Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 42 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2___DIE WAHRHEIT Nr. 42 deutlicheres Zeugnis gibt als eingehende Beschreibungen, beschäftigt sich mit den Beschwerden, die gegen die maßlosen Angriffe und Beschimpfungen anderer Studentenorganisationen*) erhoben wurden, und enthält folgende interessante Stelle, welche ein eigenartiges Licht auf die geistigen Potenzen und die wissenschaftliche Durchbildung der Herren vom deutschen Kulturamt wirft: „Die sogenannte »Deutsch-demokratische Hochschülervereinigung' und der .Verband sozialistischer Studenten und Akademiker' nahmen vor allem daran Anstoß, daß die Juden neben den Chinesen und Negern angeführt sind. Diese Vereinigungen, die sich beide „demokratisch" nennen, scheinen ihren Hauptgrundsatz plötzlich vergessen zu haben, der die Gleichheit alles dessen predigt, was Menschenantlitz trägt, und fühlen sich angeblich durch eine bloße Aufzählung neben anderen Völkern, ohne daß ein Werturteil gefällt worden wäre, beleidigt. Das Kulturamt stellt fest (eine neue wissenschaftliche Feststellung von fundamentaler Bedeutung!), daß es eine wissenschaftliche Tatsache ist, daß das Negerblut (!) im jüdischen Volke nicht unbeträchtlich vertreten ist und daß die Negerrepublik Liberia und das chinesische Reich im Völkerbund als gleichberechtigte Staaten vertreten sind, während Deutschland seinerzeit ausgeschlossen wurde." In diesem Tone geht es weiter und zum Schluß beschwert sich das ehrenwerte Kulturamt, es werde durch die Anzeige der beiden Vereinigun- *) Besonders famos war in dieser Hinsicht eine „Warnung" vor den beiden protestierenden Vereinigungen, deren Führer und Mitglieder nur aus Juden und JudenstämmLitigen bestehen sollen. gen gehindert, Aufklärungsarbeit unter den deutsche» Studenten zu verbreiten, und es bitte, die deutsche Geistesfreiheit auf deutschem akademischem Bode«, gegen alle ungerechten Angriffe fremdvölkischer Elemente zu verteidigen. Der Wisch endet mit den Worten: „Das Kulturamt danktim vorausfür das freundliche Entgegenkommen und dasWohlwollenim Namen der deutschblütigen akademischen Jugend..." Dies also ist die Tätigkeit des „Kulturamtes der deutschen Studentenschaft", dies sind die vorläufigen Ergebnisse seiner Bestrebungen zur „Hebung der deutschen Kultur". Es wäre wohl sehr schlecht um die deutsche Kultur besteht, wenn sie eine solche „Hebung" notwendig hätte. Uebrigens dürfte der „Untergang" der deutschen sowie überhaupt euror päischen Kultur trotz der unermüdlichen Arbeit de? „Kulturamtes" noch einige Zeit auf sich warte» lassen. Nachdem wir nun den ersten Eindruck hierüber empfangen haben, wie an unserer obersten Bildungsstätte die Pflege der deutschen Kultur aussieht, betreten wir die heiligen Hallen der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät. Dortselbst hängt ei» Anschlagkasten neben dem anderen. Doch nur die wenigsten enthalten Vorlesungsankündigungen und sonstige Mitteilungen der akademischen Behörden, die überwiegende Mehrheit gehört deutschnationalen, völkischen und hakenkreuzlerischen Vereinigungem und dient mit wenigen Ausnahmen einer wüsten, beispiellosen Judenhetze. Neben dem mit zwei großen Hakenkreuzen versehenen Kasten des „Institutes zur Pflege deutschen Wissens" hängt der einer Feuilleton Sprache und Worter. „Von dem reinen Vieh und von dem Vieh, das nicht rein ist, und von dem Geflügel und allem, was sich auf der Erde regt....." 1, 7, 8. R. Josua ben Levi lehrte im Talmud: „Der Mensch mache es sich zum Grundsatze, kein häßliches Wort aus seinem Munde kommen zu lassen, denn die Heilige Schrift hat acht Buchstaben mehr geschrieben und die Ausdrucksweise geändert, um ein häßliches Wort zu vermeiden. Von den Tieren, die in die Arche Noahs gingen, hätte die Thora einfach und kurz sagen können: „Von dem reinen und dem unreinen Vieh", aber sie hat das Wort „unrein" vermieden, an dessen Stelle gesetzt „das nicht rein ist" und so acht Buchstaben mehr schreiben müssen. Die Gelehrten pflichten R. Josua ben Levi bei und führen von anderen Stellen der Heiligen Schrift Beispiele an, in denen die Thora sogar noch mehr Buchstaben anwendet, um dem Grundsatze von „loschon nekio", der reinen, keuschen Ausdrucksweise, zu entsprechen. In Umgang und Verkehr, in Haus und Familie, Schule und Unterricht soll sich jeder einer anständigen, keuschen Sprache bedienen. Das wunderbare Gottesgeschenk der Sprache, das den Menschen vor allen Lebewesen auszeichnet, verpflichtet zu 'einer bestimmten Dankbarkeit gegen Gott Die Fähigkeit, zu sprechen, sich zu verständigen, Gedanken und Gefühle dem anderen verständlich zum Ausdruck zu bringen, für Zeit und Dauerdurch Wort und Schrift festzuhalten, ist eine Krone, die das Haupt des Menschen schmückt Darum, so meint der Talmud, halte man diese Krone rein und in Ehren und entweihe sie nicht durch Schmutz und Niedrigkeit. Es ist eine sehr berechtigte Anschauung der Wissenschaft, die Kulturhöhe der Völker und die sittliche Stufe der Meeschen aus ihrer Sprache und Redeweise zu erschließen. Keuschheit des Empfindens, Schamhaftigkeit der Seele oder umgekehrt, Roheit und Schamlosigkeit offenbart sich im Sprechen. Denn die seelischen Tugenden und der sittliche Gehalt an Erziehung, Bildung und Charakter sind der Nährboden, aus dem die Blume der Sprache wächst. Ist dieser vergiftet, so wird auch die Blüte giftig sein; ist er aber rei», gesund und unverdorben, so wird auch die Blüte erfreuen, ohne' zu schaden. Gute Abstammung, Kinderstube und Schule sbM man durch seine Rede beweisen. „Wer in seinen Worten häßlich ist, dem ist die tiefste Hölle bereitet." „Durch die Schuld und Sünde der entarteten, rohen und gemeinen Sprache", sagt der Talmud, "kommen viele Leiden, harte Verhängnisse, stirbt die Jugend, werden Witwen und Waisen um HMfe rufen und keine Erhörung finden." Das ist das Bild eines sittlichen Tiefstandes, in dem es keine Fürsorge für die Jugend, kein Recht für die Bedrückten gibt. Mit der Verrohung im Tun geht Hand in Hand die der Rede. Eben darum darf Keuschheit der Redeweise nicht eine bloße Politur, ein leicht zerstörbarer Firnis sein, sondern muß dem Edelmetall entsprechen. Mag Gold oder Silber durch Gebrauch und Abnützung noch so arg hergenommen werden, im Innern bleibt der Glanz des reinen Metalles und kommt im Schmelztiegel erst recht wieder zur Geltung. Der Mensch guter Erziehung, der sich vor unanständiger Ausdrucksweise nicht zu bewahren weiß, gleicht wie R. Elieser ben Jakob sagt, einem herrlichen Palast, durch den der Ablauf einer Gerberei geht. Die Thora selbst ist deshalb, was das Zartgefühl des Hörers oder Lesers beträft, beispielgebend, da zahlreiche Stellen in der Heiligen Schrift bei der Vorlesung anders gelesen Werden müssen als sie geschrieben stehen, lediglich damit das gewöhnlichere, derbere Wort das das feine Ohr des Zuhörers verletzen müßte, durch ein gewählteres ersetzt ist Dieser Erziehung entsprechend liefert das jüdische Schrifttum den Beweis dafür, daß stets für das Niedrige, allzu Irdische eine Umschreibung gewählt ist, die den Sinn kennzeichnet, aber die Derbheit vermeidet Der Talmudlehrer Bar Kappara hat dafür eine pädagogisch sehr wertvolle Deutung seinen Schülern vorgetragen. Für Kriegszeit Kriegsdienst und Lagerleben gilt die Bestimmung der Thora: ,£inen Spate» sollst du bei deinem Waffengerät haben, damit du deinen Afc-