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Die Wahrheit · 1925-10-30 · Heft 43 (30.10.1925) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 43 (30.10.1925)
Date
1925-10-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 48 lichkeit das Deutschtum Luthers in die muffigen Kleinbürgerstuben des Pietismus zurückdrängte, aus welcher Bedrängnis es erst wieder durch unsere Dichter und Denker befreit wurde, wird es durch den angeblichen Geist des guten Europäers in eine dritte Kur genommen. Ich sagte: in eine Kur; und damit möchte ich allen Postsekretären, Handlungsreisenden und Friseuren mit dem Hakenkreuz — es könnten auch Staatssekretäre, Bierbrauer und andere Schaumschläger sein —, die mich für ihren Antisemitismus etwa gebrauchen wollten, in aller Entschiedenheit sagen, daß ich die Kur für notwendig halteunddarumbegrüße. Ich wagte das Wort, daß wir Anfang des 20. Jahrhunderts ohne die deutschen Juden kaum noch von einem geistigen Leben in Deutschland sprechen könnten. Das Leben ist Kampf und nicht Genuß. Wer mir im tiefsten Innern als Feind erwächst, der ist mein wertvollster Freund, weil seine Gegnerschaft mich endlich selber auf den Plan bringt. Dies tut der intellektuelle Jude, wenn e} seinen Internationalismus gegen mein Volkstum stellt. / Wie überall, so segne ich auch hier dasSchicksal. Eshatunsschwerenund trägenKarpfen diesen flinken Hecht indendeutschenTeich gesetzt, daß unser Geist nicht faul werde. Die Lage der Juden in Bußland« Der vollkommen unnormale Zustand, daß Europa über die Verhältnisse im russischen Reich immer nur mehr oder minder tendenziös unterrichtet werden kann, teils durch die Tendenz der Sowjet-Darstellung, teils durch die umgekehrt eingestellte europäisch-bürgerliche Presse, erstreckt sich auch auf dasjenige, was wir westeuropäische Juden von der russischen Judenheit wissen. Die häufigen Schreckensurteile der Moskauer Justiz sind sicherlich geeignet, all das Freundschaftliche, was man für das Gedeihen des großen russischen Volkes und seines zweifelsohne gewaltigen sozialen Experiments im Herzen hat, zurückzudrängen. So geht Hand in Hand mit dem berechtigten Protest gegen eine Parteijustiz, die, ganz bewußt und zynisch, in erster Linie politischen und erst in zweiter Linie juristischen Argumenten gehorcht, eine Welle der Verleumdungen und Fälschungen über die tatsächliche Lage in Sowjetrußland und die Lage seiner Juden einher. Deshalb ist es vielleicht gerade in diesem Augenblick von besonderem Interesse, eine unparteiische Stimme zu vernehmen, die, fern von aller Beschönigung der sowjetrussischen Zustände, aber auch anderseits fern von irgendwelcher gegenrevolutionärer Politik, nichts anderes beabsichtigt, als das auszusagen, was ist. Wir lassen unseren Gewährsmann, der uns als . völlig unparteiisch und objektiv bekannt ist, nunmehr selber sprechen. „Wir bürgerlichen Intellektuellen in Rußland sind in einer tragischen Situation. Ein kommunistisches Sprichwort — es gibt schon so etwas! — nennt die Intelligenz die „Bauchbinde der Bourgeoisie" und will damit ausdrücken, daß diese Intellektuellen voll von der bourgeoisen Psychologie und Ideologie sind, ohne aber das Geld der Bourgeoisie zu besitzen. Daher müsse ihre Verfolgung besonders heftig sein, und sie seien die, die zuerst getroffen werden müssen. Und so ist es auch in der Tat: wenn auch die materielle Position Immer noch nur ein außerordentlich bescheidenes bürgerliches Leben ermöglicht, so ist doch die geistige Lage jedes bürgerlichen Intellektuellen, dem es nicht gelingen kann, den inneren Anschluß an die Sowjetherrschaft zu finden, ungewöhnlich schwierig. Und es ist nicht einmal der Mangel der Presse- und Versammlungsfreiheit, die uns politisch tötet, sondern ein durchaus innerer Prozeß: der Mangel einer eigenen Gesinnung. Es gibt heute in Rußland keine lebendige Ideologie der Bürgerschaft mehr, es gibt keine Antikommunisten mehr, nur noch Nicht-Kommunisten. Und so müssen wir auf der einen Seite alle außerordentlichen Erschwerungen des äußeren und inneren Lebens mittragen, und haben doch auf der anderen Seite nicht den revolutionären Schwung, der dem Kommunisten jedes Opfer tragbar macht. Wir sind gleichsam wie die treibenden Inseln im Strom: auch wir bewegen uns fort, aber nicht durch den eigenen inneren Antrieb, sondern getragen von dem flutenden Wasser rings um uns her, das uns von allen Seiten umgibt und unwiderstehlich in seine Gewalt reißt Dies ist schwer zu ertragen, insbesondere, da wir junge Menschen sind, nämlich gerade in dem Alter, das sonst die eigentliche politische Blüte des menschlichen Lebens, die eigentliche soziale Aktivität verzeichnet. Man kann fast sagen, daß die Literatur selber, wenn nicht überflüssig, so doch sehr viel gleichgültiger geworden ist, als in irgend einem anderen Lande, und zwar deshalb, weil ihre theoretischen Forderungen und zum Teil auch Gesellschaftskritik von den Ereignissen selber überholt werden. Das Leben in Rußland ist schneller als der Gedanke, und dies" in einem Lande, das früher nur den schlafenden Muschik auf der einen Seite kannte und auf der anderen die Intellektuellen, die in nächtelängen, phrasenhaften Reden unausführbaren Idealen nachgingen. Heute haben wir eine niemals rastende gesunde Prosa, wenn auch weniger Poesie. Für den Juden ist diese ganze Problematik noch schwieriger und grundsätzlicher. Zwar kann gar nicht die Rede davon, sein, daß ein Jude in Rußland Anhänger irgendwelcher gegenrevolutionären Tendenzen ist; die Gegenrevolution würde nichts anderes bedeuten, als den Pogrom, wie es Denikin und Petljura hinlänglich bewiesen haben. Aber auf der anderen Seite kommt der jüdische Mensch in Rußland tatsächlich in tausend Konflikte. Zunächst einmal ist eine Kindererziehung im Geiste der alten jüdischen Kultur dadurch außerordentlich erschwert, daß die Schulen durchaus von marxistisch-politischem Geiste erfüllt sind, die Lehrer, auch wenn sie nicht der Partei angehören, verpflichtet sind, die Ideologie des Sowjetstaates sehr früh schon in die jugendlichen Gemüter einzupflanzen, und vor allem irgend ein amtlicher oder auch nur staatlich geduldeter Religionsunterricht bis zum 18. Lebensjahre unmöglich ist. An eine Befreiung von irgendwelchen Arbeiten am Sabbath ist natürlich überhaupt nicht zu denken. Dagegen ist von achtzehn Jahren ab, dem marxistischen Programm getreu, Religion tatsächlich Privatsache, d. h. dem Belieben der erwachsenen Person anheimgestellt. So gibt es zwar keine Chadorim, jedoch Jeschiwoth, dile ohuie irgendwelche Behinderung, wenn auch nat%- lieh im kleinen Umfang, ihre Lehrtätigkeit ausüben können. Auch mit der Beschlagnahme der Synagogen ist es nicht so schlimm, wie es ki der europäischen Presse dargestellt wird. In einer größeren Stadt z. B, ist die große prächtige Synagoge, die an gewöhnlichen Sabbathen leer stand und von den reichen Bürgern nur zu den hohen Festtagen aufgesucht wurde, in der Tat für einen öffentlichen Zweck verstaatlicht worden, aber niemandem ist es eingefallen, den sogenannten „Schulenhof", einen kleinen Platz, um den herum sich lauter kleine Bethäuser befanden, irgendwie anzutasten. Dort, wo die armen Juden beten gehen, droht der Eingriff der Sowjetmacht nicht. Die jüdischen Krankenhäuser sind überall verstaatlicht, doch ist es anderseits erlaubt, denjenigen, die darauf Wert legen, rituelle Verpflegung hinzubringen. Und wenn dieser Zustand sicherlich ein Rückschritt ist, so ist es doch auf der anderen Seite ein außerordentlicher Fortschritt, daß die Art der Aufnahme in die Krankenhäuser nicht mehr von jenen Damenkomitees der Vorkriegszeit abhängt, bei denen die Bedürftigkeit und Aermlichkeit der Patienten umständlich nachgewiesen werden mußte: jedem Armen und Kranken stehen heute die Möglichkeiten der Genesung und Behandlung offen. Und dies ist vielleicht das Allerhöchste im neuen Rußland: es gibt keine Wohltätigkeit in unserem Sinne in Rußland. Uebrigens gehört auch das Schächten selbstverständlich zu den erlaubten Betätigungen. Die Darstellung des

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