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Die Wahrheit · 1925-10-30 · Heft 43 (30.10.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 43 (30.10.1925)
Date
1925-10-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 43 Seite 7 Schochtim-Prozesses beruht insofern auf falschen Unterlagen, als es sich gar nicht etwa um ein Vorgehen der sowjetrussischen Regierung gegen die Schechitah, sondern um individuelle Verfolgungen gehandelt hat. Den Sabbath zu halten ist es hier dagegen leichter als in irgend einem anderen Lande, und zwar einfach aus dem Grunde, weil es hier keine Zwangssonntagsruhe gibt Jeder kann, sein Geschäft dann aufmachen und dann zumachen, wann es ihm beliebt, wenn er nur nicht die tägliche Arbeitszeit von acht Stunden überschreitet. Alle die erbitterten Kämpfe, die sich jetzt in Polen und Litauen um die Sonntagsruhe abspielen, wären in Sowjet-Rußland unmöglich, und so wäre es denn theoretisch durchaus denkbar, daß der Jude sechs Tage arbeitet, ebenso wie der Christ, nur daß er seinen Ruhetag auf Samstag verlegt. Die neuen russisch-jüdischen Kolonisten, die in immer stärkerem Umfange angesiedelt werden und die sich aus den meist gesetzestreuen kleinbürgerlichen Elementen rekrutieren, halten zum Teil auch wirklich den Sabbath statt des Sonntags. Freilich ist diese Möglichkeit der Sabbathruhe im allgemeinen doch nur sehr theoretischer Natur, und zwar deshalb, weil die Psychologie des russischen Juden einer offenbar unaufhaltsamen Veränderung unterworfen ist, die ihn von den jüdischen Idealen entfernt. Dies mag aber nicht nur am Kommunismus liegen, sondern vielleicht in ebenso hohem Grade an der augenblicklichen Gestalt des gesetzestreuen Judentums, das zurzeit leider Gottes nicht in der Lage zu sein scheint, der Jugend eine ebenso lebendige, innerlich aufrichtige und starke Welt zu bieten, wie es diejenige des Kommunismus ihr verspricht. Daher mag es auch kommen, daß die Sowjetmacht gegen die Orthodoxie relativ tolerant ist: sie hält sie für keine wirklich gefährliche Macht. Uebrigens lassen sich auch für die Art des Palästina- Aufbaues manche gewinnbringende Erkenntnisse aus den russischen Zuständen erschließen. Insbesondere die Frage, die von den gemäßigten sozialistischen Zionisten in den Vordergrund ihrer Arbeit gestellt wird: ob es möglich sein werde, auf rein konstruktivem Wege, ohne Klassenkampf, eine sozialistische Gemeinschaft aufzubauen, dürfte durch die russischen Vorgänge negativ beantwortet worden sein. Der einzige Berufszweig nämlich, in dem die Sozialisierung noch keinen nennenswerten Fortschritt machen konnte, ist die Landwirtschaft — gerade sie, die im alt-russischen Argrikulturkommunismus des „Mir" anscheinend bereits einen vorrevolutionären Sozialismuß besaß. Die innere Logik der marxistischen Theorie zeigt sich heute vielleicht am stärksten darin, daß gerade dieser primitive Kommunismus nicht etwa, wie man annehmen sollte, ohne weiteres in den modernen Kommunismus hinüberzuführen war, sondern daß im Gegenteil der „Mir" erst zerschlagen werden muß, um auf dem Wege kleiner parzellierter Einzelbesitzungen auf diesen selbstwirtschaftenden Bauern den Kommunismus der Zukunft vorzubereiten. Es läßt sich eben keine einzige Stufe der ökonomischen Entwicklung überspringen. Und auch Palästina wird erst diese Privatinitiative haben müssen, bevor es zum Sozialismus gelangen kann. Wir brauchen nicht zu sagen, daß nicht jedes der hier wiedergegebenen Worte die Meinung der Redaktion enthält. Uns lag wesentlich daran, eine offenbar wirklich objektive Stimme aus dem jüdischen Rußland unseren Lesern zu Gehör zu bringen, da wir immer noch glauben, daß es für eine fruchtbare Gestaltung der Dinge letzten Endes kein anderes Instrument gibt als die Wahrheit. Glossen. t Es schleimt^ daß die „Reichspost" den Friedensvertrag von St. Germain etwa für das Werk der Alliance Israelite hält und den österreichischen Verfassungsgerichtshof für eine judenreine Gesellschaft, die Ihre Entscheidungen lediglich vom konfessionellen Standpunkt aus fällt. Offenbar glaubt die „Reichspost" auch, daß der Lehrer Adam Mitterlehner, zu dessen Gunsten das vielbesprochene Erkenntnis des VeirfaSsungsgerichtsihofes im der Frage der Besetzung der Schulleiterstelen erflossen ist, keim Protestant, sondern ein verkappter polnischer Jude ist. Wie soll man sonst die von blutiger Gehässigkeit gegen die — Juden Jurchtränkten Bemerkungen verstehen, mit denen das scheinheilige Blatt diese Entscheidung begrüßt, die Mlerdirags nur den österreichischen Staatsgrundgesetzen, aber nicht der von klerikalem Geist besäeilten Schulnovelle Rechnung trägt. Und was sollen bei diesem Anlasse die tückischen Seitenihiebe auf dien Shylock- Geist unld düte noch deutlicheren Hinweise auf das jüdische Schächtmesser? Die „Reichspost" sollte übrigens, wenn ihr die Erinnerung an den Papst Sixtus V. höher stünde als die Fiktion eines Dichters, schbn darum nicht so unbedacht mit dem „jüdischen" Schachtmesser des „Juden" Shylock henimfuchteln, da ihr doch bekannt sein dürfte, daß sich diese blutige Affäre in Wahrheit ganz anders zugetragen hat, als sie der Dichter sich zurechtlegte. Wie der Biograph Sixtus V., Gregorio Leti, berichtet, war es der katholische Paul Maria Sechi — ein reicher Kaufmann —, der im Jahre 1587 dem Juden Simson Ceneda auf Grund1 einer Wette ein Pfund seines Fileisches aus dem Leibe schneiden wollte, und als der Jude flehentlich als Ersatz 1000 Scudi bot, 'Schwor, der Schein müßte erfüllt werden. Nur das Dazwischentreten des Papstes, der den sinnreichen Einfall hatte, die beiden zu einer Geldstrafe zu verurteilen, rettete den Juden Simson Ceneda. Die „Reichspost" sollte also wirkliieh schon aus Rücksicht für den Papst Sixtus V. im Kampfe gegen die Juden wenigstens auf das „jüdische" Schächtmesser des „Juden" Ceneda verzichten. Es gibt doch noch so viele andere gegen die Juden verwendbare Lügen! ~ '*"'* ^? * ... * Ein Salzburger Hetzblatt teilt seinen Lesern mit, daß ein Richter — jüdiischer Konfession — nach Salzburg versetzt wurde. Geistreich und witzsprühend, wie schon die hakenkreuzlerisehen Schriftsteiller sind, apostrophiert das Blatt diesen österreichischen Richter nicht anders als „Herr Richterrieben"." Man hört völlig das jubelnde Gewieher, mit dem die Verehrer des Hakenkreuzlerblattes die ereniale Satire aufnehmen. Es ist wohl begreiflich, daß der also begrüßte „jüdische" Richter von der Höhe seiner amtlichen Stellung mit einer von Ekel und Verachtung gemischten Empfindung, aber schweigend auf die hakenkreuzlerischen Schmutzwerfer herabblickt und ihre Absicht ignoriert, ihn zu beleidigen, ihn dem öffentlichen Spott preiszugeben. Aber daß der „christliche" Staatsanwalt auch nur schweigend über diese Verhöhnung eines staatlichen Funktionärs hinweggeht, ist schon weniger begreif lieh. * * * Den hakenkreuzlerischen Blättern in ider österreichischen Provinz, die — weniger schamhaft als die Wiener Antisemirtenblätter — den Mörder Rothstock nach seiner Freisprechung nicht als Geisteskranken bemitleiden, sondern als heldenmütigen, naebahmungswürdrgen Idealisten priesen, dürfen mit Stolz darauf hinweisen, daß sie im Leipziger ..Hammer" freuldige Zustimmung finden. Auch in dieser Zeitschrift wird Rothstocks Mordtat als sittliche Notwehr verherrlicht, „die dem gesunden Rechtsempfinden eines deutschen Menschen" entspreche. Ich könnte mir lebhaft vorstellen, daß die

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