Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 43 (30.10.1925)
- Date
- 1925-10-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 43 verruchten jüdischen Zarenmörder. Aber die Sache war, ach leider, sehr unvollkommen, so lange die Juden nur den Zaren und nicht das Oberhaupt der Republik Polens ermordet hatten, Jener unglückliche Narr, der den edlen, vornehmen und klugen Präsidenten Marutowicz vom Leben zum Tod befördert hatte, stammte zwar aus konservativen, den Antisemiten und Nationaldemokraten nahestehenden Kreisen und seine Tat wurde auch von ihnen förmlich verherrlicht. Aber es wäre doch so schön gewesen, wenn er ein Jude gewesen wäre. Man suchte förmlich von gewisser Seite nach dem Tropfen jüdischen Blutes. In den Protokollen stand ja geschrieben und es war „in der ganzen Welt bekannt", daß die Weisen von Zion das Morden von Staatsoberhäuptern und hohen Staatswürdenträgern nur so als Sport betreiben. Eine gewisse Berühmtheit erlangte im ganzen Lande der Ausruf einer hochpolitischen Dame sofort nach der Festnahme des Präsidentenmörders: „Wie* schade, daß der Täter nicht ein Jude ist!" Man schrie förmlich nach einem jüdischen Präsidentenmörder. Ein nationaldemokratischer oder ein konservativer Präsidentenmörder war der Alleinschuldige. Höchstens galt noch die Gruppe von Mitwissern als Schuldige, oder aber man konnte seine Partei der moralischen Mitschuld bezichtigen. Ein nichtjüdischer Präsidentenmörder war auch nicht ein Präsidentenmörder aus Prinzip. Er hat nur einen bestimmten Präsidenten oder ein bestimmtes Staatsoberhaupt beseitigt, weil dessen Politik ihm mißfiel. Anders ein jüdischer Präsidentenmörder. Der hat aus Prinzip gemordet, er hat nicht diesen oder jenen Präsidenten beseitigt, sondern er hat in der Person des einen alle „nichtjüdischen" Staatschefs ermordet, weil der Jude aus Prinzip alle „nichtjüdischen" Staatswesen-Oberhäupter und -einrichtungen in der Seele haßt und sie zu zerstören wünscht, — wie dies Henry Ford in seinem Buche „Der internationale Jude" weit und breit dargelegt hat im Namen des Engländers Lord Eustace Percy. Darum wären alle Juden Mitschuldige, wenn einmal ein Jude einen Präsidenten . ermorden sollte, und man müßte sie alle verbrennen, nicht nur die Juden derselben Stadt oder desselben Landes, sondern die Juden der ganzen Welt, denn der Präsidentenmörder hätte im Namen aller Juden der Welt gehandelt und den Gesamtwillen des ganzen Judenvolkes vollstreckt, — ganz wie es in den Protokollen der Weisen von Zion geschrieben steht. Als im Sommer 1918 durch ganz Europa die von den russischen Monarchisten verbreitete Lügenmär ging, daß unter den Mördern der Zarenfamilie sich achtzig Prozent Juden befunden hätten, da fiel ein Makel auf die Juden in London, obgleich zwischen einem Londoner jüdischen Gentleman und einem von Juden abstammenden Bolschewik in Sibirien keine größere Aehnlichkeit besteht als zwischen einem Juden und einem Tartaren ... Die Antisemiten und Protokollgläubigen in ganz Polen warteten also und sehnten sich nach einem Juden, der ein Attentat auf den polnischen Staatschef verüben sollte ... Und nun wurde eines schönen Tages nach einem verfehlten Bombenwurf auf den Präsidenten ein junger Jude, ein Zionist verhaftet. Die ganze unabsehbare Protokollgemeinde von Polen jubelte hell auf ... Der ganze Antisemitismus der letzten sechs Jahre war nachträglich gerechtfertigt. Man macht sich im Auslande keine Vorstellung davon, welchen Terror die Antisemiten aller Farben auf die besonnenen Leiutte ausübten. Es machte sich sofort die Meinung geltend, daß der Attentäter der ukrainischen revolutionären Organisation angehören müßte. Allein es war höchst „unpatriotisch" so zu denken, denn damit wäre ein Beweis geliefert, daß die Ukrainer sich in einer so bedrückten Lage befanden, daß ihnen nichts übrig Magd und Herrin. »Er sprach: Hagar, Magd der Sarai, Woher kommst Du und wohin gehst Du?" i, :6, S Jeder Mensch hat einen bestimmten Platz auf Erden. Einer ist Herr, ein anderer Diener. Darin liegt keine Ungerechtigkeit der göttlichen Weltordnung. Es wäre auch weder gut noch weise, solches leugnen oder aus der Welt schaffen zu wollen- Dennoch scheint seit jeher Unfriede zwischen Herrschenden und Dienenden "bestanden' zu haben. Wenigstens erzählt die Heilige Schrift nicht zwecklos die Geschichte von der unzufriedenen Magd Hagar, die ihrer Herrin Sara entläuft. Die Magd fühlte sich ungerecht behandelt, und verläßt fluchtartig ihren Dienstplatz. Für die späteren Zeiten, die darüber klagen, daß niemand mehr dienen, alles nur befehlen will, ist es ein Trost, daß es schon zu Saras Zeit so war und die Magd Herrin sein wollte. Die Thora stellt zweierlei fest: Das Verschulden der Magd, die ihre Herrin geringschätzte, ihr die gebührende Achtung versagte, und das der Herrin, die die Magd bedrückte, sie, wie die alten Erklärer bemerken, hart arbeiten ließ. Der häusliche Unfrieden, der durch ein schlechtes und ungerechtes Verhältnis zwischen Hausfrau und Magd entsteht, ist ein lehrreiches Thema. Die in der Wüste umherirrende Magd spricht ein Engel mit den Worten an: „Hagar, Magd Sarais." Dazu bemerken die Weisen im Talmud: „Nennen deine Freunde dich einen Esel, so lege dir einen Halfter an." Das besagt: Das Urteil der öffentlichen, nicht gehässigen Meinung muß man respektieren. Hagar sollte gleich wissen und erfahren, daß sie eine Magd ist und daß auch ihre Flucht in die Freiheit daran nichts ändert. Magd oder Knecht ist man nicht, weil man dient, sondern weil Art und Wesen den Menschen dazu bestimmt, Herr oder Herrin ist man nicht, wenn man befiehlt oder die Arbeit scheut, sondern weil und wenn man die Herrenpflichten erfüllt. Die Wahrheit dieser in der Natur des Menschen begründeten Tatsache beweist Hagar mit ihrer Antwort: „Vor Sara, meiner Herrin, fliehe ich!" und gesteht damit selbst ihr Abhängigkeitsverhältnis ein. Die Rede des Engels eröffnet der Magd die Erkenntnis, daß auch sie trotz der dienenden Stellung eine Zukunft habe und daß ihr Platz neben der Herrin Sara ist. Vielleicht ist aber noch eine zweite wichtige Erkenntnis der Magd geworden. Der Name Sarais wird hier zweimal nacheinander genannt. Der Engel sprach: „Hagar, Magd Sarais" und sie antwortete: „Vor Sarai, meiner Herrin, fliehe ich!" Der Name Sarai wird gleichsam unterstrichen, besonders betont. Es ist nicht gleichgültig, wo und wem man dient! Es ist auch eine Ehre, ein Vorzug, in einem Hause wie Abrahams und Sarais in Stellung zu sein. Als Elieser, der Diener Abrahams, in das Haus Betuels kommt, um Rebekka für Isak zu freien, führt er sich mit den Worten ein: „Ein Diener Abrahams bin ich!" Er bekennt mit unverkennbarem Stolze, daß er in diesem Hause dient, diesem Herrn angehört. Das talmudische Wort sagt: „Der Diener eines Königs ist auch wie ein König." Wer sich einem Fürsten anschließt, nimmt teil an der Ehre, die jenem gezollt wird. Der Dienende soll sich des Vorteils bewußt sein, den er durch seine Stellung im Hause seines Herrn findet. Die unzufriedene Magd hat nicht viel vorzubringen. Fünf Wörter sind ihre Klage und Beschwerde, ihre Rechtfertigung undi Aufklärung. Ob diese füf Wörter: „Vor Sarai, meiner Herrin, fliehe ich", eine Verteidigung oder eine Anklage ausdrücken, läßt sich nicht entscheiden. Man kann sagen, daß die Magd mit der Nennung