Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-10-16 · Heft 41 (16.10.1925) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 41 (16.10.1925)
Date
1925-10-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064060--14049-3081586
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite & Etfe WAHfttöBf Nr. 4i toleranz und Fanatismus auf unsere Nation zu werfen versuchten. Noch mehr, wir wollen versuchen, den östlichen Regierungen aufgeklärtere Grundsätze der Gesetzgebung und Gerichtspflege einzuflößen, sie zu vermögen, die Tortur abzuschaffen und das ewige Recht hoch über parteiische Gewalt zu setzen. Ich bete zu dem Gotte unserer Väter, daß er unsere Schritte leite!" Ein rascher und schöner Erfolg, wenn schon der Ferman vom 6. November desselben Jahres, in Konstantinopel ausgestellt, lautet: „Von der Liebe zu unseren Untertanen geleitet, können wir nicht dulden, daß Mitglieder der jüdischen Religion wegen unbegründeter Beschuldigungen beunruhigt und gefoltert werden, wir wollen vielmehr, daß die jüdische Religion dieselben Rechte und Freiheiten genieße, die den zahlreichen unserer Macht unterworfenen Nationen bewilligt sind." Bitter beklagt er es, daß er gerade bei seinen Glaubensbrüdern nicht immer und nicht genügend Verständnis und Unterstützung fand. Er sagt einmal: „Alle Sehnsucht meines Herzens ist dahin gerichtet, meinen Brüdern das schwerlastende Joch des Exils zu erleichtern. Aber wenn ich auch durch Gottes Gnade einiges zu ihrer Erleichterung tun kann, ist es doch nichts gegen das, was für Israel geschehen könnte, wenn die Edlen meines Volkes mich mit Rat und Tat unterstützen." Im Jahre 1866 unternahm Sir Moses seine sechste Reise ins heilige Land. Er wurde begleitet von seinem Leibarzt Dr. Hodgkin, in Jaffa starb, von Kapitön Moore, seinem Neffen, Joseph Sebag, Frau Sebag und Dr. Loewe. Eine große Zahl der Einwohner von Jerusalem, ungefähr 15 Prozent, wa von der Cholera hingerafft worden. Diesmal sorgte Sir Moses für eine .bessere Wasserleitung nach Jerusalem und hatte die Freude, das Wasser wieder aus den Teichen Salomons. nach der heiligen Stadt fließen zu sehen. Er leistete einen bedeutenden Beitrag -zur Errichtung eines Hospitales für Aussätzige, war hocherfreut, der Gründung einer neuen von deutschen Juden gestifteten Unterrichtsschuie beiwohnen zu können und die Insassen des Touroschen Armenhauses arbeitsam und fleißig zu sehen. Warm empfahl er wieder die Agrikultur in Palästina. Im Jahre 1867 ging Sir Moses nach Rumänien, wo unsere Glaubensgenossen eine Reihe von Verfolgungen zu erdulden hatten, die in der Zerstörung der Bukarester Synagoge (1868), gipfelten. Der Pöbel bedrohte Montofiores Hotel, wurde jedoch durch sein furchtloses Auftreten entwaffnet Der deutsche Prinz (später König) Karl empfing Sir Moses gnädig und versicherte ihn, daß die Juden von Seiten der Regierung angeblich niemals verfolgt wurden und auch in Zukunft keiner Verfolgung ausgesetzt sollten. Die Tatsachen führten leider eine andere Sprache. Im folgenden Jahre eröffnete Montefiore als Präsident des „Board of Deputies" eine Subskription zur Linderung der unter den persischen Juden wütenden Hungersnot 17.973 Pfund Sterling wurden durch Mr. Alison, den englischen Gesandten in Teheran, an die Unglücklichen verteilt. Im Jahre 1872 begab sich Sir Moses, bei Gelegenheit der 200jährigen Wiederkehr der Geburtsfeier Peters des Großen, nach St. Petersburg und überreichte Alexander dem Zweiten, dem Befreier der Leibeigenen, eine Glückwunschadresse. Der Zar kam von den Sommermanövern nach dem Winterpalast in Petersburg, um seinen hohen Gast Sir Moses Anstrengung und Ermüdung zu sparen, unterhielt sich mit ihm fließend in englischer Sprache, gedachte der Unterredung, die Sir Moses mit seinem Vater, Zar Nikolaus, im Jahre 1846 gehabt und gab seinerseits die gnädigsten Versicherungen. Sir Moses war sehr erfreut wahrzunehmen, daß sich seit seinem ersten Besuche eine bedeutende Besserung in der Lage der Juden Rußlands vollzogen hatte. Er sah Juden vom Kaiser dekoriert, unterhielt sich mit jüdischen Kaufleuten, Männern der Wissenchaft, Herausgebern »russischer Zeitschriften, Handwerkern und Leuten, die früher fin der kaiserlichen Armee gedient hatten und allesamt ihre Zufriedenheit mit der jetzigen Laoe bekundeten. Sir Moses hat es aber auch noch erleben müssen, daß die krasseste Reaktion in der Behandlung der russischen Juden eintrat, und hatte die traurige Pflicht zu erfüllen, den unglücklichen Opfern der Pöbelexzesse in jenem Reiche wiederum Hilfe und Unterstützung zubringen. In seiner Glückwunschadresse an Zar Alexander den Dritten, bei Gelegenheit seiner Krönung, die vom Kaiser selbst gelesen und beantwortet wurde, vergaß Sir Moses nicht, sich in dringenden Worten noch einmal für seine Glaubensbruder zu verwenden, man weiß, mit welchem Erfolg. (Fortsetzung folgt.) Antisemitische Sittlichkeitsapostel. Die Antisemiten haben mit ihren Sittlichkeitsaposteln, die in der Presse und in öffentlichen Versammlungen gegen die jüdischen Verführer christlicher Mädchen losziehen, nicht viel Glück. Man erinnert sich noch, um nur einen Fall von vielen herauszugreifen, an das Auftreten des reichsdeutschen Antisemitenführers Böckl, der eigens wegen der Bekämpfung der jüdischen Unsittlichkeit nach Wien gekommen war und um den Effekt seiner Rede kam, weil am Tage, an dem er seinen Vortrag halten sollte, eine Wiener Zeitung eine Gerichtsverhandlung veröffentlichte, in der berichtet war, daß Böckl vor einigen Jahren, um sich der unangenehmen Verpflichtung. Alimente für das Kind seiner verführten Dienstmagd zu zahlen, seine legitime Gattin zu Gericht schickte. Diese schwur, daß Böckl unfähig sei, zu zahlen. — Herr Hof rat Millenkovich der bisher ungestört und unbehelligt die Rolle eines christlich-germanischen Sittlichkeitsapostels gespielt hat und selbst als vorübergehender Burgthaterdirektor dieses Ideal verkündete, ist jetzt durch eine großes Aufsehen erregende Enthüllung des „Abend" in der Fortsetzung dieser Mission gehemmt. Dieses Blatt behauptet nämlich. Hofrat Millenkovich hätte seine Stellung als Burgtheaterdirektor mißbraucht, um zwei Schauspielerinnen allzu drastisch für die Nächstenliebe zu entflammen. Als diese darüber Klage führten, sei der Burgtheaterdirektor von seiner vorgesetzten Behörde vor die Alternative gestellt worden, entweder seine angegriffene Ehre in einem Ehrenbeleidigungs- PTOzesse reinzuwaschen oder zu gehen. Der sittlich entrüstete Millenkowich wählte — das letztere. Soweit die Behauptungen des „Abend". Wird Hofrat Millenkovich aus eigenem Antriebe oder dem Drängen seiner Partei folgend vor Gericht Satisfaktion suchen, oder wird er sich schweigend in Verachtung hüllen? Die Behauptung der „N. Fr. Presse"—sie entsprach den Mitteilungen antisemitischer Blätter — Hofrat Millenkovich hätte nach dem Freispruch Rothstocks auch diesen famosen Vertreter christlich-germanischer Sittlichkeit als Helden gepriesen, wurde von ihm in der „N. Fr. Presse" berichtigt. Der „Abend" brachte bisher noch keine Berichtigung... Genossen unter sich. Unter dem Titel „Privater Revolver Journalismus" schreibt das von Kultusvorsteher Dr. Rudolf Glanz herausgegebene und redigierte Organ der Wiener Poale Zion „Unsere Tribüne" folgendes: „Wir haben seinerzeit das Erscheinen des Blattes „Die Jüdische Gemeinde" begrüßt und die Hoffnung ausgesnrochen, daß dieses Blatt, das damals offizielles Organ der Kultusangestellten war, seinen gewerkschaftlichen Aufgaben gewachsen sein möge. Seither hat sich die Situation wesentlich geändert, das Blatt ist nicht mehr offizielles Organ des Verbandes der Kultusangestellten, sondern die Privatangelegenheit einiger Herren, die ihren Ehrgeiz befriedigen wollen. Wir haben die Geschmacklosigkeit dieser Schreiber bisher ignoriert. Nun finden wir in Nr. 10 folgenden Bericht über die Weltkonferenz Poale Zion: „Statt dessen arrangierten die Vertreter der europäischen Ortsgruppen beider Fraktionen die widerlichsten Skandalszenen, um eine Fusion zu verhindern, die so und so viele Führer überflüssig und damit — brotlos macht. Die palästinensischen Pioniere der jiddischen Aufbauarbeit wurden sogar niedergeschrien." Wir halten es für aussichtslos, diesen journalistischen Privatschmock zu belehren, wollen ihn aber hier vor der Oeffentlichkeit annageln. Er versteht von allem und jedem nur das, was in seinen Brotkorb hineingeht" Kommentar überflüssig. „Jüdische Frechheit!" Der Gastwirt Samuel Grüner hat das Kind des Prokuristen Dr. Oskar Fritsch, als die Familie in seinem Gasthause tax Abend aß, gestreichelt worauf es zu einem Wortwechsel kam und Dr. Fritsch dem Restaurateur zurief: „Jüdische Frechheit, schauen Sie, daß Sie verschwinden!" Ja, wer tommerlt denn da? dachte sich Herr Grüner am Tage nach dem Zwischenfall, als Herr Dr. Fritsch, als wenn nichts geschehen sei, wieder im Gasthaus erschien und ein Mittagessen bestellte. Dr. Fritsch wartete, wartete und wenn er nicht schließlich den Kellner gefragt hätte, warum er denn nichts zum Essen bekomme, würde er noch heute warten können, denn der Kellner sagte ihm, daß Herr Grüner verboten habe, dem Herrn Dr. Fritsch zu servieren. Worauf Herr Fritsch erstenseinen Wachmann holte, der ihm aber auch zu keinem Mittagessen verhelfen konnte, und zweitens eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.