Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-10-09 · Heft 40 (9.10.1925) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 40 (9.10.1925)
Date
1925-10-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064059--14025-3081561
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT Österreichische Wochenschrift ihr indische meressen Mit dem Beiblatt: Veröffentlichungen der ..Union üentschOsterreichischer laden* Redaktion und Administration: Wien Htewm^Srfraute 13. - Fernruf 42-2-16 XLI. Jahrgang Wien, 9. Oktober 1925 Nummer 40 Das Wetter. Eine Betrachtung zum Schlußfeste 5686 von Rabbiner Dr. M. G. Mehrer. Mit dem achten Tage des Laubhüttenfestes, am Schemini-Azereth, erreicht die Reihe der Feier- und Festtage, die mit dem ersten Tage des Tischri begonnen, ihren Abschluß. Nach einem unserer alten und besten Erklärer der heiligen Schrift ist das Azerethfest ein Liebesruf der Gottheit, wie zu „Kindern, die sich von ihrem Vater verabschieden, und denen da zugerufen wird: Weilet noch ein wenig bei mir, denn die Trennung von Euch wird mir schwer." Dieser Tag, der als ein besonderes Fest bezeichnet wird, gilt als Abschiedsstunde von. den Weihe- und Festtagen, die wir in diesen Wochen feierlich begangen. An diesem Schlußfeste sollten eigentlich alle die verschieden gearteten Gedanken, die uns sowohl an den „ehrfurchtgebietenden Tagen" als auch in der „Zeit unserer Freude" am Laubhüttenfeste bewegten und beseelten, zusammengefaßt werden. Wie in einem Brennpunkte sollten sich die verschiedenen Richtlinien der einzelne« Betrachtungen an den verflossenen Feiertagen konzentrieren. Als Mittelpunkt für diese Betrachtung zum heutigen Schlußfeste möchten wir das Thema vom Wetter wählen. Wobei freilich gleich zu Anfang gegen einen eventuellen Verdacht Verwahrung eingelegt werden müßte, als ob es uns gleich jenem Gesellschafter im Salon gehe, dem der Gesprächsstoff ausgegangen und der sich daher genötigt sieht, zum Wetter seine Zuflucht zu nehmen. Natürlich beabsichtigen wir auch damit nicht etwa festzustellen, wie es heute draußen ausschaut oder auch wie das Wetter morgen aussehen wird. Wir dürfen uns vielmehr mit um so größerem Rechte heute mit dem Wetter befassen, als ja auch in unserem Gottesdienste am Schlußfeste vom Wetter die Rede ist öder, richtiger gesagt, um Wetter gebetet wird'. Im Mussaphteile des Gottesdienstes wird das Gebet um Regen, oder wie es im Volksmiund heißt: „Geschem-Bentschen", eingeschaltet. Damit hat es folgende Bewandtnis: In Palästina, das an und für sich trocken und wasserarm ist, setzt die Regenzeit gewöhnlich jetzt im Herbst ein. Und daß der Regen dem Lande zum Heile und Segen gereiche, daß der dürre Boden bewässert und befruchtet, daß er urbar gemacht werde, daß er sich günstig entwickle, daß der Regen vom Himmel herabkomme, wurde mit dem Tage des Sohlußfestes eine Stelle im Mussaphgebet aufgenommen, die diesem Wunsche des Volkes Rechnung trägt und Gott, den Herrn, als denjenigen preist und lobt, „der den Wind lenkt und den Regen herabströmen läßt." Aus diesem schon von den Männern der großen Versammlung angeordneten Passus hat sich dann auch im Mittelalter durch verschiedene, neu hinzugekommene, auf das Beten um Wasser und Regen bezugnehmende Dichtungen und Pijutim das „Gebet um Regen" entwickelt, das seither allenthalben und überall zum Mussaph des Schlußfestes feierlich vorgetragen und rezitiert wird. Wenn ihm auch für die anderen Länder, deren Klima nicht jenem Palästinas gleicht, wohl etwa keine so aktuelle Bedeutung und dringende Notwendigkeit, wie ihm eben dort, im Lande der Väter zukommt, so ließe sich doch für das „Geschem-Bentschen" auch noch, wie wir glauben, ein verständlicher Grund herausfinden. Wohl soll überall dort, wo wir Juden verbreitet und zerstreut sind, wohl soll uns, die wir an allen unseren Feiertagen so rührend und wehmütig bekennen: „Wegien unserer Sünden sind wir vertrieben von unserem* Lande", auch das Gebet um Regen an unseren Zusammenhang mit dem heiligen Lande erinnern und mahnen. Somit erscheint auch wohl überall, wo wir Juden wohne», das „Geschem-Bentschen" berechtigt. Jedoch nicht allein nur darin müßte man Grund umd Ursache für dieses Gebet erblicken. Auch ein anderes Moment könnte dafür maßgebend sein. Und mag der Boden noch so gut beschaffen, mögen die klimatischen Verhältnisse einer Gegend noch so günstige, für das Gedeihen und Entwickeln von Feld und Flur, von Wald und Wiese noch so glänzende sein; wo und wie könnten sie sich etwa rühmen, von Wind und Wetter, von Regen und Sonnenschein unabhängig und unbeeinflußt zu sein? „Aus den Wolken quillt der Regen, strömt der Segen." Dem „Regen Eures Landes zu seiner Zeit", dem richtigen Wetter, ist ja nicht bloß in Palästina, sondern überall Erträgnis, Frucht und Produkt des Bodens unterworfen. Die Bedeutung jener Worte, die wir im Schmagebete täglich früh und abends wiederholen, empfinden und fühlen wir ja so ganz und vollkommen, wenn wir den Wert einer guten Ernte uns vor Augen halten. Was das heißt „Regen zu seiner", zur richtigen Zeit, „Frühregen und Spätregen", das spüren wir ja manchmal ebenso oder viel mehr wie Vorfahren und Ahnen, wenn wir bedenken, von welchem Einflüsse das Wetter auf den Gang und Lauf der Boden- und Fruchtentwicklung werden kann. Das war ja nicht nur früher einmal so; dies gilt ja stets zu allen Zeiten. Wi^jzittern ja förmlich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.