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Die Wahrheit · 1925-10-16 · Heft 41 (16.10.1925) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 41 (16.10.1925)
Date
1925-10-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr.il DIE WAHRHEIT Seite 6 Zeitschrift „Der Ritter der Unbefleckten" unter dem Titel „Die Beichte eines Rabbiners", der sich am 17. März 1712 getauft und unter Eid ausgesagt habe, daß er selbst als Rabbiner eigenhändig christlichen Kindern Blut entnahm, um damit verschiedene religiöse Zeremonien nicht nur während der Passahfeiertage, sondern auch in anderen Jahreszeiten auszuüben. Die Tendenz dieses Pamphlets, das das alte Blutmärchen in einer stärkeren Form erneuert, ist klar. Daß die polnische Justiz dagegen nichts tut und solche Lügenmärchen „mit Erlaubnis der kirchlichen Macht" verbreiten läßt, charakterisiert deutlich den Wert der „Verständigung". Und nun liegt vor uns der Entwurf des neuen Handwerkergesetzes, das jetzt im polnischen Sejm eingebracht wird und das so offenkundig gegen die Juden spricht,, daß man unbedingt dagegen Stellung nehmen muß. Der Gesetzentwurf sieht Zunftorganisationen vor und ordnet an, daß sich jeder selbständige Handwerker neuerdings einer Prüfung auf seine Eignung unterziehen müsse. Die Prüfungskommission — heißt es im Gesetz — kann nur aus solchen Genossenschaftsmitgliedern bestehen, die der polnischen Sprache in Wort und Schrift mächtig sind. Da aber die jüdischen Handwerker in Polen, aus den früheren russischen oder deutschen Gebieten, niemals Gelegenheit hatten, die polnische Sprache zu erlernen, so bedeutet dies, daß Juden niemals in diese Prüfungskommissionen gewählt werden können. Wie eine Prüfung vor waschechten Polen ausfallen wird, darüber kann kein Zweifel bestehen. Die so „Durchgefallenen" verlieren den „Meistertitel" und es steht ihnen auch nicht das Recht zu, Lehrlinge auszubilden. Was dann mit den jüdischen Lehrlingen dieser „abgebauten" Meister zu geschehen hat, auch darüber kann man sich leicht einen Begriff machen. Das neue Handwerkgesetz enthält noch außerdem, wenn auch nicht direkt, eine ganze Reihe von Härten gegenüber den jüdischen Handwerkern, und die jüdischen Deputaten des polnischen Sejm werden alle Hebel in Bewegung setzen müssen, damit dieser Entwurf nicht zum Gesetz erhoben wird. Charakteristisch ist es jedenfalls, daß dieser Entwurf knapp nach der abgeschlossenen Verständigung zwischen den Juden und den Polen eingebracht wirdl, rad er beweist deutlich, dlaß es den Polen gar nicht so ernst mit dieser Abmachung ist. Ein Anschlag gegen jüdische Gewerbetreibende, Wir erhielten zu dem unter diesem Titel in der vorletzten Nummer erschienenen Artikel folgende Zuschrift, die wir zunächst ohne Stellungnahme unserseits, die wir uns vorbehalten, zum Abdruck bringen: Herrn Redakteur Oskar Hirschfeld, Verantwortl. Schriftleiter der „Wahrheit". Sehr geehrter Herr Redakteur! In der Nummer vom 2. Oktober 1. J. Ihres geschätzten Blattes erschien ein Artikel unter der Ueberschrift »Anschlag gegen 300 jüdische Gewerbetreibende", welcher teilweise auf unrichtigen Informationen basieren dürfte, und erlaube ich mir, hierauf folgendes zu erwidern: Die in Rede stehende Aktion des „Unpolitischen Verbandes der Lebensmittelhändler Wiens" richtet sich wedeT allein gegen die Koschergeschäfte, noch gegen 300 jüdische Gewerbetreibende, sondern nur gegen jene Betriebe, welche ihre Gastgewerbe- (Auskocherei-)Konzession dazu benützen, um, trotzdem sie Selchwarenhändler sind, Lebensmittel wie Butter, Käse, Weine, Liköre, Obst, usw. nebst Wurst- und Selchwaren nach der gesetzlichen Sperrstunde der Lebensmittelhändler an Sonntagen und Wochentagen abends zu verkaufen, oder jene, die die Bestimmungen für den Verkauf über die Gasse kraß übertreten. So wie sich diese Geschäftsleute wehren würden, wenn wir unbefugt Getränke ausschenken und gekochte Speisen verabfolgen möchten, ist es Sache unseres Verbandes, gegen diese unlautere Konkurrenz den geschädigten Kollegen gesetzlichen Schutz zu sichern. Nachweisbar kommen vorwiegend im zweiten Bezirke (Höchstzahl) 16, in den übrigen Bezirken nur einzelne Geschäfte in Betracht (einschließlich der nichtjüdischen Betriebsstätten), welche der Aenderung des bisher geduldeten Systems den schärfsten Widerstand entgegenzusetzen und demzufolge gezwungen werden müssen, ihre Geschäfte im lähmen des Gesetzes zu betreiben. Die wenigsten dieser Betriebe dienen zur Versorgung von Studenten, Arbeitern und Angestellten mit billigen Speisen, was schon daraus hervorgeht, daß die meisten der evident geführten Geschäfte keine Küche unterhalten oder die äußere Aufmachung auf Volksspeisestätten gerade nicht hinweist. Richtig ist, daß seitens unseres Verbandes eine Aussprache mit Herrn T o n e 11 o für seine Gruppe stattgefunden hat, um die strittigen Fragen auf gütlichem Wege zu lösen, jedoch trotz des guten Willens des Herrn Tonello infolge Widerstandes und Fortsetzung der Uebertretungen seiner Mandanten eine Verhandlungsbasis nicht gefunden werden konnte, da der genannte Unterhändler nicht die Haftung dafür übernehmen konnte, daß nicht schon am nächsten Tage die Vereinbarungen durchbrochen würden. Wir sind keine Freunde von Erwerbseinschränkungen; wer aber die Vorteile einer Konzession für sich in Anspruch nehmen darf, wird sicher darin nicht behindert, wenn er nicht in die Gewerbsbefugnisse des anderen, der auch ein Recht zu leben hat, eingreift Ich persönlich betätige mich nicht politisch, am allerwenigsten in der mir angedichteten Art, ebenso Herr Guido H a b 1 e r, welcher wie ich das unpolitische Prinzip im Rahmen unserer Verbandstätigkeit zum wirtschaftlichen Schutz unseres Standes hochhält. Außer den erwähnten Abweichungen muß ich Ihrem Berichte große Objektivität zubilligen, welche Unparteilichkeit ich auch ferner von den kompetenten Stellen voraussetze, um dem bestehenden Gesetze Geltung zu verschaffen. Indem ich um geeignete Kenntnisnahme ersuche, zeichne ich hochachtungsvoll Leo Sternberg, Spezerei- und Delikatessenhandlung. Glossen. Die Wiener antisemitischen Blätter sind glücklich, den Mörder Rothstock ihren Lesern als einen Wahnsinnigen vorstellen zu dürfen. Es sind dieselben Blätter, die jubelnd denselben Rothstock denselben Lesern nach VerÜbung seiner grauenhaften Tat als den idealen Vertreter christlich-germanischer Sittlichkeit, als kühnen, verehrungswürdigen Helden vorgeführt hatten. Ahnen diese Blätter wirklich nicht, daß sie sich durch diesen Frontwechsel eigentlich selbst ins Gesicht schlagen und zugleich bekennen, seinerzeit ihre Leser zum — Narren gehalten zu haben? Ach, die antisemitischen Blätter wissen ganz gut, was sie tun, sie können auch nur mühsam die Zeichen tiefster Beschämung verhüllen, aber sie können sich nicht anders helfen. Sie mußten Gott danken, daß Rothstock im Gerichtssaal so gescheit war, den Narren zu spielen, der sogar davor nicht zurückschreckte, mit seinen Visionen sich als den Fortsetzer des Werkes Jesu Christi zu gebärden. Die

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