Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 40 (9.10.1925)
- Date
- 1925-10-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite« DIE WAHRHEIT Nr. 40 Hakenkreuzler, gestatten dürften. Ich bin auch überzeugt, die akademischen Verfasser des Kulturdokunievntes sind da irgend einem obskuren antisemitischen Lumpen aufgesessen, der einmal in einer Zeitung eine Stelle aus dem Zusammenhange reißend, Goethe eine Gesinnung itnputierte, die wahrlich nicht die Religion der Juden, sondern den Dichter entehrt hätte. Dem Lumpen, der sich das antisemitische Zitat zurecht legte, wie er es brauchte, haben die akademischen Herren nachgeschrieben. Wenn sie sich die Mühe geben werden, im Goethe selbst nachzulesen, werden sie, das nehme ich zu ihrer Ehre an, doch vor Scham errötend finden, daß Goethe niemand anderen als Haman, den blutgierigen Todfeind der Juden, diese Charakteristik der jüdischen Religion aussprechen läßt. Sollte der Dichter vielleicht dem mordlustigen Scheusal Haman humanistische Aeußerungen über Juden und ihren Glauben in den Mund legen? Goethes eigene Gesinnung über die Juden dürfte man wohl eher in dem begeisterten Lobe erkennen, das er dem „Nathan", der herrlichen Dichtung Lessings, zollte, deren „göttliches Duldungs- «nd Schonungsgefühl er der deutschen Nation als ein heiliges und wertes Vermächtnis zu bewahren" ans Herz legte. Wer Goethe selbst liest und ihn nicht aus einem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat erkennen will, wird kaum mehr den Versuch wagen, den großen Verkünder 'des Humanismus zu einem Vertreter dies Hamanismus umzufälschenL Es wäre denn, er wäre ein Scheusal gleich Haman, von dem Sa der hfealigeni Schrift erzählt wird daß er den Galgen rediich verdiente. Das ebenso logisch als sinnig angewandte Zitat aus Goethe verleiht dem „Kulturdokuiment" eine ernstere Bedeutung, die man ihm vielleicht sonst nicht beigemessen hätte. Das soll mich aber nicht hindern, auch dem humoristischen Schluß der Erklärung gerecht zu werden, in welchem es heißt: Wer für die Erhaltung der deutschen Kultur, der deutschen Ehre und des deutschen Rechtes sei, ,,müsse den deutschen Studenten an der Wiener Universität andere Rechte einräumen als — Jude n, Negern oder Chinesen!" Diese Zusammenstellung ist ebenso überraschend als erheiternd. Da sie aber einmal in der Polemik Platz fand, hätte es sich vielleicht gut gemacht, wenn noch hinzugefügt worden wäre, daß man die Wiener Universität besonders vor einer Invasion der jüdischen Neger aus China und Amerika beschützen müsse, von denen neulich in den Wiener Zeitungen zu lesen war. * Oberst Wolf, der unentwegt für die Wiederbelebung der monarchistischen Idee kämpft, hat bekanntlich vor kurzem Erklärungen zum Besten gegeben, in denen zumindest jener philosemitische Geeist atmete, der die Juden gerne sieht, wenn man von ihnen etwas will. Der Herr Sektionschef Schager aber, der nicht minder unentwegt für die Aufrichtung der Monarchie arbeitet hält es wieder für angezeigt, im antisemitelnden Tone die Propaganda zu betreiben. Wolf und Schager liegen sich auch sonst von Zeit zu Zeit in den Haaren, sonst könnte man wirklich auf die Vermutung kommen, daß sie als gewiegte Diplomaten im Dienste ihres monarchistischen Ideals die Rollen untereinander geteilt haben. Der eine schlägt die philosemitische Note an, um die Juden zu gewinnen, der andere wieder stößt die Juden vor den Kopf, um die Nichtsemiten nicht zu verstimmen. * Es wäre zu schön gewesen! Herr v. Horthy, der vielleicht außer Gott fast jeden in Ungarn fürchtet, hätte wirklich keine geringe Freude empfunden, wenn es gelungen wäre, auch die Märchen über den Kommunistenkongreß in Wien zu Wahrheiten umzudichten. Die bösen Juden und die bösen Kommunisten wären mit einem Schlage getroffen worden! Aber die Wiener Polizeidirektion erwies Herrn v, Horthy nicht die Gefälligkeit, den phantastischen Budapester Meldungen auch nur den Schein von Wahrscheinlichkeit zu lassen. Der famose Kongreß hat nicht stattgeüunden. Das Lokal, in welchem er angeblich getagt und das — o Wonne der Antisemiten! — sogar als Vereinslokal orthodoxer Juden bezeichnet wurde, war in den fraglichen Tagen überhaupt von niemandem besucht; Bela Kun weilte nicht in Wien; und selbst der gewesene Volkskommissär Mathias Rakosi verbrachte die Zeit, in der der Kongreß angeblich in Wien abgehalten wurde, in einer Sommerfrische in Kärnten. Die Budapester Polizei, die, wenn es sich um die Ergreifung antisemitischer Mörder handelte, auch dann niemanden sah, wenn die Verdächtigen am hellichten Tage am Korso spazieren gingen, verrät diesmal einen Scharfblick, der sie auch Personen erkennen ließ, die in Wien, in Moskau oder weiß der Himmel wo saßen. Die Verhältnisse in Ungarn erinnern in mancher Beziehung an die Verhältnisse, die einst im zaristischen Rußland herrschten. Dort fand man es gelegentlich für opportun, kleine Nihilistenverschwörungen zu erfinden, um sie dann angeblich rechtzeitig zu entlarven. Sollte man in Ungarn das Bedürfnis empfinden, gelegentlich kleine Kommunistenkomplotte zu arrangieren* .tum sie rechtzeitig zu entdecken? Ego. . Die Thorarollen. Noch ruhen sie im reichgeschmückten' Schrein Und träumien ihrem Freudentag entgegen. Doch in der Luft welch Schwingen und welch Regen Von Chören, die sich aneinanderreih'n. „Wir sind die Seelen derer, die in tiefster Not Für euch in hartem Glaubenskampf gestritten. Die Seelen der Märtyrer, die gelitten Für eure heilige Lehre bittern Tod. Noch eh dier neue Festestag anibricnt Umfließ euch Thorarollen unser Segen. Gesegnet auch, der geht in euren Wegen. Er wandelt einst wie wir im ewigen Licht! Und eine köstlich tiefe Stille nun anhebt. — Und wie erfüllt von überirdischen Wonnen, Liegt auf den heiligen Laden Glanz von Sonnen: Ein göttlich Leuchten über ihnen schwebt. — i Beate Baumgarten.