Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 39 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 39 DIE WAHRHEIT Seite 7 sen ihres Vaterlandes, immer riefen sie dabei sogar die Hilfe ihrer jeweiligen Regierungen an, so z. B. die Hilfe Bismarcks während des Berliner Kongresses 1878. Ich rate dem Herrn Pfarrer Taub, das von ihm zitiert© Buch von Segel, „Rumänien und seine Juden" gründlich durchzustudieren. Daraus könnte er ersehen, daß das Eintreten der Westjuden für ihre östlichen Stammesbrüder häufig im Interesse und auf direkte Veranlassung ihrer diversen Regierungen geschah, die damit ihre eigenen Ziele verfolgten, und daß dieses Eintreten sehr oft den Juden der östlichen Länder nicht zum Heftl gedieh. Allein mich will es schier bedünken, daß die Worte des Pfarrers Traub auf die deutschen Juden gemünzt sind. Ihnen wird hier mittelbar der Vorwurf gemacht, daß sie 'im Gegensatz zu ihren französischen Glaubensgenossen, sich durch nationale Beweggründe nicht abhalten lassen, für die Juden anderer Länder, besonders in Polen, einzutreten. Nun, ich fühle mich zwar nicht berufen, die deutschen Juden gegen ihren Landsmann Traub in Schutz zu nehmen.. Aber das Zeugnis muß ich ihnen ausstellen: die Anklage des Pfarrers Traub ist vollkommen unbegründet. Die deutschen Juden sind zwar vielfach für ihre Stammesgenossen in andern Ländern eingetreten, am Anfange des laufenden Jahrhunderts wurde ja zu diesem Zweck eine eigene Organisation, der „Hilfsverein der deutschen Juden" gegründet, allein es ist bekannt, daß diese Gründung direkt auf den Wunsch — um nicht zu sagen auf Befehl — des Kaisers Wilhelm geschah und den Zweck verfolgte, der franzöischen Kultur und wirtschaftlichen Propaganda im Orient, die durch die Pariser Alliance besorgt wurde, eine ebenso starke deutsche zur Seite zu setzen. Das entsprach dem steigenden Interesse des Kaisers an den Dingen im Orient. Die Juden, um deren Wohl man vorgeblich bekümmert war, dienten auch den deutschen, ebenso wie den französischen Machthabern nur als Vorspann, als Ausflucht, um ihre eigenen „nationalen" — d. h. recht materiellen — Interessen zu fördern. An die Spitze des Hilfsvereines trat denn auch ein Mann, der nicht die inündeste innere Beziehung zum Judentum hatte, sich vorher nie um jüdische Dinge bekümmerte, von ihnen auch nicht die geringsten Kenntnisse besaß, dessen beide Sprößlinge längst getauft waren und der erst vor eünem Jahre dem Vernehmen nach seinen Austritt aus der jüdischen Gemeinde anmeldete, weil ihm die Gemeindesteuer zu hoch erschien. Der Hilfsverein bekümmerte sich auch um die Juden in jenem Teil Polens, der zum alten Oesterreich gehörte: Galizien. Nun, ist Folgendes sehr bezeichnend. Der Geschäftsführer des Hilfsvereines im Ehrenamt — übrigens ein hochachtbarer Mann, dem allein das viele Gute zu verdanken ist, das der Verein trotz allem gestiftet hat — gab im Vereine mit einem nichtjüdischen liberalen Politiker eane weitverbreitete Wochenschrift heraus, die für die Bismarck-Bülowsche Ausrottungspolitik gegen die Polen mit allen Eifer eintrat, ohne zu ahnen, daß diese. Politik für die galizischen Juden, die er retten wollte, höchst verderblich war. Als Bismarck 1886 galizische Polen, die 5m preußischen Teil als Güterdirektoren usw. zum Teil seit Jahrzehnten angestellt waren, massenhaft ausweisen ließ, suchten sie, brotlos geworden, Zuflucht in ihrem Heimatlande, wo sie von ihren Konnationalen als Märtyrer der nationalen Sache "umso williger aufgenommen wurden. In Galizien mußten ihnen die Juden, die ebenso massenhaft auf den Gütern der polnischen Großgrundbesitzer in ähnlichen. Stellungen beschäftigt waren, Platz machen. Diesen Jude» blieb nichts übrig, als nach Amerika auszuwandern. In Galizien wurden bei gewissen Kategorien von Aemtern, die eine gute Kenntnis der deutschen Sprache erforderten, die Juden ungehindert zugelassen, ja sogar bevorzugt, da man den Juden eine bessere Beherrschung der deutschen Sprache zutraute. Seitdem Bismarck seine Polenpoltik inaugurierte, kamen alljährlich ganze Scharen von polnischen jungen Leuten, an deutschen Gymnasien und Hochschulen ausgebildet, nach Galizien, da ihnen ' in der Heimat die höhere Beamtenlaufbahn verschlossen war. Sie wurden in Galizien als Märtyrer der nationalen Sache mit offenen Armen aufgenommen. Das Deutsche beherrschten sie ungleich besser als die heimischen jüdischen Akademiker. Was Wunder, daß sie die Plätze der Juden einnahmen? Manche von diesen Posenern haben in Oesterreich glänzende Karriere gemacht, wurden Minister, Statthalter, Chefs der Landesfinanzverwaltung, Universitätsprofessoren, Bankdirektoren. Und jeder von ihnen brachte ins Land eine gute Portion echt deutschen, systematisch durchgearbeiteten Antisemitismus. Bismarck hatte damals der Welt das Beispiel gegeben, daß man friedliche, unbemakelte Ausländer ausweisen darf aus nationalen Gründen. Was in Deutschland geschehen konnte, war gewiß keine internationale Schande. Rußland tat sofort das Gleiche und in den nächsten drei Jahren wurden über achttausend galiZiisch-jüdische Familien aus Russisch-Polen, Littauen und der Ukraine ausgewiesen, wo sie zum Teil seit einem Menschenalter friedlich und ehrenhaft ihr Brot gefunden. Aber die jüdischen Vorkämpfer in Deutschland hörten bis zum letzten Moment nicht auf. diese PoHtik zu unterstützen. Man kann also den deutschen Juden nicht den Vorwurf machen, daß sie sich in ihrer politischen Haltung von Rücksichten auf das Schicksal ihrer Glaubensgenossen in fremden Ländern bestimmen ließen. Das Verhalten der Juden, besonders der Posener und westpreußischen, zu der Polenpolitik Preußens bis zum Ausbruch des Weltkrieges bildet eines der verhängnisvollsten und schmerzlichsten Kapitel der neueren jüdischen Geschichte. Die Poletipolitik Preußens seit den drei Teilungen Polens bis zum Wiener Kongreß war ja, gleich der Politik der beiden anderen Teilungsmächte, bar aller Gerechtigkeit, Billigkeit und Menschlichkeit, zugleich aber bar aller staatsmännischen Fernsicht, diktiert lediglich von Raubgier, von der sogenannten Staatsraison, die vor keiner Gewalttat, vor keiner Niedertracht und Gemeinheit zurückschreckt So war übrigens die auswärtige Politik aller europäischen Staaten seit jeher beschaffen. Die drei Teilungsmächte haben ja vom Weltkriege von der Hand der Vorsehung den verdienten Lohn erhalten. Aber die europäische Politik hat aus dieser eindringlichen Lektion der Weltgeschichte nichts gelernt und fährt fort, dieselbenBahnen zu wandeln. Sogar das wiedererstandene Polen hat sich das Schicksal seiner so schwer gezüchtigten Züchtigen nicht zu Herzen genommen. Aber das Verhalten Preußens gegenüber dem unterworfenen Lande mit dem unterjochten polnischen Volke seit 1815 war eine einzige Kette von Eidbrüchen, Treulosigkeiten, Rechtsbeugungen, Vergewaltigungen, die gekrönt wurden durch das ruchlose und schandbare Enteignungsgesetz, einer Schöpfung des plattesten deutschen Staatsmannes und des verantwortungslosesten deutschen Monarchen. Der berühmte polnische Schriftsteller Heinrich Sienkiewicz gab im Jahre 1909 ein umfangreiches Buch heraus, welches die Ansichten der hervorragendsten Männer aller europäischen und amerikanischen Länder über diese Großtat der preußisch-deutschen Regierung enthielt. In einer Besprechung dieses Buches sagte Karl J e n t s c h, es bedeutet für die Deutschen so viel wie ein verlorener Krieg. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Enteigraungsgesetz gegen die Polen einer der stärksten Faktoren gewesen ist, der den Welthaß und die Weltkoalition gegen Deutschland ermöglicht und somit die Deutschen nach Versailles geführt hat. Nun, die Juden haben diese Polenpolitik nicht nur niemals getadelt oder sich ihr entgegengestellt, sondern sie noch mit ihren allerdings sehr schwachen und unbedeutenden Kräften unterstützt. Hier beginnt ein Kapitel jener tiefen Tragik, die in dem Schicksal des jüdischen Volkes liegt. Die Juden in Posen und Westpreußen sprachen jene mittelhochdeutsche Mundart, die sie vor fünf oder sechs Jahrhunderten aus der Rheingegend mitnahmen, als sie gezwungen waren, gegen Osten nach Polen auszuwandern. Von dieser Mundart zum Neuhochdeutsch war der Uebergang sehr leicht. Seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts strömte also deutsche Kultur zu den Juden des Ostens hinein. Und die Juden in dem preußischen Teilungsgehiet hielten in begreiflichem Irrtum die neuen Machthaber für Repräsentanten der deutschen Kultur, deren Verkörperung Herder, Lessing, Schüjer, Goethe, Kant, Mendelssohn waren, lauter Namen, die den Ostjuden teuer und verehrungsvoll waren. Die Ostjuden gaben sich keine Rechenschaft davon, daß alle diese Männer über preußische Polenpolitik ebenso urteilen würden, wie etwa Jesaja, Arnos, Hillel oder Rabban Jochanan ben Sakkai, das heißt, sie würden sie als heidnisch, unmenschlich, gottverflucht in den Grund und Boden verdammt haben. Die von der jüdischen Lehre und Tradition gepredigte Pflicht der Loyalität und Treue der legalen Regierung gegenüber artete bei den Juden dieser Provinzen zum kritiklosen Gehorsam aus und auch die ungerechtesten und widersinnigsten Maßregeln der Regierung wurden wenigstens stillschweigend gutgeheißen. Die Behandlung, die die Deutschen jetzt in Polen erdulden, ist der Lohn der historischen Nemesis für die Sünden ihrer Vorfahren seit 150 Jahren. Aber noch schärfer ist die Strafe, die die Juden jener Provinzen getroffen hat: bis auf kleine Ueberreste sind fast alle jüdischen Gemeinden in Posen und Westpreußen zerstört, der Wohlstand der Juden ist total vernichtet. Aber die Juden in ganz Polen büßen jetzt für das Verhalten ihrer Posener und westpreußischen Stammesgenossen. Von Posen aus hat sich die heftigste und unversöhnlichste antisemitische Strömung über das frühere Russisch-Polen und Galizien ergossen. Die