Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 40 (9.10.1925)
- Date
- 1925-10-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 DffiJVi^ffilT Nr. 40 Sprößlingen und Kindern den himmlischen Segen gleich jenem, der sich in den Naturerscheinungen, in Regen und Sonne, offenbart. Die jüdische Religion, die mit den Worten: „Wähle das Leben"! sich zum Optimismus bekennt und den Lebenswillen bejaht, sie spricht sich gleich auf dem ersten Blatte ihrer Lehre in dem Gebote: „Seid fruchtbar und mehret Euch" Mar und deutlich für das Kiind aus. Ihr ist auch das keimende und werdende Leben etwas Heiliges, das nicht beseitigt und nicht vernichtet wer-, den darf. Der dritte von den in Gottes Hand sich befindenden Schlüssel ist jener der „Auferstehung der Toten", der Unsterblichkeit. Nicht nur das zum Leben Emporstrebende und Heranreifende nicht töten, sondern im Gegenteil, daß auch das bereits Abgestorbene und zu Ende Gegangene einst wieder auferstehen werde, dies gehört mit zum Glauben und Hoffen Israels. Der Gedanke vom Lebenswillen durchzieht wie ein roter Faden unser Schrifttum; er bildet das Haupt- und Grundprinzip unserer Thora, die wir dreimal täglich zum Schlüsse des 18. Gebetes als „die Lehre des Lebens" bezeichnen; er ist das Auf und Um in unseren Gebeten. Auch das Gebet tun das richtige, zweckdienliche Wetter klingt im Wunsche und Willen zum Leben aus. Auch das Gebet um Regen, das „Geschem-Bentschen" am Schlußfeste, es schließt mit den so bezeichnenden, segenverheißenden Worten: „Zum Leben und nicht zum Tode." Die Lehren aus dem Rothstock» prozess. Otto Rothistöck, der Mörder Hugo Bettauers, ist freigesprochen worden. Das Urteil hat selbst in unserer Zeit, in. der das alttestamentarisohe, von dem flammenden Sinai aus verkündete Gebot: „Du sollst nicht morden" stark io Mißkredit geraten' ist, große Sensation erregt. Es wirkte nicht nur überraschend, sondern geradezu verblüffend* selbst wenn man sich sagte, daß die sechs Geschworenen, die ihn freisprachen, unter dem Einfluß der Psydhiiater und nicht der hemmungslosen Verehrer Rothstocks standen. Der jugendliche Mörder, dessen selbstbewußtes, von Ueberhebung und Dünkel zeugendes Auftreten im Gerüchtssaai keine Spur von Reue über sieäne Tat durchscMiminern ließ, erweckte den Eindruck, als ob er sich mit Anizengruibers Steinklopfer-flans sagen dürfte: „Es kann diiir, nichts geschjeh'n! Es kann; dir nichts gescheih'n!" Rothstock mochte mitunter Zweifel dlarüber erregen, ob er mehr den Irrsinn oder mehr dien, starken Geist stoulieren wolle. Aber selbst naich der Meinung des Staatsanwaltes, der sicherlich den Angeklagten nicht allzusehr den strengen Ankläger fühlen ließ, verriet Rothstock vor den Psychiatern wir vor seinen Richtern dauernd das Bestreben, für irrsinnig gehalten zu werden, um der Strafe zu entgehen. Auls dem Fanatiker, aus dem Helden war ein vorsichtig berechnender Spekulant geworden. Ja, im Gerichtssaad hat der Mörder oft und oft die Rolle dies Idealisten, die er sieh! anfänglich zu- Ctcltes Tage das Herausnehmen der Kartoffeln und ähnliche Feldarbeiten, die schönes Wetter erforderten. Sollte der liebe Gott mit dem alten Herkommen plötzlich brechen? . . . Aber der Himmel sah immer verdächtiger aus. Gegen Mittag wurde das „Sechach" gebracht, Vater kletterte hinauf und streute es behutsam über die Querbalken hin. Wir standen in der Sukkah und rissen die Köpfe hoch, um zu sehen, ob der Himmel hineinblickte, denn allzu dicht durfte die Decke nicht sein. Wenn nun schon die Decke gelegt war und das Ganze fertig dastand und wir uns nach so viel Mühe und Arbeit so sehr auf den Abend freuten, so mußte Gott unbedingt ein Einsehen haben. . . . Je näher der Abend heranrückte, um so gemütlicher sah es in der Sukkah aus. Die Wände entlang wurden Bänke gezimmert, in der Mitte ein großer Tisch, ein Teppich bedeckte die rauhen dicken Bretter, und darüber streckte sich ein blütenweißes Tischtuch. Das Innere gewann immer mehr sabbatliches Aussehen. Am oberen Ende legte Mutter die großen geflochtenen Sabbath-Brote und breitete ein weißes, gesticktes Tuch darüber, am entgegengesetzten Ende des Tisches tauchte der sechsarmige silberne Sabbath-Leuchter auf, in jedem Arm eine Kerze tragend und still den herabsinkenden Abend erwartend, um aufzuleuchten. Vom Himmel fiel kein Tröpfchen, obwohl der Horizont ganz von Wolken umhüllt war und von Zeit zu Zeit verdächtige Windstöße erwachten. Es dunkelte schon, als eine Anzahl Nachbarn sich zum Gottesdienst einfand. In der Sukkah flammten die Kerzen auf, auch unsere Melone sandte von der Decke ihr bescheidenes Flimmern herab. Der Gottesdienst begann. Klopfenden Herzens lauschte ich hinaus. Nur das Rasseln verspäteter Bauernfuhren war vernehmbar, es regnete offenbar nicht. Es wollte nicht regnen. Es durfte nicht . regnen. Wenigstens heute nicht. Heute wird's nicht regnen. Gott wird es nicht zulassen. Schon hat sich die ganze Gemeinde in das Gebet vertieft. ... Es wird nicht regnen. , , Da — mitten in der stillen Scheiponeh Essreh — läßt sich ein eigentümliches Rauschen vernehmen. ... Ganz, wie wenn es regnet. ... Ich halte den Atem an. . . . Das eigentümliche Rauschen hört nicht auf. . . . Regnet es wirklich? ... Es wagt zu regnen. . . . Doch, halt. ... Es ist wieder tiefe Stille. ... Es war nur eine Drohung, ein Versuch. . . . Ah. . . . Es ist wirklich still geworden. Der Gottesdienst ist zu Ende. Die anderen empfehlen sich und eilen davon ... In die Sukkah wurden die silbernen Kidduschbecher und die goldig leuchtende bauchige Weinflasche hineingetragen und Vater ordnet an, daß alle Erwachsenen den Kiddusch zugleich rezitieren, damit wir rascher fertig würden. ... Es droht doch eine Gefahr, ging es uns durch den Sinn. Doch es regte sich nichts. . . . Mit einer feierlichen, klangvollen Melodie ging der Kiddusch zu Ende. . . . Gepriesen sei der Ewige unser Gott, König der Welt, der du uns geheiligt hast durch deine Gebote und uns befohlen hast, zu sitzen in der Sukkah. . . . Da ... ein großer Tropfen fiel klatschend hinein und traf just eine Kerzenflamme, die aufzuckte. . . . Das war nur so. . . . Wir guckten alle in die Höhe, durch die Oeffnungen in der Decke wollte jedes von uns einen Stern oder zwei, drei wahrgenommen haben; abgerissene Wolken jagten einander,, für eine Sekunde blickte sogar der Mond hindurch, verhüllte aber sogleich sein Angesicht. . . . Dann fingen die Tropfen an, schnell hintereinander zu fallen. Wir saßen noch eine Weile da, lautlos, mit herabgelassenen Blicken. Dann wurde der Tisch geräumt, die Lichter hinausgetragen. Wir wandten uns ab und gingen langsamen Schrittes, wie beschämt und zögernd, hinaus. An der Schwelle wandte ich mich noch einmal um und umfaßte mit wehmütig sehnsuchtsvollem Blick die Laubhütte, die dunkel und einsam dalag. . . . Gott hatte nicht gewollt, daß wir in der Sukkah saßen. . . In dem geräumigen Speisezimmer strahlten die Lichter. In * der Flasche funkelte der goldige Wein. Auf dem Tische dampften die köstlichen Speisen und verbreiteten einen würzigen Duft. Aber wir saßen alle schweigend da, eine Fröhlichkeit wollte nicht aufkommen. Es war Festtag.....Und Gott wollte nicht, daß wir heute in der Sukkah saßen.