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Die Wahrheit · 1925-10-09 · Heft 40 (9.10.1925) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 40 (9.10.1925)
Date
1925-10-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 40" DiE WAHRHEIT Seite 9 Wahrheiten vom Tage ||| Viel Lärm um nichts. Aus Graz wird uns geschrieben: Die Ausführungen unseres Rabbiners Dr. Herzog in seiner Predigt am Jörn Kippur haben die Zionistische Landesorganisation von Steiermark veranlaßt, die jüdische Bevölkerung von Graz zu einer Protestkundgebung aufzurufen und sich zu diesem Zwecke sogar einen Redner aus Wien bestellt. Das Plakat, das in höchst geschmackloser Weise an den Tempdltoren amgebracht wurde, beschäftigt sich mit dem Inhalt der Rede. Dr. Herzog kam in seiner erwähnten Predigt nämlich auch auf die religiösen Verhältnisse in einigen Kolonien Palästinas zu sprechen und brachte den ehrlichen Mut auf, auf die Mißstände in religiöser und moralischer Hinsicht hinzuweisen, wie beispielsweise den Mangel an religiösen Institutionen, das Nichtvorhandensein von Gotteshäusern in manchen Kolonien im heiligen Lande, die völlige Abkehr vor. der Religion seitens kommunistischer Chaluzzim sowie den Umstand, daß der Aufbau des heiligen Landes zu sehr auf nationaler, dafür' aber um so minder auf religiöser Grundlage erfolge. Das waren die vollkommen sachlich gehaltenen Argumente Dr. Herzogs und deshalb wird gegen unseren Rabbiner, der seit nahezu zwei Jahrzehnten mit größter Umsicht seines schweren und verantwortungsvollen Amtes als Lehrer und Seelsorger in unserer Gemeinde waltet, vorgegangen. Wenn auch zugegeben werden muß, daß es schwer ist, den verschiedensten Richtungen Rechnung zu tragen, so geht es doch nicht an, den Inhalt einer Predigt als willkommene Gelegenheit zu parteipolitischen Zwecken in die Oeffentlichkeit zu tragen, und so bedauern wir, daß durch die Hetze unverantwortlicher Radauzionisten, vor allem der verhetzten zionistischen Jugend, die Eintracht in unserer sonst so friedlichen Gemeinde bedroht wird. Die Juden in der Provinz können einen Kampf gegen mehrere Fronten nicht ertragen. Rabbiner Dr. Herzog genießt nach wie vor das ungeschmälerte Vertrauen der konservativ orientierten Gemeinde Graz, die Zionisten mit ihrem Präsidenten Karl Schwarz bilden ohnedies eine unansehnliche Minderheit. Entgeistigung durch den Sportkult. Im deutschen Organe des Zionismus lesen wir einen Aufsatz von S. G o r e 1 i k über die Entgeistigung des jüdischen Lebens. Gorelik spricht über die Geistesarmut der heutigen jüdischen Jugend, vornehmlich in Amerika, und sagt dann v/örtlich: „Kein Wort gegen Sport, gegen die körperliche Ertüchtigung der jüdischen Jugend! Aber wenn Sport ein Kult wird, wenn Sport mit einer Leidenschaft getrieben wird, die alles andere vergessen macht, wenn als Folge jedes neu errichteten Tennisplatzes ©ine Buchhandlung schließen muß, dann ist man berechtigt, von einer Periode der"Entgeistigung zu sprechen. Schlimme Zeiten stehen der jüdischen Literatur bevor, unerträglich ist schon jetzt die Lage des jüdischen Schriftstellers, wenn er seine Aufgabe ernst nimmt. Keine Verwendung für ihn, wenn er nicht den Weg des billigen Tagesjournalismus beschreiten will. Die jüdische Geistigkeit wird vielreicht wieder in der Jeschibah ihren Zufluchtsort finden." Die Feststellungen Goreliks treffen im ganzen zu. Denn der K u.11 des Fußes und des starken Armes geht überall auf Kosten des Kopfes. Der Versöhnungstag vor Gericht. In die eigentümliche Behandlungsform, der die Berliner ostjüdische Bevölkerung ausgesetzt ist, eröffnete ein Prozeß Einblick, der vor einigen Tagen vor dem Berliner Landgericht verhandelt wurde. Angeklagt war der Repräsentant L. der Berliner jüdischen Gemeinde. Es lag folgender Sachverhalt zugrunde: Am Versöhnungstage, als in einer Pause am Nachmittag einige Gottesdienstbesucher der Grenadierstraße, um Luft zu schöpfen, ins Freie traten, wurden sie von einem Polizeiwachtmeister in schroffster Weise zum Weitergehen aufgefordert. Ein jüdischer Bürger, Herr Liebermann, bat den Wachtmeister um Rücksicht, es sei höchster Feiertag, der Gottesdienst beginne gleich wieder und die Leute täten ja nichts Unrechtes. Darauf erfolgte die Antwort: „ Ich sch .... auf eure jüdischen Feiertage", und Herr Liebermann wurde zur Wache geführt. Der obengenannte Repräsentant begab sich darauf zur Wache, um sich über den Beamten zu beschweren und seine Freigabe zu erreichen, zumal Liebermann in einer der Synagogen vorzubeten hatte. Er kam gar nicht dazu, auf der Polizei ordnungsgemäß seine Wünsche vorzutragen. Es fielen dort Aeußennigen wie „die Juden müßte man alle ausräuchern, sehmefflt die Juden raus" usw. Der Repräsentant L. wurde dann auf Veranlassung des diensthabenden Beamten aus dem Polizetrevier von zwei Beamten herausgeführt und bekam eine Anklage wegen Hausfriedenbruches. Während er in erster Instanz zu 100 Mark Geldstrafe verurteilt worden war, wurde er in zweiter Instanz freigesprochen. Der amtierende Staatsanwalt pflichtete den Ausführungen des Verteidigers, Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee, Vizepräsident der Berliner Kultusgemeinde, bei, zumal einer der Beamten behauptete, trotz der Vorhaltung, daß doch alle Geschäfte geschlossen gewesen seien und die Menschen in Feiertagskleidung waren, habe er nichts von einem Feiertag gemerkt und er habe vom Polizeirevier Auftrag, mit Rücksicht auf die vielen Hehlerei-Geschäfte, Devisenschiebungen usw., fest durchzugreifen.. Auch der Hinweis, daß ja zur Aufrechterhaltung der Sicherheit Polizeibeamten an diesem Versöhnungstage abkommandiert waren, die Beamten also doch vom Versöhnungstage etwas wissen mußten, veranlaßte beide nicht, unter Eid ihre Behauptung zurückzunehmen, daß sie vom Versöhnungstage nichts gewußt hatten. Der Verteidiger geißelte in sehr scharfen Ausführungen das Verhalten der Beamten, das nicht einen Schutz der Bevölkerung darstellte, sondern geradezu eine Bedrohung, ganz abgesehen von der schwer beleidigenden, für Beamte unerhörten Form der Aeußerungen über jüdische Feiertage und die jüdische Bevölkerung. Wie wir erfahren, dürfte die Angelegenheit voraussichtlich mit dem Freispruch des Herrn Repräsentanten L. nicht beendet sein, sondern eine Nachuntersuchung im Wege des Disziplinarverfahrens nach sich ziehen. Ein Schlag gegen die Rassentheorie. Die Negerin Elisabeth Miller hatte sich dieser Tage vor Gericht zu verantworten, weil sie Geld für Institutionen der „Schwarzen Juden" — wie sich die jüdische Neger-Gemeinschaft in Amerika nennt — gesammelt hat. Der Staatsanwalt führte aus, die Neger können nicht Juden sein, deshalb habe die Miller kein Recht gehabt, für jüdische Institutionen zu sammeln. Die Angeklagte und die erschienenen Zeugen, lauter Neger-Rabbis, betonten leidenschaftlich, sie seien Juden nach Geist und Religion, und wenn die weißen Juden sie als Juden nicht anerkennen wollen, so sei das „Schuld und Schande" für die weißen Hebräer, nicht für sie, die schwarzen. Die Miller erklärte, sie sei in Mississippi als Kind schwarzer jüdischer Eltern geboren worden und habe von jeher Spenden für die „Chewra kol Isroel chawerim", die arme Neger-Juden unterstützt und ein Spital erhält, gesammelt. Ich bin Jüdin, rief sie aus, auch wenn die weißen Hebräer mich nicht anerkennen wollen. Ihr Verteidiger, ebenfalls ein Neger-Jude, erklärte, das Judentum sei ein religiöser kein Rassenbegriff, Das Gericht sprach die Miller frei. Ein starkes Stück. Ein — natürlich — anonymer Leser der Deutsch-österr. Tageszeitung schreibt genanntem Blatte: ,£ine merkwürdige Verkettung besonderer Umstände verschaffte mir unlängst die Möglichkeit, einen Blick in einen Raum zu werfen, der unmittelbar vorher in geheimnisvoller Weise von einer Gesellschaft von Juden zu einer Zusammenkunft benützt worden war. Dieser Raum war in einer mehr als eigenartigen Weise ausgeschmückt, worauf ich gegebenenfalls noch des näheren zurückkommen werde. Eines dieser Schmuckstücke bestand in einem breiten weißen Atlasband, auf dem in großen roten Lettern zu lesen war: „Prolet- Arier aller Länder, vereinigt Euch zur Krönung des Königs aus dem Stamme Davids!" Das Band war an der Wand befestigt, darüber prächtig mit Gold gestickt der David-Stern, darunter ein großes, roh geschnitztes hölzernes Kruzifix mit dem Kopfe nach unten . . ." Wir überlassen diese Dinge der Beurteilung unserer Leser, die erkennen werden, bis zu welchem Grade von bodenloser Gemeinheit und lügenhafter Entstellung der Antisemitismus einen Menschen bringen kann. Denn der anonyme Einsender ist auf seine Behauptungen bisher trotz seines Versprechens nicht mehr zurückgekommen und deshalb muß er es sich wohl gefallen lassen, daß man sie, die vollkommen unglaublich klingen, als in seiner üppigen Phantasie entstanden bezeichnet. Es sei denn, daß er nunmehr, da der „Fall gegeben" ist, seine Entdeckung genau darlegt, denn sie würde auch uns riesig interessieren. Tut er dies nicht, dann setzt er sich der Gefahr aus, daß er als das bezeichnet wird, was er allem Anscheine nach ist . . .

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