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Die Wahrheit · 1925-10-16 · Heft 41 (16.10.1925) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 41 (16.10.1925)
Date
1925-10-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 41 DIE WAHRHEIT Seite 3 pelbesuchern gehöre, befindet sich! in einem erheblichen Irrtume. Von orthodoxer Seite hat man das den Auswanderern sehr verdacht. Unser Wille zu helfen kann diesen bittere seelische Not leidenden Juden gegenüber dadurch nicht beeinträchtigt werden. Wir kennen die Ungerechtigkeit gedankenloser Verallgemeinerung; wir hatten dagegen zu kämpfen, daß man jeden von uns mit denen auf eine Stufe stellt, die noch immer, und vielleicht noch immer ohne wirkliche Straftaten, Gerichte und Staatsanwaltschaften beschäftigen. Man wird es verstehen können, wie diese russischen Juden hier, die so gar nichts Kapitalistisches an sich haben, die fast durchwegs nichtjüdische russische Kleinbürger ihrem Aussehen und ihrem Wesen nach sein könnten, unter all diesen Sensationsaffären um Kutisker, Barmat usw. gelitten haben. Sie können fühlen und denken, so gut, und vielleicht noch besser als wir. Bei alledem trifft niemand ein Vorwurf, daß es so gekommen ist; nicht die deutschen Behörden und auch nicht die deutschen Vertreter des Landes, das durch1 seine rigorosen plötzlich und unerwartet in Kraft gesetzten Bestimmungen vielleicht der einzig Schuldige an dieser Katastrophe ist. Die jüdischen Organisationen haben sich der Bremer Emigranten angenommen und im Kleinen manches gebessert. Herr Bernstein besichtigte kürzlich auf seiner Europareise das traurige Lager in dieser schönen nordwestdeutschen Stadt. Am Wesentlichen, an der Fortschaffung dieser Leute auf gesetzlichem Wege — und nur dies kommt in Frage — nach Nordamerika, konnten sie alle nichts ändern. Gesetzesparagraphen sind eben stärker als Satzungsartikel : selbst der. menschenfreundlichsten Organisationen. Immerhin: es wird so viel in unseren Kreisen von Wohltätigkeit gesprochen. Die zuständigen Organisationen, unter ihnen auch die vorerwähnte Bremer heutigen Tag besitzt. Umsomehr mußte der lebende Mensch in dieses Gesetz vom Ebenbilde Gottes inbegriffen sein. Darum wa£ das jüdische Gesetz bei den Körperstrafen, die Verbrecher erleiden mußten, human und gestattet nur weniger als vierzig Geißelschläge, verbietet unmenschliche Züchtigung oder Tortur, damit „dein Bruder nicht vor deinen Augen verächtlich werde", und bestimmt die mündliche Ueberlieferung, daß zur Züchtigung nur eine aus Leder gefertigte Geißel verwendet werden darf. Selbst der Gefangene, der Sklave, ja auch* der Bettler hat Anspruch, daß seine Menschenwürde geachtet werde. „Jeder Bürger hat als Mensch nur als Teilnehmer an der Gesellschaft einen Wert. Die Anerkennung desselben kann er als Zwangspflicht von den Uebrigen verlangen, d. h. er hat ein Recht auf Ehre", so schreibt das mosaisch-talmudische Polizeirecht vor. Das Prinzip von Kebod habrios, der Menschenwürde, wurde so wichtig gehalten, daß Verbote der Thora vor ihm zurückstehen mußten. Bis in das gesellschaftliche und persönliche Betragen jedes einzelnen reicht seine Wirkung. Sehr bezeichnend ist eine agardische Deutung. Für den Altar und die Priester galt die Bestimmung (Ex. 20, 23): „Du sollst nicht auf Stufen zu meinem Altare steigen, damit deine Blöße nicht über ihnen aufgedeckt werde." Wenn Gott der Herr schon für die fühllosen Steine, so wird gefolgert, geringschätzige, verächtliche Art zu unterlassen fordert, um wie viel mehr gilt dies gegenüber deinem Nebenmenschen, der im Ebenbilde Gottes erschaffen ist. Der Mensch trägt seines Schöpfers Bild in sich und an sich. Niemand braucht darüber zu streiten und sich sein Hirn zu zermartern, wie die Gleichheit von Schöpfer und Geschöpf zu verstehen und zu begreifen ist. Er trachte lieber, darin eine Forderung an sich selbst zu sehen, die er gegen sich und andere zu erfüllen hat. „Im Ebenbilde Gottes" Ist der Adelstitel des staubgeborenen Menschen, aber noblesse oblige — Adel verpflichtet! K. Ortsgruppe des Hilfsvereines der deutschen Juden und dieser selbst wären sicher nicht böse, wenn sie in der Praxis etwas mehr davon merken würden. Außerdem täten wir deutschen Juden uns damit auch noch selbst einen Gefallen, der sogar in diesen kapitalschweren Zeiten Opfer rechtfertigt. Noch über zwei Jahre dauert es voraussichtlich, bis der letzte der jüdischen Emigranten in Bremen das Ziel seiner Sehnsucht und Hoffnung erreicht hat. Wir wünschen •s ihnen nach ihrer langen Heimatlosigkeit von Herzen, daß sie dort finden mögen, was sie suchen. Dann aber möge nicht nur der Gruß der sie im Hafen Erwartenden, sondern auch ihre weitere Entwicklung lauten: „Scholem alechem." Der Renegat. Wir haben uns in einer der letzten Nummern unseres Blattes mit Hans H e r z 1, dem getauften Sohne Theodor Herzls beschäftigt und wollen nunmehr die Biographie eines zweiten Renegaten, des Hakenkreuzlerspitzels Ignaz Trebitsch- Lincoln, die wir dem „Pester Lloyd" entnehmen, unseren Lesern zur Kenntnis bringen als neuen Beweis für die Richtigkeit dessen, was wir über „Renegatentum" gesagt haben. Ein einfacher, braver Lehrer in Paks bekam zu Anfang der Achtzigerjahre zwei Söhne, die beide so ziemlich aus der ruhigen Art ihres Vaters schlugen und einem bewegten, manchmal abenteuerlichen Leben entgegeneilten. Der eine der Jünglinge, der im Jahre 1882 geborene Ludwig Tarczai, ward schon als Universitätshörer einer der Führer der ungarischen Arbeiterbewegung und übernahm mit 22 Jahren die Redaktion der Zeitschrift „Vilagossag". Seine ursprünglich rein sozialistische Auffassung verschob sich immer mehr dem Anarchismus zu, und als unter Einfluß des ideellen Anarchisten und Beamten im ungarischen Justizministerium, des bekannten Philosophen Eugen Schmitt und des Graben Erwin Batthyany sich eine ungarische Gruppe Edelanarchisten bildete, schloß sich Tarczai dieser an und ward bald Lehrer an der durch den Grafen begründeten „unabhängigen" Schule von Bögöte. Die Schule war von kurzer Lebensdauer. Der Graf mußte auf Intervention seiner Standesgenossen nach London übersiedeln, die Schule ward behördlich geschlossen und Tarczai schiffte sich im Jahre 1912 nach New York ein, wo er seither an der Redaktion sozialistischer Blätter in ungarischer Sprache teilnimmt. Diese eigenartige, mit dem kuriosen Intermezzo eines ungarischen Anarchistenmagnaten verquickte Laufbahn des Pakser Lehrersohnes muß aber als ganz simpel und gradlinig im Vergleich mit jener seines jüngeren Bruders angesprochen werden. Dieser ist der im Jahre 1884 geborene Ignaz Trebitsch, bekannter unter dem internationalen Klang besitzenden Namen Trebitsch-Lincoln. Dieser Mann durchlief bisher die abenteuerlichste Karriere der letzten Jahrzehnte. Lange vor seinem Bruder, bald nachdem er sein zwangigstes Lebensjahr überschritten, landete der Jüngling in Amerika, wo er die gewöhnliche Stufenleiter der Auswanderer — Schuhputzer, Kellner, Kamelott usw. — bald und rasch erklommen hatte und binnen wenigen Jahren schon als reicher Mann galt. Da ihn seine Religion am weiteren gesellschaftlichen Aufstieg im „demokratischen Amerika" verhinderte, fand er es für geeignet, sein Glaubenbekenntnis zu ändern und ging unter die Quäker. Ais solcher wußte er sich dann schon Eingang in die vornehmsten Kreise zu verschaffen und erreichte den Ruf eines steinreichen Mannes. Doch genügte dies dem ambitiösen jungen Manne nicht; er trachtete nach Rang und Ansehen, was in Amerika der Reichtum allein doch nicht bietet. Er ließ sich deshalb zum protestantischen Seelsorger ordinieren und wurde einer der beliebtesten Prediger von New York, um dessen Gesellschaft sich die elegante Welt, besonders das schwächere Geschlecht, eifrig bewarb. Es kam zu einigen Skandalgeschichten, und Ignaz Trebitsch, der inzwischen unter dem Vorwand, er stamme mütterlicherseits vom berühmten Präsidenten Lincoln ab, den Doppelnamen

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