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Die Wahrheit · 1925-10-16 · Heft 41 (16.10.1925) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 41 (16.10.1925)
Date
1925-10-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2__DIE WAHRHEIT__Nr. 41 ------.-9--= zutrifft Von einem;,Heim" kann kaum die Rede sein. Ein großes Familienzimmer enthält zum Teil übereinander Betten für sieben Familien (!) von insgesamt 33 Personen jeden Alters und Geschlechts. Die unverheirateten Auswanderer sind nach Geschlechtern getrennt, aber sonst gemeinsam untergebracht. Ueber mangelnde Badegelegenheit wird geklagt. Kleiderschränke, selbst in der primitiven Art der Industrie- und Müitärbarackenschränke sind nicht vorhanden. Eine Küche für alle, in der zugleich auch die Waschgelegenheit untergebracht ist, mag zwar den gesetzlichen Vorschriften genügen, schön ist sie jedenfalls nicht. Vergleicht man den Preis, der für diese primitive Unterkunft gezahlt werden muß mit den dafür gebotenen Leistungen, so kann zunächst das Kopfschütteln nicht ausbleiben. Wenn trotzdem immer wieder stillgeschwiegen wird, wenn auch die mit diesen Angelegenheiten befaßten jüdischen Organisationen stillschweigend darüber hinweggegangen sind, so liegt das in der Hauptsache daran, daß die Preise vielfach nur nominell sind und die Schiffahrtsgesellschaft tatsächlich nicht weiß, ob sie ihr Geld je erhalten wird. Jeder Auswanderer muß sich zwar zur Anerkennung seiner Schuld verpflichten; bezahlen aber können sie viele jedenfalls vorläufig nicht und die Schuldenlast wächst von Tag zu Tag. Vielen wäre geholfen, würden diese Opfer der Paragraphen wenigstens nicht noch von weiteren Paragraphen gequält. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika lassen nur vier von den Bremer jüdischen Emigranten monatlich herüber. Weshalb ist es nicht möglich, zunächst die zu bevorzugen, die ihre nächsten Angehörigen drüben haben und deren Geldmittel völlig erschöpft sind? Das Konsulat von Ü. S. A. in Bremen verhält sich sehr entgegenkommend, seine Instruktionen und die Gesetze seines Landes darf es aber nicht überschreiten. Die Num- « mer auf dem Visum entscheidet die unverschuldete Notlage — und alle, die hier liegen sind unschuldig an ihrer Notlage — ist den Paragraphen gleichgültig. „Fiat justitia, pereat mundus!" Also muß man sich im Lager so gut behelfe«, wie es geht. Arbeit dürfen nur wenige annehmen. Junge Männer sind gezwungen zu faulenzen. Hätte man wenigstens mehr Bücher zum Lesen, Und so sei auch an dieser Stelle die leichterfüllbare Bitte ausgesprochen, den Emigranten hebräische, jiddische und russische Schriften, besonders Unterhaltungslektüre zu übermitteln. Seht einsmal eure Bücherschränke durch und ihr findet genug solcher Bücher, die bei euch nutzlos herumliegen. Der Hilfsverein der deutschen Juden in Bremen (per Adresse B. Galatzer, Bremen, Brahmsstraße 2) hat es gern übernommen, die Verteilung solcher Spenden in die Hand zu nehmen! Auch Spiele, Kleidungsstücke usw. sind willkommen. Aber die Kleidung muß schon so sein, daß sie auch noch getragen werden kann. Die Kinder erhalten von einem besonders dazu von der Behörde angestellten Lehrer, der es außerordentlich schnell verstand, ihre kleinen Herzen zu gewinnen, deutschen Volksschulunterricht, der nur darunter leidet, daß die Altersunterschiede nicht immer so berücksichtigt werden können, wie es wünschenswert wäre. Von den guten Fortschritten der meist recht intelligenten Kinder überzeugt sich der Besucher mit freudiger Anerkennung. Den jüdischen Religionsunterricht erteilen Rabbiner und Lehrer der jüdischen Gemeinde zu Bremen. Interessant ist es, daß die Eltern selbst betonen, wie wenig jüdisches Wissen ihre Kinder besitzen, und daß die deutschen Juden in dieser Beziehung (wie übrigens auch in manch einer anderen) sie oft falsch einsphätzen. Wer nämlich glaubt, daß jeder in diesen „heiligen Hallen" Raschi lesen könne und' zu den regelmäßigen Tem- Im Ebenbilde Gottes. Gott schuf den Menseben in seinem Ebenbilde, im Eb e nbilde Gottes schuf er ihn. I. 1. 27. Es ist keine leichte Aufgabe, die Frage zu beantworten, welches Wort in der Schöpfungsgeschichte als das folgenschwerste bezeichnet werden kann. Dieses Stück Urgeschichte der Menschheit berührt alle Fragen, die Denker und Philosophen beschäftigen. Je gelehrter und belesener einer ist, desto weitere Blicke in die Wissenschaft der Jahrhunderte tun sich ihm fast bei jedem Worte der ersten Kapitel unserer Thora auf. Beinahe unmöglich ist es, alles zusammenzustellen, -was im Laufe der Zeiten über diese wenigen Seiten des Gottes- Ibuches geschrieben worden ist Geistvolles und Törichtes, Gläubiges und Ketzerisches, Wissenschaft und Dichtung, Mysterien und sachlichster Realismus wechseln in buntester "Reihe. Vielleicht hat Ben Asai den glücklichsten Griff getan, als er sagte: ,J3as ist das Buch der Geschichte des Menschen . . „im Ebenbüde Gottes schuf er ihn" — diese Stelle ist ein Fundamentalsatz der GotteslehTe, damit niemand sage, weil Tnir Geringschätzung zuteil ward, treffe sie auch meinen Nebenmenschen, weil mir Fluch galt, sei auch mein Genosse verflucht". R. Tamhuma fügte diesen Worten hinzu: „Tätest du also, bedenke, wen du eigentlich verachtest — im Ebenbilde Gottes schuf er ihn". Die beiden Talmudlehrer haben in edlerem, höheren Sinne gesprochen, als jener große Dichter, der sagte: „Gott schuf ihn, so laßt ihn für einen Menschen gelten." Seit sich die Menschen dem Gottesbuche nicht mehr verschlossen haben, ist das Wort von dem „im Ebenbilde Gottes erschaffenen Menschen" ein unantastbares Postulat der Menschenwürde geworden und bedeutet eine Aufklärung, vvie sie größer kaum jemals der Menschheit gegeben wurde. Allem, was Menschenantlitz trägt, muß ohne Rücksicht auf Stelluag oder Geburt, Rasse oder Glauben, Armut oder Reichtum, Begabung oder geistigen Tiefstand, im Leben wie im Tode das Recht der Menschenwürde gewahrt werden. Es hat freillck lange, gedauert, bis sich diese Erkenntnis allgemein durchgesetzt hat und vielleicht ist es verfrüht, den Ausdruck „durchgesetzt" zu gebrauchen — aber das Judentum hat für seinen Teü^ seit jeher eine führende Stellung in der Frage, was Menschenwürde für jeden Menschen gebietet, eingenommen. Man denke nur an die Vorschrift (Deut 21, 23) über den Gehängten, den man nicht über Nacht am Galgen hängen lasse» durfte, sondern noch am Tage der Hinrichtung begraben mußte. Moderne, nicht jüdische Erklärer haben für diese Vorschrift nur die Erklärung übrig, daß der Gehängte als ein Gegenstand des göttlichen Zornes möglichst bald zu entferne« ist Die jüdische Schräfterklärung hat auf Grund des Talmud eine ethisch ungleich höher zu bewertende Begründung dem Gebote gegeben. Dadurch, daß der Leichnam am Galgen belassen wird, wird dem toten Menschen eine schmähliche Behandlung zuteil, die gleichzeitig eine Erniedrigung Gottes ist, in dessen Ebenbilde der Mensch erschaffen ist Ein Gleichnis macht dies volkstümlich. Von Zwillingsbrüdern, die einander auffallend ähnlich sind, ist der eine ein König, der andere ei« Räuber, dieser wird ergriffen und gehängt. Wer ihn sieht, wird sagen: „dort hängt der König!" Die Menschenwürde muß selbst dem Toten gewahrt bleiben. Darauf basiert die vorbildliche Behandlung, die das Judentum für die Toten fordert, und die uneingeschränkte Anerkennung, dfe sie bis auf de«

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