Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 41 (16.10.1925)
- Date
- 1925-10-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064060--14042-3081579- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT Österreichische Wochensdiriff für (ttdisdie Interessen NU dem Beiblatt: Veröffentlichungen der „Union deatschüsterreldUsdier Juden" Redaktion und Administration: Wien H., mtetaft*B9tfratt« *3- - Fernruf 42-2-16 XU. Jahrgang Wien, 16. Oktober 1925 Nummer 41 Opfer der Paragraphen. Ein Blick in das jüdische Emigrantenlager zu Bremen. Von Frank Frei. Vor zwei Jahren wanderten sie aus, verkauften ihre teilweise nicht einmal geringe Habe, verließen ihre russische Heimat und wollten nach Amerika. Es ist nicht wahr, wenn immer wieder behauptet wird, der Jude liebe seine Heimat nicht. Aber man denke einmal ohne Voreingenommenheit zurück. In Rußland wußte damals niemand, woran er war. Saß der Zar nicht mehr auf dem Herrscherthrone, so stand doch noch keineswegs fest, wie sich die Zukunft der Religionsanhänger überhaupt und der Juden im besonderen gestalten würde. Eine Hungersnot, die unzählige Opfer forderte, quälte die Menschen zu Tode. Mit dem leidgewohnten Gesicht der russischen Kleinbürgerin erzählt eine unserer Glaubensgenossinnen im Lager, wie ihre drei Kinder innerhalb einer Woche im Kiewer Gebiet verhungert sind. Und doch: durch alle ihre Reden klingt immer wieder hindurch, wie schwer es ihnen wird, die Heimat zu verlassen. Nun wollen sie nach Amerika und kommen nicht herüber. Eine unendliche Tragik liegt in diesem Warten, das nun, trotzdem alle ihre Papiere in Ordnung und die Schiffskarten in ihrem Besitze sind, schon zwei Jahre andauert und manche noch einmal so lange im Emigrantenlager festhalten wird. Familien sind auseinandergerissen worden. Eine Frau mit drei prachtvollen Kindern erzählt, daß sie nun 12 Jahre von ihrem Mann getrennt lebe, der alles, was er in Amerika als Schuhmacher verdient, seiner Frau und seinen drei Kindern schickt. Aber auch in den Familien, die das Schicksal zusammengelassen hat, sieht es übel aus. Nie allein, Jahre lang nie allein, ohne eigenes Heim, ohne Freiheit der Betätigung, kann von Familen- und Eheleben kaum die Rede sein. Weshalb sie nicht lieber nach Rußland zurückgehen, wird immer wieder gefragt. Einige sind in ihre alte Heimat zurückgekehrt. Andere würden es vielleicht tun, hätten sie die Möglichkeit dazu, ihre alte Tätigkeit wieder aufzunehmen. Das ist in den meisten Fällen nicht möglich und Geldmittel sind nicht mehr vorhanden. Auch der Versuch, diese Auswanderer nach anderen Ländern zu bringen, ist nicht geglückt. Besonders Palästina ist nicht das Ziel ihrer Sehnsucht. In Amerika haben sie Verwandte, die ihnen beim Aufbau ihrer Existenz behilflich sein werden — und schließlich hat ja jeder Mensch ein Recht darauf, seine wirtschaftliche Existenz verbessern zu wollen — in Amerika, leben vielfach ihre Männer und Kinder, zu denen sie Sehnsucht hinzieht. In Amerika glauben sie doch wenigstens später einmal zur Ruhe kommen zu können, obwohl sie ganz genau wissen, daß ihnen zunächst sehr sorgenvolle Jahre auch dort bevorstehen. Darin liegt ja das deprimierendste Moment im sorgenvollen Leben dieser Juden: Sie verließen ihre Heimat nach dem Verkaufe ihrer Habe und hatten immerhin den vor zwei Jahren allmächtigen Dollar in mehrfacher Auflage außer der meist von Amerika aus bezahlten Schiffskarte in der Tasche. Als dann sie und die Schiffahrtsgesellschaften völlig überraschend erfuhren, daß die Quote erreicht sei und man sich auf längeren Aufenthalt in Europa gefaßt machen müsse, wurden ihre Sorgen zwar nicht gerade geringer, aber die meisten glaubten doch, es einige Zeit mit ihrem Dollarbesitz aushalten zu können. An zwei und mehr Jahre hatte damals allerdings niemand gedacht. Jetzt sind die Meisten völlig mittellos und, was schlimmer ist, auch ihre amerikanischen Angehörigen haben ihnen vielfach das Letzte gegeben, was sie sich für später erworben hatten; denn der Aufenthalt im Bremer Emigrantenlager ist teuer. Wer nur das sehr unzureichende Logis in den Wohnbaracken des Lloyd-Heims in Anspruch nimmt — und außerhalb dieser Baracken zu wohnen, glaubt die Behördeangesichts der noch immer anhaltenden Wohnungsnot in Bremen grundsätzlich nicht gestatten zu können — hat dafür 13 Dollar im Monat zu bezahlen. Mit Verpflegung erhöht sich dieser Preis auf 27 Dollar, das heißt in deutscher Reichsmark 113.40 Mark pro Kopf und Monat. Für Familienväter — und es gibt hier Familien, die aus acht und neun Köpfen bestehen — heißt das bis zu 100 Dollar (420 Mark) nur für Logis. Selbst von unseren deutschen Familienvätern dürften die meisten nicht in der Lage sein, derartige, Ausgaben regelmäßig zu ertragen. Wieviel schlimmer aber steht es mit diesen Emigranten, denen im allgemeinen verwehrt wird, sich das Geld zum Lebensunterhalt zu verdienen, selbst wenn sie es wollen. Es wäre töricht, den deutschen Behörden aus diesem Arbeitsverbot angesichts der erschreckenden Arbeitslosigkeit in Deutschland einen Vorwurf machen zu wollen. Wo man helfen konnte, hat man es überdies getan und 13 von den 130 jüdischen Auswanderern in Bremen, meist Frauen, arbeiten in einer Jutefabrik, wo sie niemandem Arbeit fortnehmen und wenigstens etwas verdienen. Ihr Arbeitslohn reicht allerdings nicht entfernt dazu aus, auch nur Kost und Logis zu bezahlen. Man sagt, daß Bremens Auswandererheim eines der besten in Europa sei. Wie schlecht muß es erst in den anderen aussehen, wenn diese Behauptung