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Die Wahrheit · 1925-10-16 · Heft 41 (16.10.1925) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 41 (16.10.1925)
Date
1925-10-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sehe & fME WAHSHElt Nr. 41 Meinungen darüber, ob er seine Rolle gut oder schlecht gespielt, waren geteilt, aber wenn auch der Held fiel, der Narr siegte, denn mit ihm war auch die hakenkreuzlerische Presse freigesprochen worden. Rothstock, der über eine so mangelhafte Kenntnis der Bettauer'schen Literatur verfügt, hätte nur ein Wort sagen müssen und alle Welt, die zwölf Geschworenen nicht ausgenommen, hätte es ihm geglaubt, daß er durch die blutrünstige Hetze hakenkreuzlerischer Blätter zu seiner Tat begeistert worden war. Er hat sich dieses Wort nicht entreißen lassen. In Rothstocks blutbefleckten Händen lag das Verdikt über diese Presse, die unsichtbar neben ihm auf der Anklagebank ihren Platz eingenommen hatte. Der „arme Narr" hat nicht nur sich, sondern auch die geistigen Anstifter des Mordes gerettet. * * * % Die „Reichspost", die sich im Kampfe zwischen angeblicher christlicher Weltanschauung und wahren Sympathien für hakenkreuzlerische Tendenzen windet, begeht die Unvorsichtigkeit, darauf hinzuweisen, daß seinerzeit in Blättern, die ausschließlich jüdische Interessen vertreten, die schärfste Kritik an der literarischen Wirksamkeit Bettauers geübt wurde. Logisch und ehrenhaft wäre es, daraus den Schluß zu ziehen, daß der Kampf gegen die unsittliche Literatur, wo er wirklich aus ethischen Motiven geführt wird, nichts mit der Konfession zu tun habe. Ja, das wäre logisch und ehrenhaft, paßt aber der „Reichspost" nicht in den Kram, die, wohl um die Hakenkreuzler zu schützen, folgert, daß „der Mörder aus keiner einzigen Wiener Zeitung sich eine solche innere Empörung gegen Bettauer aneignen konnte, wie die aus den flammenden jüdischen Protestartikeln". Die „Reichspost" hat mit diesem „Dreh" einen Rekord geschlagen, der nicht zu überbieten ist. Rothstock ist nicht durch die nationalsozialistische Presse und deren mörderische Hetze gegen Bettauer zu seiner Tat getrieben worden, sondern durch die — jüdische Presse, die im Interesse der jüdischen Ehre gegen die Pornographie schrieb! Natürlich, Rothstock war nur ein fanatischer Leser und Verehrer der jüdischen Organe und hat nie seine Hand durch ein hakenkreuzlerisches Blatt beschmutzt. Er hat auch che Adresse Bettauers nicht aus der „Arbeiterpresse", sondern aus dem Mitgliedsverzeichnis der Chewra Kadischa erfahren. * * * Diese Ausführungen waren in der „Reichspost" fast gleichzeitig mit der Rede zu lesen, die der Chefredakteur des Blattes Dr. F u n d e r in einer Versammlung gehalten, die Pläne über die Stärkung der katholischen Presse beriet. Dr. Funder sagte u. a.: „Wir haben einmal Rechenschaft abzulegen vor dem Richterstuhl Gottes und ich möchte einmal sagen können: Wir haben viele Irrtümer gemacht und sind in Fehler verfallen, aber wir haben nach unserer Kraft das uns anvertraute heilige Amt zu erfüllen gesucht." Die „Reichspost" hat in der letzten Zeit in der erstaunlichsten Weise die hakenkreuzlerische Presse verteidigt und unterstützt, deren ganze Tätigkeit im Grunde genommen die blutigste Verhöhnung der Lehren des Evangeliums bedeutet. Wird der Chefredakteur der „Reichspost" dereinst vor dem Richterstuhl Gottes die Vertretung der hakenkreuzlerischen Hetzblätter reuig und zerknirscht unter seinen Irrtümern und Fehlern bekennen, oder wird er den Mut haben, dies als eine Erfüllung seines „heiligen Amtes" hinzustellen? Die Leser der „Reichspost" werden dies allerdings kaum jemals genau erfahren ____ * * * Der Zusammenschluß der K. H. Wolf-Leute und der Nationalsozialisten hat sich also auch offiziell vollzogen; ein Lager umschließt sie von jetzt an. Man kann nicht von einer Mesalliance sprechen, denn die Herrschaften sind wahrhaftig einander würdig; keiner hat dem anderen etwas vorzuwerfen, keiner darf verächtlich auf den anderen herabblicken. Von kleinen Mißhelligkeiten abgesehen, haben sie sich im Grunde genommen, da sie sich immer im Judenhasse fanden, auch früher vorzüglich verstanden. Die „Deutschösterreichische Tageszeitung" hat ja seit langem schon durch Ueberwindung aller kulturellen Hemmnisse und durch energische Mißhandlung der deutschen Sprache den Eindruck hervorgebracht, daß sie kein höheres Ideal kennt, als eine täglich erscheinende „Deutsche Arbeiterpresse''' zu sein. Dieses Ideal zu erreichen, ist ihr gelungen. Wer da glaubte, daß der rohe Ton und die Schamlosigkeit der Streitart Privilegium der Arbeiterpresse sei, miuißte seinen Irrtum erkennen. Die Ritualmord- Presse kennt aber ein gemeinsames Ziel: Die Hetze gegen die Juden und die einzelnen Organe unterscheiden sich auch durch die< Mittel nicht, die sie im Kampfe benützen. Es sind die Entstellung, Lüge und Verleumdung. Warum sollen die getrennt marschieren, die selbst in dem Wunsche, dem Pöbel zum Dreinsehlagen zu animieren; einig waren? Es hat sich also eigentlich durch den Zusammenschluß nichts Wesentliches geändert. Nur daß Herr K. H. Wolf endgültig von der politischen Bildfläche verschwindet. Der Mann, der immer die deutsche Treue im Munde führte, die er im Leben so seltsam verkörperte, hat schließlich auch am eigenen Leib ein Pröbchen gleichgewerteter deutscher Treue erfahren. Er wird nicht bloß zuckersüße Erinnerungen mit ins Privatleben nehmen. * * * Ein merkwürdiger Prozeß ist mit einem merkwürdigen Urteil erledigt worden. Ein Friseur, der gleichzeitig Hausbesitzer ist, hat eine Bewohnerin seines Hauses, deren Mitteilung zufolge er gesagt habe, er werde alle Juden aus seinem Hause hinauswerfen, geklagt, denn er erblickte in dieser ihm fälschlich in den Mund gelegten Aeußerung eine Schädigung seines Geschäftes und den Vorwurf einer antisemitischen, also unehrenhaften Gesinnung. Vor ein paar Dezennien waren solche Anklagen in Wien keine Seltenheit, denn es war die Zeit, in der Lueger selbst es als die peinlichste Beschimpfung erachtet hätte, ein Antisemit genannt zu werden, in der er sogar die Antisemiten mit Titeln belegte, die schwer wiederzugeben sind. Auch heute begreift man es leicht, daß ein Friseur, der viele Juden zu Kunden hat, aus geschäftlichen Gründen in einer solchen ihm imputierten Aeußerung ein Haar fände, aber viele staunen, daß er den Mut hatte, in der ihm unterschobenen Aeußerung den Vorwurf einer unehrenhaften Gesinnung zu erblicken. Auch der Richter gehörte zu diesen vielen. Und nicht mit Unrecht, denn er konnte — leider — darauf hinweisen, daß es auch

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