Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 43 (30.10.1925)
- Date
- 1925-10-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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HRHEIT Österreichische Wochenschrift für jüdische Interessen Mit dem Beiblatt: yeröfienilidiungen der ..Union deatschösterreidusdier Juden4* Redaktion und Administration flien II., HeinestraOe 13. - Fernruf 42-2-16 XLI. Jahrgang Wien, 30. Oktober 1925 Nummer 43 Die gegenwärtige Lage der Juden in Polen. (Fünfter Brief.) Der Steiger-Prozeß. Man hat den Steiger-Prozeß nicht mit Unrecht die Lemberger Dreyfus-Affäre genannt- In dem Moment, da ich diesen Brief schreibe, ist der Prozeß formell noch nicht zu Ende gegangen, aber sachlich ist er bereits beendet. \Jiid der Verurteilte ist nicht Steiger, sondern eine gewisse Gruppe von Justizbeamten, die die ganze polnische Gesellschaft verdammen wird, weil sie Schmach über ihr Vaterland gehäuft und in der ganzen Welt den Anschein erweckt haben, daß in Polen ein Unschuldiger zum Tode verurteilt werden könne, nur weil er Jude ist. Dieses Verdammungsurteil über Richter, die, in schreiendem Gegensatz zu der unentwegten polnischen Tradition, sich derart vom Parteihaß blenden ließen, hat der beste Teil der polnischen Gesellschaft gleich nach der Verhaftung Steigers gesprochen. Denn schon damals wurden ernste Stimmen laut, daß die Polizei von Lemberg einen schweren Mißgriff begangen habe; sie habe den wahren Täter entschlüpfen lassen und, was tausendmal schlimmer ist, einen Unschuldigen fast aufs Schaffott gebracht, ihn jedenfalls unsäglichen Qualen mehr als ein Jahr hindurch ausgesetzt und über das Haupt der gesamten Judenheit in Polen unabsehbare Geiahren heraufbeschworen. Mit diesem vielgeplagten Steiger saß nämlich die ganze judenheit Polens, drei Millionen an Seelenzahl, auf der Anklagebank, des Mordes an dem Staatsoberhaupt bezichtigt. Man erinnert sich, daß die polnischen Antisemitenblätter sofort nach der Verhaftung Steigerns ihn mit dem Weisen von Z i o n und dem jüdischen Welteroberun g s p 1 a n in Verbindung brachten. „Bekanntlich" hegen ja die Juden den Plan, die ganze Welt sich zu unterwerfen, indem die Staaten unterwühlt, die Grundfesten des öffentlichen Lebens erschüttert und die Sicherheit vernichtet wird; die Ermordung von Staatsoberhäuptern ist eines der beliebtesten Mittel zur Erreichung dieser Zustände, die endlich die Weltrevolution herbeiführen sollen, nach welcher die Juden ihr Weltreich errichten werden, um alle Völker Europas und Amerikas zp beherrschen. Das steht ja alles fix und fertig in der berühmten Protokollen beschrieben, die der fromme russische Patriot Sergej Nilus herausgegeben hatte. Schon gegen Ende 1919 wurden die Protokolle von einem Geistlichen ins Polnische übersetzt und zweimal von der mächtigen Gesell-: schaft „Rozwoj" herausgegeben und in großen Massen unter das Volk verbreitet. Das Machwerk fand Glauben nicht dut unter den Schichten der fialdgebildeten und Leichtgläubigen, sondern in den Kreisen der Erlauchten. Man bedenke, daß der Warschauer Episkopat im Sommer 1920, als die russische Rote Armee Warschau ernstlich bedrohte, an alle katholischen Beschöfe der Welt einen ergreifenden Hilferuf erließ, in welchem ganz unzweideutig die Idee der Protokolle vertreten war, wonach die Juden auf dem Wege zur Weltherrschaft bereits die russische Monarchie zertrümmert hatten und nun ihre gierigen Hände nach Polen ausstreckten, um diese Vormauer der christlichen Kultur niederzureißen; nachher würde die Herrschaft des Antichrist über die ganze Wrelt anbrechen! ... Dieser in allen katholischen Kirchen der Welt verlesene Hirtenbief der polnischen Bischöfe hat nicht wenig dazu beigetragen, den Glauben an die jüdische Weltverschwörung und an die Echtheit der Protokolle in allen Ländern zu verbreiten und zu befestigen! Kurz darauf übersandte der Papst einem der französischen Protokoll-Uebersetzer, Mgr. J o ü i n in Paris seinen Dank und apostolischen Segen!... Was Wunder, daß in Polen selber der Glaube tiefe Wurzel faßte, daß die Juden eine geheime Verschwörergesellschaft bilden, vor der kein Staatsoberhaupt sicher war?... Der Chau\inismus hinderte diese Leute nicht, die Lehren der deutschen Protokollapostel: Ludendorff, Fritsch, Graf Reventlov, Gottfried zur Beek sich anzueignen. Die Existenz einer geheimen jüdischen Weltverschwörung wurde zum Dogma, das sogar den Glaubensartikel von Staatsmännern bildete. Man bekannte sich stillschweigend zu diesem Dogma und man sprach nicht viel von ihm, wie von anderen Dogmen auch, man betrachtete es ah eine Tatsache der allgemeinen Politik. Im Jahre 1923 erschien eine neue Massenauflage der polnischen Protokollübersetzung. Nun stand es ja längst „fest1', daß kein anderer als die Juden den Zaren Nikolaus ermordet hatten. Vernünftige konnten es zwar nicht begreifen, woher in einem kleinen entlegenen Städtchen Sibiriens, wo doch den Juden bis zum Sturz des Zarentums der Aufenthalt strengstens verboten war, sich auf einmal so viele Juden versammelt haben sollten, daß sie, wie versichert wurde, in dem Lokal-Sowjet, der die Zarenfamilie zum Tode verurteilt hatte, nicht weniger als achtzig Prozent ausmachen konnten. Aber das tat nichts zur Sache. Obwohl die polnischen Antisemiten natürlich keine besondere Freunde und Verehrer Nikolaus des Zweiten waren, o entrüsteten sie sich doch gern sittlich über die