Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-10-09 · Heft 40 (9.10.1925) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 40 (9.10.1925)
Date
1925-10-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064059--14026-3081562
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 40 den Erateberiehteoentgegen die ja1 den Brotpreis bestimmen und nach welchen sich auch die Preislage aller anderen Lebensnotwendigkeiten richtet und die dann Grad und Maßstab für die Lebensweise überhaupt bilden. Dem Einflüsse des Wetters, dem Regen und der Sonne sind nicht allein nur die Erde und ihre Erträgnisse, die Frucht umd das Getreide, die elementarsten und unbedingt notwendigen Mittel und Dinge zum Leben ausgesetzt; auch das Leben selbst, vielmehr die Träger desselben, das atmende Wesen und Geschöpf; Tier und Mensch, ihre Entwicklung und Erhaltung, Wohl und Wehe, Wachsen und Werden, Keimen und Reifen, Gesundheit und Vervollkommnung; wie viel davon ist doch vor allem auf Regen und Sonne, auf Wasser, auf Licht und Luft zurückzuführen, Vom guten oder schlechten Wetter, von sonnigen und lichten, wie von wolkigen aind dunklen Tagen, von ihrer Rückwirkung auf den menschlichen Geist und Körper, auf Leib und Seele, wird ja wahrscheinlich mehr als einmal gesprochen. Nicht nur unsere Laune, unsere Stimmung und Verfassung kann das Wetter draußen beeinflussen und bestimmen, sondern auch noch mehr: Den Zustand und die Beschaffenheit unseres Organismus, das Wohl und Heil des Menschen. Und gerade das besonders in unserer Zeit ium sich greifende und immer mehr und mehr in den Vordergrund tretende Heilverfahren, das ja von Luft- und Sonnenbädern, von Wasserkuren seinen Ausgang nimmt; die heilwirkende stärkende Macht und Kraft, die ja den, zahlreichen und verschiedenen Wassern und Gewässern innewohnen; die wunderwirkenden, an einzelnen Flecken und Punkten der Erde auftauchenden Quellen, zu denen so viele aus aller Welt pilgern, «um Heilung und Genesung von ihrem Leiden zu suchen; wie sollte und müßte man dann etwa auch beim Bewundern solcher gottbegnadeten, dem Schöße der Natur entspringenden unerschöpflichen Quellen, mit ihren segensreichen Wirkungen, wie müßte man doch auch sie als Gotteswunder ansehen und betrachten, wie müßte man doch auch da von einem „Geschem-Bentschen" sprechen? So sehr aber die Elemente, Luft und Wasser jedes Wachsen und Werden von Mensch und' Tier, von Pflanzen und Blume, so sehr sie jede Entwicklung der fürs Leben so dringend notwendigen Nahrungsmittel zu fördern vermögen; so wichtig jenen Regen und Sonne „zur Zeit" sein mögen, so versagen doch gerade die ihren Gehorsam dem Menschen und keinem noch so großen Fortschritt der Wissenschaft und Technik, keiner noch so irdischen Macht ist es gegeben, ihnen etwa zu gebietero und zu befehlen. Die von Menschen konstruierten Instrumente lassen ihn wohl in den Himmel blicken, das Firmament, die Planeten und Gestirne sehen und beobachten. Die Meteorologie, .die sich mit der Beobachtung des Drucks, der Temperatur, der Feuchtigkeit, der Stärke und Richtung der Strömungen und! der elektrischen Beschaffenheit des Luftmeeres befaßt, ermöglicht wohl auf Grund des Wahrgenommenen das Wetter für einige Zeit vorauszusagen; aber es bestimmen und es in einem den menschlichen Zwecken wünschenswert erscheinenden Grade und Maße anordnen, läßt es sich ja nicht. Gegen die kalten, sonnearmen und regenreichen, nassen Sommer; gegen den schneelosen, trockenen und! abnormalen Ifipll Feuilleton Der verregnete Sukkah. Erinnerungen aus verschollenen Tagen. Von Benjamin Segel. . . . Der Jom Kippur war zu Ende und wir kehrten heim in unser benachbartes Dorf. . . . Zu Hause angelangt, holte Vater, kaum daß er die Havdalah gesprochen, noch mit den Sabbatgewändern angetan, aus der Ecke den großen, schweren Hammer hervor und begab sich beim Scheine der Windlaterne, von der ganzen tollenden und frohlockenden Schar seiner Sprößlinge begleitet, in den großen Garten hinaus, um den Pflock für die Laubhütte einzurammen. So wurde die Sukkah unmittelbar an den Jom Kippur angeschlossen und nichts Wochentägliches hatte sich dazwischen gedrängt. . . . Nun war das Fundament für die Laubhütte gelegt und wir Kinder fingen an, die Pläne für den Bau zu entwerfen. Am nächsten Tage standen wir früh auf und machten uns rechtzeitig an die Arbeit. Ich war der Baumeister und die Kleinen schleppten nach meinen Befehlen allerlei Material herbei, als da waren: Bretter, Leitern, Planken, und wir versuchten mit vereinten Kräften, eine Wand aufzurichten; aber es mißlang allemal. Vater lachte vergnügt über unseren Eifer und tröstete uns, daß ja das Ausschmücken der Sukkah, wenn stärkere Hände sie aufgebaut, auch eine schöne Sache wäre. Einstweilen beschäftigte uns der Ethrog. Am zweitnächsten Tage sollte Vater in die Stadt fahren und ihn herbeibringen. Wir sprachen von ihm wie von einer märchenhaften, sehnsüchtig erwarteten Persönlichkeit. Die Kleineren, die entweder noch nie eineiKEthrog gesehen hatten oder sich seiner nicht zu erinnern wuftn, blickten mit einer Art von Bewunderung zu mir auf, der ich ihn von Angesicht zu Angesicht kannte und ihnen erzählen muBte, wie er aussah: wie ein Apfel und doch nicht wie ein Apfel, denn er war länglich; wie eine Zitrone, aber doch viel, viel feiner, grünlich blaß, mit einem zarten Knöspchen oben und am entgegengesetzten Ende hatte er einen winzigen Stiel. Er lag in einer Silberdose, eingehüllt in weichem, weißen Flachs, damit er keinen Schaden nehme. Und einen Duft verbreitete er, einen Duft sage ich euch, ungleich schöner als die Gewürzbüchse am Sabbath- Äusgang. . . . Von dem armen Lulav, dem doch an den Festtagen der Segensspruch galt, sprach man überhaupt nicht. Auch nicht von den beiden anderen Pflanzenarten, obgleich sie mit zum Festesgruß gehörten. Am dritten Tage verspätete sich der mit Ungeduld erwartete Vater um einige Stunden. Allemal lief ein anderer Knirps auf die Straße hin, um Ausschau zu halten. . . . Endlich erwogen wir, daß es höchste Zeit für uns war, an die Ausschmückung der Laubhütte zu schreiten, die doch morgen von den Erwachsenen in einigen Stunden aufgerichtet werden konnte. Wenn wir nicht rechtzeitig fertig waren, würden sie fähig sein, das Werk unserer Hände zu verschmähen. . . . O, ich hatte noch vom vorigen Jahr her meine bitteren Er?- fahrungen. . . . Unsere alte Dienerin Jaga, die alle jüdischen Bräuche genau kannte und uns Kindern eine Schutzpatronin war, schleppte für uns aus dem Garten die mächtigste Riesenmelone herbei. Wir machten uns daran, sie auszuhöhlen, in die. Haut kleine Fensterchen zu schneiden. Wenn man die so zugerichtete Melone an der Decke der Sukkah aufhing und in das hohle Innere eine brennende Kerze hineinsteckte, so gab das eine unvergleichliche Hängelampe, die an den Abenden die Bewunderung aller Erwachsenen erregen mußte. ... Während wir in die Arbeit versunken waren, kam ein vierjähriger Bote atemlos herbeigelaufen. „Er ist da!" , „Wer ist da?" '"' ' *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.