Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 42 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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WAHRHEIT Österreichische Wochenschrift fflr Jüdische Interessen mi dem Beiblatt: Veröffentlichungen der „Union dentschösterreidiisdier Juden Redaktion und Administration- Wien II., HeinesiraOe 13. - Fernruf 42-2-16 XLI. Jahrgang Wien, 23. Oktober 1925 Nummer 42 Semesterbeginn. Die tieftraurigen und beschämenden Vorgänge, die sich im vergangenen Sommersemester an den Wiener Hochschulen abgespielt haben, sind noch in allgemeiner Erinnerung; der Schaden, den das verantwortungslose Treiben der hakenkreuzlerischen Studenten an unseren höchsten Bildungs- und Forschungsstätten angerichtet hat, könnte nur durch stille und langwährende emsige Arbeit wieder gutgemacht werden und nur dann würde sich das Ansehen wieder einstellen, das unsere Hochschulen ehemals im In- und Ausland besessen haben und das durch die beklagenswerten Vorfälle der letzten Zeit eine erhebliche Einbuße erlitten hat. Es haben daher alle Kreise, welchen das Wohl unserer Hochschulen und der studierenden Jugend am Herzen liegt, mit einer gewissen Unruhe und erwartungsvollen Spannung dem Beginne des Wintersemesters entgegengesehen, zumal die beispielslose Hetze, die von den hakenkreuzlerischen Zeitungen in die Studentenschaft hineinzutragen versucht wird, für das bevorstehende Wintersemester nichts Gutes voraussehen ließ. Pflicht der Unterrichts- und Hochschulbehörden wäre es gewesen, von allem Anfang an alles von den Hochschulen fernzuhalten, was geeignet wäre, den inneren Frieden an unseren Hochschulen zu stören und die kaum beruhigten Gemüter neuerdings in Aufregung zu versetzen.. Wie nun werden die genannten Behörden, denen das Wohl der Hochschulen anvertraut ist, dieser ihrer obersten Pflicht gerecht? Als der hakenkreuzlerische Unfug die Anschlagkästen und Wände der Hochschulen zum Schauplatz einer wüsten Hetze gegen alles, was nicht völkisch geeicht ist machte, da sah sich das Rektorat der Wiener Universität endlich gezwungen, den Beschwerden, die gegen dieses unerhörte Treiben erhoben wurden, Rechnung zu tragen und' erließ eine Verordnung, in welcher es auf Grund der geltenden Bestimmungen über das Anschlagwesen alle gehässigen und aggressiven Verlautbarungen sowie Bücher und Broschüren von akademischem Boden verbannte. Welchen Erfolg hat dieser klare und deutliche Erlaß gehabt, wie haben die Hakenkreuzler die Verordnung der obersten akademischen Behörden beachtet? Ein Rundgang durch die Hallen und Wandelgänge der Hochschulen gibt uns auf diese Frage, die eine Schicksalsfrage für die Hochschulen ist, deutliche Antwort. In der Aula der Universität hängt ein an auffallender Stelle angebrachter, mit einem großen Hakenkreuz gezierter Anschlagkasten, in dem das ,j(u 11uramt der deutschen Studentenschaft" die Ergebnisse seiner „kulturellen" Arbeiten der Hörerschaft zur Kenntnis bringt. Wir sehen in diesem Anschlagkasten zunächst einige Lichtbilder mit folgender Aufschrift: „Bilder von der Septemberkundgebung gegen die äußere (Schandverträge) und innere Schmach (Judenherrschaft)." Es wird demnach als erstes Ergebnis der Forschungen des Kulturamtes festgestellt, daß unser derzeit „christlich-germanisch" regiertes Staatswesen unter „jüdischer Herrschaft" stehe, die als eine Schmach bezeichnet und .... den Reim darauf mögen sich die Studenten selbst machen. Denn es ist klar, daß die Knechtschaft, in welche das Judentum das christlich-germanische Volk zwingt, nur der Ausfluß des Vernichtungswillens der „Wüstensöhne" ist. Hierüber belehrt uns ein in demselben Kasten vorhandenes Flugblatt, das folgenden Wortlaut besitzt: „Ein Todesurteil gegen alle Völker, alle Staaten, ein Ausfluß des abgrundlichen, fanatischen Hasses der Juden gegen alles, was nicht jüdischistbedeutendie Protokolle der Weisen von Zion. Wer den Untergang des Abendlandes noch in letzter Stunde verhüten will, der muß mit allen seinen Kräften dafür sorgen, daß die Protokolle der Weisen von Zion verbreitet werden." Wir sehen also, daß es das ,JKulturamt" als seine oberste Aufgabe betrachtet, den Untergang des Abendlandes, von dem es ebenso überzeugt ist wie von der schmachvollen Judenknechtschaft unseres Staates, noch in letzter Stunde dadurch zu verhüten, daß es für die möglichste Verbreitung der „Protokolle der Weisen von Zion" sorgt, wobei gleichzeitig für die Völkische Buchhandlung, III., Hauptstraße 22, in angemessener Weise Reklame gemacht wird. Man erinnert sich bei der Lektüre dieses Aufrufes an den Ausspruch, den die Psychiater im Falle Rothstock gefällt haben: „An der Grenze des Irreseins . . ." Neben dem „Todesurteil" hängt der bereits in der vorletzten Nummer der „Wahrheit" besprochene Aufruf gegen die „Deutschenhetze der sozialistischen Juden" und die Abschrift eines Briefes, den der „Kreis VIII der Deutschen Studentenschaft, Kult uramt" an das Rektorat der Wiener Universität gerichtet hat. Dieser Brief, gezeichnet von einem Herrn K ö r b e r, dem Hauptmacher der Universitätshakenkreuzler, von dessen Geisteskräften der Inhalt des Briefes ein