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Die Wahrheit · 1925-10-30 · Heft 43 (30.10.1925) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 43 (30.10.1925)
Date
1925-10-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 43 DIE WAHRHEIT S«it* 3 blieb, als zur Mordwaffe zu greifen. Wenn es aber ein Jude war, so tat ers natürlich nicht aus solchen idealen Gründen, sondern aus purer jüdischen Grausamkeit iumd Haß, um wieder ein nichtjüdisches Staatsoberhaupt beiseite zu schaffen, die Weltrevolution zu beschleunigen und die Gründung des jüdischen Weltreiches herbeizuführen. Und alle Juden Polens mußten für dieses Verbrechen bluten. Es ist hier abermals, wie man sieht, eine frappante Aehnlichkeit mit der Stimmung in Paris, als Dreyüus verhaftet wurde. Obwohl die französische Nation damals keinen Weltkrieg und keine so tiefe seelische Erschütterung wie die Revolution und die Wiederherstellung und Einigung des Vaterlandes hinter sich hatte, nicht vor so ungeheuren Aufgaben des inneren und äußeren Aufbaues stand, sondern völlig normale Zeiten durchlebte, so genügte der Verdacht des Verates, der auf einen Juden fie*l, um die tiefsten Leidenschaften aufzuwühlen und sie acht bis neun Jahre kochend zu erhalten. Steiger hat im Vergleiche zu Dreyüus viel Glück. Wenig fehlte, und er wäre dem Standgericht zum Opfer gefallen. Einer der Richter wollte das Schuldig nicht aussprechen! Diesem Mangel an Einstimmigkeit verdankt Steiger, daß er noch im Leben ist! Es steht fest, daß die beiden anderen Richter zu jenem Kollegen vorwurfsvoll sagten: „So arbeitet man hier an dem Wiederaufbau Polens!" Es war nämlich eine patriotische Pflicht, an die Schuld des Juden zu glauben, ganz wie seinerzeit in Frankreich! Der tapfere Richter antwortete: „Ich bin überzeugt, daß Polen nur durch die Gerechtigkeit aufgebaut werden kann!" Dieser Richter wurde von den Kollegen das ganze Jahr boykottiert — nun aber, da es sich herausgestellt hat, daß der Schuldige ein anderer ist, werden wohl die anderen diesem unpatriotischen Kollegen von Herzen Dank wissen dafür, daß er sie davor behütet hat, ihre Hände in unschuldiges Blut des Namens ihrer Gebieterin ihr ganzes Leid und Dulden, alle Schwere und Härte ihres Dienstes kund tut, oder aber läßt sich behaupten, daß die Magd kleinlaut und beschämt die Selbsterkenntnis verrät, daß es weder klug noch gut war, wegen eines augenblicklichen Aergers den sonst guten Dienst zu verlassen. Wie dem auch sei. es ergibt sich, daß der Engel dreimal sprechen muß, um die fünf Worte der Magd zu entkräften. Jeder der Sätze, die nun unmittelbar hintereinander folgen, fängt auffallender Weise mit den Worten an: „Es sprach zu ihr der Engel!" Das hat die Alten zur Annahme veranlaßt, daß es nicht ein Engel war, der mit Hagar sprach, sondern Gott für jeden Satz an Hagar einen besonderen Engel, also vier Engel entsandte. Um den Frieden zwischen Frau und Magd wiederherzustellen, genügt ein Engel nicht, bedarf es ihrer vier und mehr, und für jedes der fünf Wörter, die die Magd spricht, muß die Thora mit einem ganzen Satz antworten. Darin liegt die Lösung einer großen sozialen Frage. Wenn es Gottes nicht unwürdig ist, sich einer armen Magd anzunehmen, so ist es um so mehr der Menschen Pflicht, sich die Mühe nicht verdrießen zu lassen, den Dienenden zu ihrem Rechte zu verhelfen. Gott selbst findet es nicht unbillig, die Zukunft Hagars sicherzustellen, verheißt ihr zahlreiche Nachkommenschaft, einen Sohn, der auf Erden unter den Menschen seine Stellung behaupten wird. So ist es auch aller Herren und Gebieter Pflicht, für die Zukunft und das Alter der Dienenden zu sorgen. Anderseits ist es Pflicht der Dienenden, zu erkennen, daß die Flucht vor der Arbeit sie nur in die Wüste, in Brotlosigkeit und Elend führt. Die Menschen sind voneinander abhängig und aufeinander angewiesen. Herren und Diener, Arbeitgeber und Arbeitnehmer leben von einander. Aber letzten Endes sind alle Dienende, denn jeder Mensch muß Arbeiter auf Erden sein, will er seine Daseinsbestimmung erfüllen, K. zu tauchen, und die Justiz des Vaterlandes mit Spott zu bedecken vor aller Welt... Auch in Frankreich waren es Franzosen, die das gutgemacht haben, was andere Franzosen verdarben. Und diese Franzosen sind es gewesen, die die Ehre Frankreichs in der Welt wiederhergestellt haben. Ernste Männer aus allen Kreisen haben es scharf getadelt daß in Lemberg ein Damenkomite sich gebildet hatte, welches der Hauptbelastungszeugin Pasternak Blumen als Huldigung darbrachte. Man kann aus dieser Verirrung schüeßen, wie weit die Verhetzung von Seiten der antisemitischen Presse und persönlichen Propaganda reichte und was für einen schweren Kampf die Besonnenen auszufechten haben. Und noch eine merkwürdige Analogie mit der Dreyfus-Affäre fügt ein seltsamer Zufall dieser Steiger-Affäre zu: Die Rolle der deutschen Regierung. Im Dreyfus-Prozeß brauchte Wilhelm II. nur den Obersten Schwarzkoppel von seinem Amtseid zu entbinden, und die ganze Affäre wäre von Anbeginn unmöglich geworden, in Berlin wußte man nämlich die Wahrheit! Jetzt hätte die deutsche Regierung nur nötig gehabt, die ihr gleich nach dem Geständnis Olschanskis bekanntgewordene Wahrheit öffentlich kund zu geben oder sie der polnischen Regierung mitzuteilen, um Steiger zu befreien. Aber damals sagte sich Wilhelm IL: „Den Franzosen gönne ich die Blamage und die Verwirrung von Herzen, es handelt sich ja nur um einen Juden." Jetzt sagten sich Wilhelms Nachfolger in bezug auf die Polen dasselbe. Wir wollen aber hoffen, daß der Steiger-Prozeß in Polen dieselbe reinigende Wirkung üben wird, wie seinerzeit der Dreyfus-Prozeß in Frankreich. Auch in Polen werden die verantwortlichen Elemente einsehen, zu welchen unheilvollen Konsequenzen der Chauvinismus und die Verhetzung führen können, und die besten Geister werden sich von diesen Strömungen abwenden und sie bekämpfen. Dreyfus, der während seiner Verurteilung den Rang eines Kapitäns bekleidete, stieg nach seiner Rehabilitierung empor und im Weltkrieg kommandierte er einen Sektor vor Paris im Range eines Obersten. Sein Sohn diente als Kapitän. ...Am Anfange des Steiger-Prozesses hat es im Lemberg Tage gegeben, da es den Anschein hatte, daß die ganze christliche Bevölkerung sich auf die Juden stürzen wollte, um unter ihnen Blutbäder anzurichten. Aber nun begreift alles, was redlich fühlt und klar denkt — und jener Richter hat Tausende und Tausende von Gesinnungsgenossen im ganzen Land — daß dies nicht wiederkehren darf. Wenn diese Einsicht in Polen die Oberhand gewinnt, dann werden alle Fasttage, die die Juden in ihren Synagogen angeordnet hatten aus Anlaß des Prozesses, nicht vergebens gewesen sein. Stanislaw Steiger wird die wahre Verständigung zwischen Polen und Juden herbeigeführt haben. _ I-ROTGA5SE-1

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