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Die Wahrheit · 1925-10-02 · Heft 39 (2.10.1925) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 39 (2.10.1925)
Date
1925-10-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seit» 6 DIE WAHRHEIT Nr.39 Dieser Erlaß wurde auf Betreiben des „unpolitischen" Verbandes der Lebensmittelhändler Wiens herausgegeben und richtet sich vor allem gegen die in Wien bestehenden 300 jüdischen Selchwarenrestaurants und Auskochereien, welche einfache und billige Speisen an diejenigen minderbemittelten Glaubensgenossen verkaufen, welche sich den Besuch eines anderen Gasthauses nicht leisten können. Jüdische Arbeiter, Angestellte, Studenten usw. können dort für billiges Geld ihren Hunger stillen und sind gewohnt, in derartigen Auskochereien, gewöhnlich im Abonnement, zu essen. Gleichzeitig jedoch sind die Besitzer derartiger Auskochereien und verwandter Betriebe gezwungen, tagsüber Selchwaren etc. zu verkaufen, da sie von der geringen Losung, wsiehe sie mittags und abends machen, ihre Betriebe nicht aufrechterhalten Jtönnen. Es ist klar, daß die Gäste derartiger Lokale auch am Sonntag und des Abends, wenn sie aus der Arbeit kommen, ihren Hunger stillen wollen, wie es selbstverständlich ist, daß die Inhaber der Auskochereien bei den heute fast unerschwinglichen Regiekosten nur dann die Speisen so billig verabfolgen können, wenn sie auch während des übrigen Tages etwas' verdienen. Es würde daher für diese jüdischen Gewerbetreibenden den vollkommenen wirtschaftlichen Ruin bedeuten, wenn sie gezwungen wären, auf den Betrieb des Lebensmittelhandels oder auf den des Gastgewerbes zu verzichten. Der erwähnte Erlaß, der sich also gerade gegen die wirtschaftlich Schwachen richtet, ist daher ein neuer Beweis für das wahre soziale Empfinden der sozialdemokratischen Rathausmajorität, wie er ein Zeichen für das tiefgehende wirtschaftliche Verständnis derjenigen ist, welchen der Schutz der wirtschaftlichen Interessen der Wiener Bevölkerung anvertraut ist. Geschäftsleute, welche redlich ihr Brot verdienen, werden — man möchte fast sagen mutwillig — schikaniert und Angestellte, Arbeiter und Studenten, welche ihr schwer verdientes Brot verzehren wollen, werden zwecklos in Unkosten gestürzt, denen sie nicht gewachsen sind, oder zum Hunger verurteilt. Allerdings handelt es sich bei den Geschädigten meistens „nur" um — Juden. Hierzu kommt, daß die meisten jüdischen Lokale am Samstag geschlossen sind und die Besitzer derselben, falls sie auch am Sonntag gesperrt halten müßten, wöchentlich nur fünf Geschäftstage hätten, was aus wirtschaftlichen Gründen eine direkte Unmöglichkeit darstellt. Die Vorgeschichte dieses merkwürdigen Erlasses ist die folgende: Die Verordnung, auf welche sich dieser Erlaß bezieht, stammt bereits aus dem Jahre 1905 und wurde im Jahre 1919 wieder aufgegriffen. Sie besagt, daß sich derjenige, welcher zwei Gewerbe in einem Lokal betreibt, hierbei an die strengen Gewerbevorschriften zu halten habe. Um nun Selchwaren „über die Gasse" verkaufen zu dürfen, haben die Auskocher auch den Lebensmittelhandel behördlich angemeldet. Aus dieser Anmeldung, welche die Selchwarenverschleißer und Auskochereibesitzer nur in Befolgung der neuen gesetzlichen Bestimmungen vollzogen haben, sollte ihnen nun ein Strick gedreht werden. Als im Jahre 1919 der Wiener Magistrat auf Grund von Anzeigen einiger Gemischtwarenhändler gegen die genannten Betriebe mit aller Schärfe vorging, da wurde Herr Oskar Tonello im Namen der betreffenden Gewerbetreibenden bei der Magistratsabteilung 53 vorstellig, jedoch ohne Erfolg. Auch die Vorsprache der Herren Kommerzialrat Alois T h e um a n n und Oskar Tonello beim Bürgermeister S e i t z im Interesse der in ihrer Existenz bedrohten Gewerbetreibenden hatte keinen Erfolg, während die fortwährenden Denunziationen und das andauernde Schüren der anderen Lebensmittelhändler, insbesondere des betreits erwähnten „unpolitischen" Verbandes auf die maßgebenden Faktoren nicht ohne Eindruck geblieben ist. Es wurde sodann eine außerordentliche Versammlung des „Vereines der jüdischen Gastwirte, Hoteliers und verwandter Betriebe" einberufen, zu welcher auch die jüdischen Mandatare eingeladen wurden. Doch sind diese mit Ausnahme von Bezirksrat Weiner weder erschienen, noch haben sie, wie uns von kompetenter Seite mitgeteilt wird, irgend etwas in der Angelegenheit der bedrohten jüdischen Gewerbetreibenden veranlaßt. Von denen im Stiche gelassen, welche sich für die berufenen Vertreter jüdischer Interessen halten, und von keiner Seite unterstützt, haben sich nun die Delegierten der jüdischen Gastwirte, Hoteliers und verwandter Betriebe mit den Vertretern des Verbandes der Lebensmittelhändler, dem bekannten Christlichsozialen Guido H a b 1 e r und dem Sozialdemokraten Leo Sternberg in Verbindung gesetzt und nach langwierigen Verhandlungen gewissermaßen einen Waffenstillstand geschlossen. Doch dieser wurde nach kurzer Zeit gebrochen, indem einige jüdische Betriebe, welche den neuen, weitaus strengeren Durchführungsverordnungen nicht voll entsprochen haben, von der Wache geschlossen wurden. Was in ihrer Möglichkeit stand, haben die Auskocher und Selchwarenhändler getan, um nur ja nicht gegen die Verordnungen des Magistrates zu verstoßen. Mit Vorhängen, Gittern und Brettern haben sie die Gaststätten vom Handelsbetrieb zu trennen gesucht Das genügt jedoch den Herren im Magistrat noch immer nicht. Man verlangte von ihnen, daß sie ein besonderes Lokal für den einen oder anderen Betrieb mieten sollten, falls aus räumlichen Gründen die Schaffung eines besonderen Einganges nicht möglich war und stellte noch viele andere ebenso undurchführbare Forderungen. Offenbar ist den Herren im Rathaus vollständig unbekannt, daß es in Wien eine Wohnungsnot gibt und Lokale entweder überhaupt nicht oder nur durch Aufwendung unerschwinglicher Summen gemietet werden können. Die Lebensmittelhändler setzten nunmehr ihre Wühlarbeit unverdrossen fort und erreichten es schließlich, daß der im vorstehenden besprochene Erlaß vom Magistrat herausgegeben wurde. Mit unverhohlener Freude konnten sie daher in ihrem Fachblatte schreiben: „Es ist erreicht!" Jawohl, meine Herren, es ist erreicht; dreihundert jüdische Gewerbetreibende sind in ihrer Existenz aufs schwerste gefährdet und werden in eine Zwangslage gebracht, aus der es kein Entrinnen gibt, wenn der erwähnte Erlaß zur vollen Auswirkung gelangt. Das eine ist sicher: Die von dem Erlasse aufs schwerste getroffenen Gewerbetreibenden werden nicht ruhen, noch rasten, bis auch ihnen ihr Recht geworden ist und sie den Anschlag auf ihre Existenz abgewehrt haben. Die gegenwärtige Lage der Juden in Polen. (Vierter Brief.) Mir ist die Ehre zuteil geworden, daß meine drei Briefe über die gegenwärtige Lage der Juden in Polen von verschiedenen Blättern in der Tschechoslowakei, Rumänien, Deutschland, Amerika, Ungarn und der Schweiz nachgedruckt wurden. Es waren darunter auch Zeitungen, die nichtjüdischen Zwecken dienen. Diese Auszeichnung verdanken meine Artikel natürlich in erster Reihe dem Umstand, daß sie in der Wiener „Wahrheit" erschienen sind — aber immerhin beweist dies, daß der Gegenstand allenthalben großes Interesse erregt. Auffallend ist es indessen, daß die „Eisernen Blätter" den letzten der drei Artikel im vollen Umfange nachgedruckt haben. Dieses Blatt ist erhaben über jeden Verdacht, für die polnischen oder für irgendwelche Juden überhaupt Sympathie zu hegen. Es ist dies das Organ des bekannten Pfarrers Traub, der sich vom Ultra-Liberalen langsam zum Ultra-Konservativen hinübergemausert hat, so daß er einer der Führer des Kapp-Putsches werden konnte. Aber Pfarrer Traub ist duchaus ein Ehrenmann und darum verschmähen es die „Eisernen Blätter", in das radau-antisemitische Horn zu blasen, wie die anderen konservativen Organe, die der Herren Gräfe, Westarp, Reventlow usw., obwohl die „Eisernen Blätter" es nie für nötig gehalten haben, entschieden von dem Antisemitismus auch der rüdesten und niedersten Art, z. B. dem Protokoll- Antisemitismus abzurücken, oder gar gegen ahn Stellung zu nehmen. Man läßt sich die guten Dienste sogar der Herrn Rosenberg, Beek und Fritsch gern gefallen, wenn man es auch vermeidet, sich mit diesen Gesellen an einen Tisch zu setzen. Pfarrer Traub treibt eben „praktische Politik". "Und das Haaiptdogma der praktischen Politik lautet eben: „non ölet!" In einer Vorbemerkung zu meinem Artikel sagt Pfarrer Traub: „Man beachte besonders, wie selbstv er st ändlich es für diesen jüdischen Berichterstatter ist, daß die französischen Juden aus nationalen Beweggründen nicht für ihre Stammesgenossen in Polen eintreten." Ich gestehe, daß es mir unbegreiflich dst, warum das nicht selbstverständlich sein sollte. Das ist ja immer so gewesen. Die Juden der westeuropäischen Länder traten, etwa seit 1840, einigemale für ihre Stammesgenossen in fernen Ländern ein, aber niemals geschah dies im Widerspruch oder Gegensatz zu den Interes-

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