Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 41 (16.10.1925)
- Date
- 1925-10-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 41 Trebitsch-Lincoln annahm, mußte -eiligst Fersengeld geben und schiffte sich nach dem Oldcountry ein. Dieses Kapitel seines farbenreichen Lebens begann damit, daß Ignace Lincoln nunmehr im Kleid eines anglikanischen Priesters in England ans Festland trat, wo er sich, als rede- und schriftgewandter Mann, binnen kurzem beim Erzbischof von Canterbury derart beliebt machte, daß dieser ihm die Wege ins politische Leben ebnete. Von nun an begann der „schwindelhafte" Aufstieg des Pakser Lehrersohnes. Bei den Wahlen von 1912 wurde der Pfarrer der Highchurch von einem Londoner Bezirk mit liberalem Programm ins Unterhaus gewählt und jedermann betrachtete diesen Erfolg - nur als ein Sprungbrett zu viel, viel Höherem: es. brauchte kein besonderer Glücksfall zu kommen, daß aus dem Pakser Judenjungen ein hoher Funktionär der englischen Staatskirche werde, ja daß er solcherart gar unter die Peers des englischen Weltreichs gelange. Doch da kam das unerbittliche Schicksal. Als Abgeordneter verübte er einige großangelegte Schwindeleien, so daß die Londoner Polizei aufmerksam auf ihn wurde und jeden seiner Schritte beobachtete. Trebitsch-Lincoln faßte Verdacht Es brach gerade der Weltkrieg aus. Um unangenehmen Nachforschungen zu entgehen und seine bisherigen Spuren zu verwischen, meldete sich der right reverend Ignace freiwillig zur Frontarmee, wo er als Feldprediger bei den Truppen an der Front Dienst leistete. Außerdem befaßte er sich als Hauptbeschäftigung mit einer ausgedehnten Spionagetätigkeit, der wieder die Militärpolizei auf die Spur kam. Ignace roch Lunte und flüchtete noch im Jahre 1916 nach Amerika, wo seine Vergangenheit im Kriegsrummel vergessen wurde; auch konnte niemand bei diesem eifrigen Interventionspropagandisten ein dunkles Vorleben voraussetzen. Hier begann er nun wieder als biederer Kaufmann sein Schicksal neu aufzubauen. Einige mißlungene Wechselfälschungen lieferten ihn nun der Gerechtigkeit in die Arme, und als er seine Strafe hierfür abbüßte, wurde er an England ausgeliefert, das mit dem vormaligen right honourable Mitglied des Unterhauses wegen seiner Spionageaffären noch ein Hühnchen zu pflücken hatte. Er wurde verurteilt und nach Abbüßung seiner Strafe als lästiger Fremder abgeschoben. Nun kam Trebitsch erst in die richtige Form. Die Länder und Weltteile englischer Zunge wurden ihm schon zu heiß; deshalb verlegte er sein Wirkungs gebiet in das von revolutionären Unruhen gepeinigte Deutschland, wo er bald wieder hochzukommen gedachte. Er nahm hier mit den Reaktionären Fühlung und w'ard bald ein Vertrauter der Hakenkreuzler. Er wurde durch sie mit der Leitung der Preßpropaganda betraut, und als es zum Kapp-Putsch kam, ward er der Pressechef der kurzlebigen konterrevolutionären Regierung. Nach dem Niederbruch des Putsches floh er mit -den militärischen Führern dieses Unternehmens, mit dem bekannten Oberst a. D. Bauer und dem Hauptmann a. D. Papst, nach Süddeutschland. Trebitsch ward hier der führende Geist der rassenschützlerischen Bewegung. Er fand bald Mittel und Wege, Konfidentenberichte und Dossiers über die Pläne der deutschen Monarchisten an das tschechische Außenministerium zu verkaufen. Es tut wenig zur Sache, daß diese Berichte und Dokumente — sich bald als gefälscht erwiesen. Oberst Bauer, gegen den übrigens, ebenso wie gegen Trebitsch, ein Haftbefehl erlassen war und deren Vermögen auch unter gerichtliche Sperre gesetzt wurde, trachtete, sich des ungelegenen Waffengenossen zu entledigen und entsandte ihn mit einem Begleitschreiben nach Ungarn, zu einem der bekannten Anführer der Rassenschützler. Trebitsch kam nach Budapest, fand aber das Milieu nicht sehr geeignet für seine weiteren Pläne. Rasch verschwand er aus Ungarn, ja auch aus Europa. Eines, schönen Tages brachte die Weltpresse die überraschende Nachricht, an der Seite des Diktators der Mandschurei, des Generals Wu-Pei-Fu, befinde sich ein europäischer Ratgeber im Mandarinsrang. Der chinesische Mandarin war niemand anders als Trebitsch-Lincoln. Aber es hielt ihn auch da nicht lange. In einer Serie von fünf Artikeln, die er für eine horrende Summe dem amerikanischen Hearst-Konzern verkaufte, enthüllte er die tiefsten Beweggründe der aktuellen chinesischen Lage; weshalb er natürlich wieder schleunigst seines Mandaransranges entsagen mußte. Er kam wieder nach Berlin zurück, da er glaubte, daß er nicht erkannt werden würde. Die Polizei kam ihm doch auf die Spur. Er wurde in einer Privatwohnung ausgeforscht und die Polizeileute wollten ihn verhaften. Er stellte sich ihnen natürlich sogleich zur Verfügung, wollte nur vorher im anliegenden Zimmer Toilette machen und Kleinigkeiten in seine Aktentasche einpacken. Als er nach Verlauf einer Viertelstunde noch immer nicht zum Vorschein kam, öffnete man die Tür nach dem Nachbarzimmer — es war leer. Dafür erklang in diesem Moment das Telephon, und die Stimme Trebitsch' bat tausendmal um Verzeihung, daß er sich veranlaßt sah, frühzeitig und ohne Abschied zu verschwinden; doch werde man Verständnis seiner Zwangslage entgegenbringen ... Die neuesten Nachrichten über den Mann sind zwei Dokumente. Das eine lautet wie folgt: „Der Gerichtshof zum Schutz der deutschen Republik hat in nichtöffentlicher Sitzung vom 23. August beschlossen, das Verfahren gegen den Tagesschriftsteller Ignaz Trebitsch- Lincoln, den Hauptmann a. D. Papst und den Oberst a. D. Bauer auf Grund des § 3 des Reichsgesetzes über Straffreiheit vom 17. August dieses Jahres einzustellen. Die Haftbefehle werden aufgehoben, ebenso die Beschlagnahme der Vermögen aller drei Angeschuldigten." Das andere Dokument ist eine Kurrende in den jugoslawischen Tagesblättern, worin die Personsbeschreibung des ehemaligen anglikanischen Seelsorgers Ignace Trebitsch alias Trebitsch-Lincoln auf Aufforderung der englischen Behörden veröffentlicht und jedermann, der etwas vom Aufenthalt dieses Mannes weiß, aufgefordert wird, es den jugoslawischen Behörden zu melden, da es nicht ausgeschlossen erscheint, daß er sich auf jugoslawischem Boden aufhält Nach dem bisherigen Lebenslauf des kühnen Abenteurers dürfte die Welt noch manches Interessante über den Lehrersohn von Paks erfahren- Nach der polnisch-jüdischen Verständigung. Von Sigmund Haber. Vorbemerkung der Redaktion: Wir bringen zu diesem wichtigen Problem, das vor kurzem in der Aufsatzreihe „Die gegenwärtige Lage der Juden in Polen" ausführlich behandelt wurde, die nachstehende sachkundige Aeußerung eines gelegentlichen Mitarbeiters des „Frankfurter Wochenblattes". Als vor einigen Wochen ein Jubelruf durch die polnisch - jüdische Presse erschallte, die Erlösung für unsere polnischen Brüder wäre durch die polnisch-jüdische Verständigung gekommen, bat ich dlie Wiener potescihe Gesandtschaft um nähere Mitteilungen über den Inhalt dieses wichtigen Uebereinkommens. Die polnische Gesandtschaft leugnete entschieden jedweden Inhalt dieses Uebereinkommens ab und ließ auch durch die offiziöse Korrespondenz „Polnische Nachrichten" unter Berufung auf meine Anfrage dieses Dementi in der Wiener Presse verbreiten. Jetzt werden die ersten Resultate der Verständigung bekannt, «die deutlich1 erkennen lassen, in polnischen Kreisen herrsche die Auffassung, daß die polnisch-jüdische Verständigung nur eine Farce sei, die nicht ernst zu nehmen ist, oder wie sie der polnische Politiker, der gewesene Abgeordnete Breiter, nannte: „Ein Manöver vor der Abreise des polnischen Außenministers Skrzynski nach Amerika." Denn was gegenwärtig, nach der Verständigung, geschieht, sieht keinesfalls so aus, als ob die herrschende antisemitische Tendenz in Polen irgend eine Aenderung erfahren hätte. Die antisemitische Presse in Polen setzt ihr Kesseltreiben gegen die Juden weiter fort und ein Pamphlet, das gegenwärtig unter der polnischen Jugend verbreitet wird und das viele polnische Zeitungen nachdrucken, ohne daß die Staatsanwaltschaft dagegen! eingeschritten wäre, setzt dien antisemitischen Erzeugnissen die Krone auf. Das Pamphlet erschien „mit der Erlaubnis der kirchlichen Macht" im Verlage der katholischen