Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 40 (9.10.1925)
- Date
- 1925-10-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Ülfi WAHRHEIT Nr. 40 Alltagsprobleme des Wiener Judentums. Von J. G r o b t u c h. Man muß sehr weit in der Geschichte des Judentums zurückblättern, bis man auf eine Epoche gelangt, welche ebenso traurig ist, wie die gegenwärtige. Üeberall wo Juden wohnen, und das ist fast auf dem ganzen Erdball, herrscht ein intensives Interesse für alles, was mit dem «Judentume in Zusammenhange steht. Auch in nichtjüdischen Kreisen wird der Judenfrage viel mehr Ernst und vielfach a-uch mehr Interesse als ehemals bekundet. Die jüdische Geschichte wird sicherlich allen Faktoren, die dazu beitragen, gerecht werden. Außer geschichtlichen Aufgaben, die ©ine Gemeinschaft zu erfüllen hat, kann und darf sie nicht die vitalisten Interessen des Alltags außer acht lassen. Dieser Pflicht eingedenk, wollen wir der Oeffentlichkeit nur einen Ausschnitt aus den wirtschaftlichen Verhältnissen, in welchen sich dermalen das Wiener Judentum und demzufolge auch seine Institutio- , nen befinden, zeigen. Vor dem Kriege, als Wien noch die Reichshaupt- und Residenzstadt eines Reiches von 60 Millionen Einwohnern war und eine Bevölkerung von über zwei Millionen hatte, zählte man darunter ungefähr 180.000 Juden. Heute ist Wien die Bundeshauptstadt eines Staates mit sechs Millionen Einwohnern und zählt selbst nur mehr insgesamt 1,800.000 Einwohner, darunter ungefähr 210.000 Juden. Diese starke Zunahme der jüdischen Bevölkerung in Wien ist keine natürliche, sie ist eine Folge des Krieges. Gerade dort, wo der Krieg am längsten dauerte und wo die furchtbarsten Zerstörungen angerichtet wurden, konzentrierten sich die Wohnstätten der Juden. Diejenigen, welche nicht freiwillig ihr Heim verließen, wurden gewaltsam evakuiert. Die damaligen Kronländer, außerhalb des Kriegsbereichs, haben jeden nur möglichen Widerstand gegen die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen geleistet. Wien als Sitz des Kaisers und der Zentralregierung konnte nicht leicht die gleiche Taktik verfolgen. Derjenige Teil der jüdischen Kriegsflüchtlinge, welcher in seiner alten Heimat nur halbwegs eine Wohnmöglichkeit vorfand, eilte nach Kriegsende zurück. Diejenigen Juden aber, welche nicht in ihre Heimat zurückkehrten, blieben in Wien und trugen zur Vermehrung der Wiener Judenschaft bei. Die Inflation, welche nach dem Kriege* einsetzte, und die durch sie hervorgerufene Scheinkonjunktur gab der jüdischen Bevölkerung die Möglichkeit, auf allen Gebieten des Handels und Gewerbes, und scheuen wir uns nicht, es öffentlich zu sagen, auch im Börsenspiel, das Auslangen zu finden. Daß Inflation und Scheinkonjunlktur, nicht wie von antisemitischer Seite behauptet wird, von Juden hervorgerufen wurden, sondern in den Folgen des Krieges ihre Begründung fanden, ist heute Gemeingut jedes vernünfig denkenden Menschen. Die Lage der Juden und der Beruf, in dem sie seit Jahrhunderten, vielfach gegen ihren Willen, hereingepreßt wurden, bringt es mit sich, daß sie wohl von solchen Scheinkonjunktuiren 'scheinbaren Nutzen ziehen, sie sind aber auch ihre ersten und zahlreichsten Opfer. Wir, die wir nicht erst das Resultat der Völkerbundexperten Lay ton und Rist hören mußten, uim zu erfahren, wie es in Wirklichkeit um uns bestellt ist, wissen, daß1 die Stagnation, welche hauptsächlich auf Wien schon zwei Jahre lastet, nicht allein die jüdischen Bevölkerungskreise dieser Stadt schwer trifft. Während aber einem1 großen Bruchteil der Wiener nichtjüdischen Bevölkerung als Bundes- und Gemeindeangestellten, es leichter gemacht wird, über diese schwere Zeit hinwegzukommen, wächst das Elend im Wiener Judentum zusehends, denn die freien Berufe, in denen es sich fast ausschließlich befindet, leiden am empfindlichsten unter den gegenwärtigen Verhältnissen. Den Angehörigen des Handels- und Gewerbelstandes gewährt weder der Bund noch die Gemeinde Unterstützungsbeiträge. Daß diese Verhältnisse auch eine Rückwirkung auf die Institutionen des Wiener Judentums ausüben, ist einleuchtend. Wir werfen hier zunächst einen Blick auf die Kultussteuerergebnisse: Im Jahre 1913, dem letzten Volljahr vdr dem Kriegsausbruch, gab es 26.356 Kjultuissteuerträger mit einer Steuervorschreibung von K 1,757.381 Papierkronen 24.603,334.000. Im Jahre 1923 49.970 Kultussteuerträger mit einer Steuervorschreibung von Papierkronen 14.868,627.500. Somit eine Zunahme an Steuerträgern von 23.614 (beinahe das Doppelte) und eine Abnahme an Kultussteuer ito Papierkronen von 9.734,706.500. Und dabei kann niemand behaupten, daß nicht alle für die Erlassung, Bemessung und Einhebung der Kultussteuer in Betracht kommenden Faktoren ihre Pflicht voll und ganz erfüllen, aber ebenso auch die Zensiten. Daß sich angesichts der beschriebenen Verhältnisse die freiwilligen Spenden in einem ähnlichen Verhältnis befinden, ist einleuchtend. Deswegen ist die Gemeinde nicht in der Lage, ihre Jahrzehnte hindurch für alle KuLtusgemdniden1 Europas beispielgebende Wohltätigkeit 'so auszuüben, wie s^e den Willen hat und die Not der Zeit erfordert. Angesichts der im Vorstehenden geschilderten Verhältnisse muß es einigermaßen überraschen, daß gerade jetzt auf den Vorstand der Kultusgemeinde und auf die Rabbiner in dem Sinne einzuwirken gesucht wird, daß sie die Gemeindemitglied'er zur materiellen Unterstützung fernliegender jüdischer Institutionen auffordern mögen. Zu einer Zeit, wo sich alle Wiener Gemeindeinstitutionen und sonstigen jüdischen Wohlfahrtsanstalten in größter Not befinden, ja manche direkt vor der Sperre stehen, ist es sehr unangebrachter, österreichische Spenden ins Ausland zu verschicken für Zwecke, welche an sich zwar unterstützungswürdig sind, uns aber ferner stehen als die eigenen notleidenden Wohltätigkeitsinstitutionen. Oder wie es der Volksmund ausdrückt: „Das Hemd ist mir näher als der Rock." IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUIIIIIIIIIIIH Herbet Abonnenten für „Die Wahrheit11! BllinWIllllllllllllllllllllllllIM *