir uns das eine stets vor Augen: Die Ethik — das ist unsere Existenzberechtigung. Es wäre eine Verkennung unserer Aufgaben, wollte man uns in ein kleines, engumgrenztes Land sperren, nur deshalb, weil unsere Vorfahren vor vielen tausend Jahren dort gewohnt haben. Vorigen Samstag wurde das erste Kapitel der Bibel, da* die Schöpfungsgeschichte beinhaltet, im Tempel zur Vorlesung gebracht. Darin finden wir folgende Stelle: „Und es w^r Abend und es war Morgen, ein Tag." Jetzt ist es Abend, meine Damen und Herren, doch es wird der Morgen kommen, der Morgen einer schöneren, lichteren Zukunft für das Judentum! Ans der Bewegung. Das GeselHgkeitskomftee veranstaltete Samstag, den 24. d. M., im Etablissement Leopoldi-Wiesenthal den ersten geselligen Abend dieser Saison, der von einem den ersten jüdischen Kreisen angehörigen Publikum überaus zahlreich besucht war und einen glänzenden Verlauf nahm. Während die jüngere Generation eifrig dem Tanze huldigte, fanden die Aelteren an den ausgezeichneten künstlerischen Darbietungen großen Gefallen. Der schöne Verlauf dieses gelungenen Abends gewährt die besten Auspizien für die nächste Veranstaltung des Geselligkeitskomitees, einen Festabend mit anschließendem Tanz, der am 7. November, präzise 8 Uhr abends, im Festsaale des Hotels Continental, II., Taborstraße 4, stattfindet. Aus dem reichhaltigen Programm dieses Abends erwähnen wir: Hermann Wiedemann, Staatsoper; Karl Günther, Burgtheater; Rene Pfiffer-Lax, Volksoper. Fritz Steiner, Theater a. d. Wien usw. Gäste aus den der „Union" nahestehenden Kreisen sind herzlichst willkommen. Karten sind bei den Ausschußmitgliedern sowie in der Redaktion der „Wahrheit", II., Heinestraße 13, erhältlich.