Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 40 (9.10.1925)
- Date
- 1925-10-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 DIE WAHRHEIT Seite 3 Winter, wie wir sie ja in der letzten Zeit erlebten, läßt sich nirgends protestieren. Wir begreifen es daher wohl vollkommen, wenn unsere Weisen einmal! von drei Schlüsseln, die allein nur in Gottes Hand sind, sprechen: „Der Schlüssel des Lebens", des „Regens" und der „Auferstehung der Toten". Ja, der Schlüssel des, Regens ist auch heute noch in keiner anderen als in Gottes Hand! Es dürfte dann wohl mm so eher unsere Auffassung ihre Berechtigtuog haben, die noch einen Grund für das „Gebet um Regen" am Schlußfeste annehmen möchte. Vielleicht soll damit so manchen, die mit dem Schemini- Azereth-Tage ihren Besuch des Gotteshauses für eine längere Zeit wieder abschließen, vielleicht will und soll dieses „Geschem-Bentschen" sie mit auf ihren Weg in den Alltag begleiten, vielleicht will und soll es .in ihnen auch weiter widerhallen und nachklingen, auf daß der Gedanke von Regen und Sonne, das Bild von der Gestaltung des Wetters, welches sie ja zu jeder Zeit und täglich zu sehen und zw beobachten Gelegenheit haben; ,vielleicht will ihnen auch der Gedanke von der Verschiedenheit und Veränderlichkeit, von der so eigenartigen Beschaffenheit des Wetters, der sich ja ihrer gerade durch das „Geschem-Gebet" am Schmenini-Azereth bemächtigt, vielleicht will und soll das so buntfarbige Bild des Wetters sie auch sonst im Alltag und außerhalb des Tempels an all das erinnern und mahnen, was ja der Hauptinhalt und die Quintessenz unserer ernsten und weihevollen, wie nicht minder auch der heiteren und frohen Laubhüttenfesttage ausmacht: An Gottes'glauben und Religion! Gerade das, auf den ersten Blick so uninteressante Thema vom Wetter, kann doch wahrlich auch „Der Ethrog ist da!" Wir stürzten in das Zimmer. Vater stand am Tisch und hatte eben eine weiße Holzkiste ausgepackt. Wir umlagerten und streckten die Hälse vor. „Will sehen, will sehen!" schrie das Kleinste und zerrte heftig ah Vaters Rockschößen. Vater hob den zweijährigen Schreihals auf die Arme: „Da, sieh!" Vater entfernte den Deckel und vier Ethrogim, neben einander in zwei Reihen ruhend, schimmerten blaßgrün durch die feinen Strähne? des weißen Flachses. ... Im Zimmer entstand ein Schweigen. Ein feiner, fast mystischer Duft verbreitete sich, erinnerte an ferne, ferne Gegenden; mir gaukelte er unendliche Sandwüsten vor, unter einem tiefblauen Himmel, Palmenhaine, glitzernde Springbrunnen, an denen junge Mädchen in Krügen Wasser auffingen, um es knienden Kamelen zu reichen. . . . Die Mutter kam herzu. . . . Der Vater griff einen der Ethrogim heraus und betrachtete ihn zärtlich. „Ein Muvchar (Prachtexemplar)", sagte er, zur Mutter gewendet. „Sieh' da, Evas Biß!" Er wies auf eine kleine Scharte in der grüngoldenen Haut, die in der Tat wie die Spur eines Zahnes aussah. „Als unsere Urmutter Eva den Adam im Paradies verführte, vom Baume der Erkenntnis zu essen, das war nämlich der Ethrogbaum, da biß sie zuerst hinein und reichte dann die Frucht dem Manne", erklärte mein Vater lächelnd die anmutige Volksüberlieferung. „Einzelne Exemplare des Ethrog haben bis auf den heutigen Tag die Spur dieses Bisses behalten und werden darum besonders geschätzt." Mir erwuchs nun die ehrenvolle Aufgabe, für die Myrtenzweiglein und die Weidenruten Futterale und für den Lulav Ringlein zu flechten. Der verjährige vertrocknete Lulav wurde hervorgeholt und entblättert. Kunstgerecht schlangen sich die schmalen, blassen Blätter unter meinen geschickten Fingern zu einem langen, weichen Futteral, der Scheide eines Dolches ähnlich. Dann wurden einige Blätter in lange Fasern gespalten und zu festen, schön geflochtenen Ringlein geformt, die den diese große Wirkung hervorrufen und mit sich bringen: In uns auf Schritt und Tritt die höchsten erhabensten Gedanken von Gottes Walten und Wirken in der Natur wachrufen. Uns die Steile aus dem täglichen Gebete in Erinnerung zu bringen, die da Gott als denjenigen preist, „der in seiner Güte täglich und beständig Werke der Schöpfung erneuert". Und gerade diese Momente und Erscheinungen sind es ja doch, die im nüchternen, prosaischen Alltag, in der Zeit „nach allen Feiertagen" stets und immer wieder den) Sinn für Religiosität wecken, das Licht des Glaubens jedesmal von neuem entfachen und anzünden und es fort und fort hellstrahlend zu erhalten geeignet sind. Nach dieser Deutung und Auffassung gewinnt das „Geschem-Bentschen" auch überall und zu jeder Zeit seine aktuelle Bedeutung. Durch den Schlüssel des Regens jedoch, der nach dem angeführten Ausspruche unserer Weisen, in Gottes Hand ist, werden wir auch an die anderen zwei Schlüssel, über die Gott allein verfügt, erinnert. An den „Schlüssel des Lebens", wie auch an jenen der „Auferstehung der Toten", der Unsterblichkeit. Den Schlüssel des Lebens möchten jetzt so manche aus Gottes Hand nehmen und! Ihn in den Schlüssel der Lebensvernichtung umwandeln. Gewiß; gerade das Judentum war nie und nimmer blind und taub für das, was draußen vorging. Es verschließt auch jetzt nicht seine Ohren vor den Einwänden, die — nach mancher Ansicht — gegen die Lebensbejahung und Kindesgeburt erhoben werden: Soziale Not, Teuerung, Wohnungsmangel und sonstige unsere Zeit begleitende traurige Erscheinungen, wer könnte oder wollte sie leugnen? Die Religion des Judentums aber sieht auch in den neugeborenen neuen Lulav zusammenhielten und ihn schlank und geschmeidig machten. ... Am nächsten Morgen fiel mir die Aufgabe zu, einen Ausflug nach dem Bache zu machen und fünf Weidenruten zu schneiden, . die den Festesstrauß der vier Arten vollenden sollten. Als ich zurückkam, fand ich die Laubhütte schon vollständig aufgebaut, für uns Kinder blieb nichts zu tun übrig. Die hurtigen Hände der Erwachsenen hatten mit Hilfe von zwei benachbarten Bauern den Bau ausgeführt, in dem zwanzig Menschen bequem speisen konnten. An dem vor vier Tagen eingerammten Pfahl von der Außenseite, von der entgegengesetzten Seite an die Wand des Hauses gelehnt und ein Fenster einrahmend, aus allerlei primitivem Material fest gezimmert und mit Teppichen und Matten überzogen, ragte die Laubhütte stolz in die Höhe und schien verächtlich auf die hilflosen Bretter herabzuschauen, die wir Kinder so eifrig herbeigeschafft hatten. . . . Noch fehlte das Dach. Vater besah meine Beute und nickte beifällig. Es waren fünf schöne geschmeidige Zweiglein, noch ganz jung, aber ansehnlich, die Blätter schmiegten sich sanft an den Stengel, umstanden ihn symmetrisch und waren alle unversehrt, wiesen nicht die leiseste Spur von Raupenstich auf . . . Zum Lohne durfte ich die ausgehöhlte Melone, die wir Kinder gestern im Schweiße unseres Angesichtes als Hängeleuchter hergerichtet hatten, an die Decke aufhängen, am Abend sollte darin eine Kerze, eine leibhaftige Kerze erstrahlen. Die Kleinen stürmten herein und umtanzten jubelnd das Wunderwerk. Aber Vater hob den Kopf und blickte sinnend nach alleri Himmelsrichtungen. Er machte eine zweifelnde Miene. „Wer weiß, ob das schöne Wetter anhalten wird", murmelte er. . . . Wir erschracken förmlich. Was? Regnen sollte es? Heute? . . . Nein, es durfte nicht regnen. . . Wir protestierten alle, am energischesten Jaga und die paar Bauern, die die Sukkah hatten aufbauen helfen. Es konnte heute gar nicht regnen, es waren ja jüdische Feiertage! ... Es war nämlich eine alte Bauernregel, daß an jüdischen Feiertagen schönes Wetter sein müßte. Man rechnete damit und verlegte auf diese