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Die Wahrheit · 1925-10-02 · Heft 39 (2.10.1925) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 39 (2.10.1925)
Date
1925-10-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 39 Pogrome in den neuerworbenen Ortschaften wurden von polnischen Soldaten aus Preußen, die vorher deutschen Regimentern angehörten, veranstaltet. „Rache für Posen!" sagten die Polen selber. Aber schon seit Ende der Achtzigerjahre strömte hauptsächlich aus dem preußischen Teilgebiet in das russische und das österreichische der Antisemitismus hinein und wurde durch den persönlichen Einfluß der Einwanderer verstärkt. Je „patriotischer" sich die preußischen Juden im Hinblick auf die Polen gebärdeten, desto schwerer wurde ihren Stammesgenossen in den beiden anderen Teilgebieten das Leben. Oft und oft traten galizische und Warschauer Juden an die verschiedentlichen Pollaksöhne, Löwysöhne und Wittings heran und suchten sie zu bewegen, mit Rücksicht auf ihre Stammesgenossen die preußische Polenhetze nicht mitzumachen. Sie wurden höhnisch abgewiesen. „In der Betätigung unserer patriotischen Pflichten lassen wir uns nicht von auswärtigen Rücksichten bestimmen." Und der Lohn für diesen Patriotismus? . . . Was jetzt in Deutschland vorgeht, ist ja im Grunde genügende Antwort. Aber es lohnt sich, zu hören, was der Regierungsrat Cleinow, der preußische amtliche Sachverständige für Polenfragen, sagte. Gleich nach dem Ausbruche des Weltkrieges veröffentlichte er im Oktoberheft der „Berliner Neuen Rundschau", einen Artikel, wo er den Polen die Vorteile auseinandersetzte, die ihnen blühen würden, wenn ganz Polen unter preußischem Szepter vereinigt würde; gleichwie Preußen in seinem Teilgebiet die Juden dezimiert hat, so daß ihre Zahl seit 150 Jahren nicht nur nicht zugenommen hat, sondern auf den zehnten bis zwölften Teil zusammengeschmolzen ist, so würde es auch mit den Juden in den anderen Teilgebieten verfahren, so daß endlich der polnische Mittelstand freie Bahnen haben würde gegen die Juden, gegen welche er jetzt vergeblich ankämpft . . . Diese Versicherung eines gewiegten Fachmannes spricht Bände. Interessant ist es, daß die Polen, unter deren Druck jetzt Deutsche und Juden gezwungen sind, Posen und Westpreußen zu verlassen, in früheren Zeiten gar keine Polen, sondern — Deutsche waren. Seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts wanderten nämlich Deutsche in großen Massen nach dem menschenarmen und verödeten Polen ein, gründeten dort Städte und Siedlungen allerort, aber rasch vergaßen sie ihre Sprache und nationale Tradition und wurden Polen. Nur die gleichzeitig eingewanderten deutschen Juden behielten beides mit seltener Treue. Aus dem Archiv der Krakauer Stadtgemeinde wurden Dokumente aus dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert veröffentlicht, deren Sprache ganz dem noch heute von den Juden gesprochenen Idiom gleicht. Aber im Munde der Nachkommen jener deutschen Einwanderer ist die Sprache längst ausgestorben, nur im Munde der Juden lebt sie noch heutzutage fort. Dieser Prozeß dauerte bis ins neunzehnte Jahrhundert. Ein klassisches Beispiel hierfür sind die sogenannten „Bamberger" in Posen, süddeutsche Bauern, die in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts angesiedelt wurden. Bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts waren sie vollkommene Deutsche geblieben in Sprache und Gesinnung, mit den malerischen Trachten der Frauen und den Erscheinungen der Männer, die an Dürersche Holzschnitte erinnerten, mit ihren altdeutschen Namen. Am Anfange des neunzehnten Jahrhunderts aber waren sie schon Stockpolen, die jede Erinnerung an ihre deutsche Vergangenheit längst verschwitzt hatten. Ihre unmittelbaren Nachkommen waren wohl unter denjenigen, die in Posen die Denkmäler der deutschen Dichter und Staatsmänner von den Sockeln rissen und durch den Straßenkot schleiften, und die Juden mit Gewalt zur Stadt hinausjagten, nachdem sie die Synagogen verwüstet und die Magazine geplündert — aus Rache für die von den Juden äm Dienste der Deutschen den Polen zugefügte Unbill! Der am heftigsten gegen Deutsche und Juden wütete, war der polnische General Hai ler, nämlich Cäsar Hall er von Hallenburg, aus einer rheinischen Familie, die im achtzehnten Jahrhundert im österreichischen Dienste nach Galizien kam. Nach dem Muster des „Ostmarkenvereines" ruchlosen Angedenkens, der gegründet worden war, um die Polen in Posen und Westpreußen zu enteignen und von der väterlichen Scholle zu vertreiben, entstand jetzt in Polen ein „Westmarkenverein", der dasselbe den Deutschen in den polnisch gewordenen Provinzen antun will. An der Spitze dieses Vereines stehen evangelische Generalsuperintendanten und katholische Bischöfe mit deutschen Namen, deren Väter noch kein Wort polnisch sprechen konnten. Die Oberhäupter der extrem deutschfeindlichen und antisemitischen Partei sind z. B. in Lemberg Männer mit ausgesprochenen deutschen Namen Neumann, Stahl und Ernst Adam. Die beiden erstgenannten Katholiken — letzterer noch evangelisch. Aber seinen Sohn ließ er katholisch taufen, damit er nicht später „ein Deutscher wird". Ich könnte diese Beispiele noch lange fortsetzen. Auch in Böhmen und Mähren hatten die Juden ein tragisches Martyrium durchzumachen. Sie fühlten sich als Deutsche und obgleich Deutschböhmen die Pflanzstätte des schärfsten und unerbittlichsten Antisemitismus geworden war, stimmten sie mit den Deutschen und zogen sich dadurch den Zorn und Haß der Tschechen zu. „Der Jude zwischen den Nationalitäten" ist ein besonders tragisches Kapitel, und ich möchte der „Wahrheit" vorschlagen, es von einem berufenen Fachmann bearbeiten zu lassen. Von der Redaktion der „Eisernen Blätter" aber erwarte ich, daß sie auch diesen meinen Brief ihren Lesern mitteilt. Moses Montefiore. Ein Erinnerungsblatt von Dr. Max G r u n w a 1 d. (Fortsetzung.) Im Jahre 1858 unternahm Montefiore eine, leider vergebliche, Reise nach Rom in der Hoffnung, die Rückkehr Edgar Mortara's, eines gewaltsam getauften jüdischen Knaben, zu seinen Eltern zu ermöglichen. Der Knabe war geraubt und in in Bologna heimMch getauft worden. Er wurde von der Kirche zurückbehalten, um als Mönch auferzogen zu werden. „Non possumus'". war die einzige Antwort des Vatikans auf alle Eingaben und Vorstellungen Montefiores, der den nichtoffiziellen Beistand Napoleons III. und die Sympathie des Prinzgemahls Albert sowie des Prinzen von Wales für sich hatte. Alle seine immer wieder erneuerten Anstrengungen blieben fruchtlos. Welcher Schrecken unter Pio IX. im Römischen Ghetto herrschte, wo irgend ein Christ nur in ein Judenhaus einzudringen und ein Kind zu taufen brauchte, um es den Eltern für immer zu entziehen, ähnlich wie man in Rußland unter Nikolaus I. die Judenkinder für den Soldatendienst und die damit verbundene Zwangstaufe raubte, das schildern die kürzlich erschienenen Erinnerungen des bekannten Mahlers der Bilder aüs dem jüdischen Familienleben, Mor. Oppenheim. Die Juden Roms scheuten sich aus diesem Grunde, Leute, die sie nicht genau kannten, die Adresse eines Glaubensgenossen bekanntzugeben. Im Jahre 1859 trat Montefiore in Briefwechsel mit Mr. Gladstone, dem damaligen Gouverneur der Jonischen Inseln, um die Verbesserung der Lage der dortigen Juden zu erwirken. Zwei Jahre später trug diese Korrespondenz schon Früchte. So erließ Athanasius, der Metropolitan von Corfu, Rn die üerehrlictien Mitglieder der Union deutschüsterreichischer luden! Eine große Anzahl von Mitgliedsbeiträgen für das laufende Jahr ist noch ausständig. In Anbetracht der finanziellen Lage der „Union" bitten wir dringendst, die rückständigen Beträge so rasch als möglich uns gefälligst zukommen zu lassen. Der Zentralvorstand der „Union deutschösterreichischer Juden". JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien IL, Glockengasse 24 Wien II., Taborstraße 44

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