Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 39 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 39 DIE WAHRHEIT 3,24). Von den Christusbekennern verlangen Sie, daß sie ihren jahrtausendlangen Judenhaß aufgeben möchten und mit Entrüstung: weisen Sie auf die Schandtaten hin, die im Namen des christlichen Messias gegen die Juden verübt werden. Im Zionismus sehen Sie den neuen Messiasgedanken des Judentums. „Wir wollen hoffen", sagen Sie (S. 58), „daß sich der erprobte jüdische Geist im neugewonnenen Orient von neuem behaupten wird." Das ist ein schöner Gedanke und entspricht dem Titel Ihres Werkes und dem Globus, der auf ihm abgebildet ist, Palästina das Zentrum der Weltkultur. Was soll aber das Frage- und Ausraifumgszeichen? Sie, der Sie die Weissagung der alten Propheten in Erfüllung gehen sehen, müssen ja daran glauben; Sie, der Sie den Zionismus als den Anfang der Erfüllung der Zeiten ansehen, können ja nicht darob zweifeln, daß.wirklich die Zeit einer neuen Weltkultur angebrochen ist. Doch-, Sie zweifeln daran, weil Ihrer Meinung nach sich das Judentum mit dem Christentum vorerst aussöhnen soll. Jawohl, das Judentum mit dem Christentum und nicht umgekehrt. Das Judentum soll buchstäblich zu Kreuze kriechen. Sehen Sie, mein Herr, da trennen sich unsere Wege. Das religiöse GefüliJi, das Sie im modernen Judentum so sehr vermissen, bei diesen modernen Juden, die Sie als Atheisten und vom Pharisäismus und Rabbinismus irregeleitet und jedenfalls als unbefriedigt hinstellen, wird sich dennoch als stark genug erweisen, um dem Widerstand zu leisten, was Sie uns als Tausch anbieten. Sie verlangen zwar von uns Juden nicht, daß wir Christen werden (S. 67, 69), auch nach Ihnen war Jesus kein Gott (S. 73), auch nach Ihnen ist das heutige Christentum völlig entartet und von den ursprünglichen. Ideen seines Erlösers sei nichts) übrig geblieben, da ja sonst die jüdischen Ideen in ihm vorherrschen müßten, aber diesen Erlöser selbst möchten Sie dennoch auch von den Juden anerkannt sehen, weil er nichts, nichts als die reine Religion hergestellt wissen wollte. Damit reden Sie selbst das Wort einem Personenkultus, den Sie sonst so sehr perhorrescieren (S. 76). Noch mehr: Sie schreiben (S. 102): „Wir schließen mit allen aufrichtigen Verfechtern ihren (der Menschheit) idealen Frieden auf folgender Grundlage: Der Schöpfer des Weltalls ist der Vater; die Liebe, die den Urheber alles Lebens zur Schöpfung veranlaßt, ist der Sohn; die Kraft, die den Kosmos zustande brachte, ist der Geist. Diese drei Wesen vereint, sind Gott" — und diese Worte sind bei Ihnen unterstrichen. O, Sie Schlauer, Sie negieren das christliche Dogma, lassen aber die Trinität doch bei der Hintertüre herein. Wer wird Ihnen da hereinfallen? Als Sie (S. 801) den Gedankengang des modernen Judentums wie folgt schilderten :„Der Mensch braucht keine Erlösung, um sich ethisch erheben zu können. Brüderlichkeit, Toleranz, die Humanitätsreligion, die allein nur kann die Menschheit erlösen. Der Christus der Heiden ist Bundesgenosse der Mörder unserer Brüder vom Tage seiner Auferstehung bis heute. Anstatt uns zu helfen, hat er uns in den Rachen des Molochs gestoßen, der ihn anbetet. Nein, er ist nicht, er war nicht und er wird nicht unser Messias werden" — als Sie so schrieben, dachte ich, Ihr gut jüdischer eVrstand würde Sie vor Dummheiten bewahren, bis ich sehen mußte, daß Sie inkonsequent, unlogisch, verräterisch einer Sache das Wort reden, die Sie selbst für unheilbringend ansehen müssen. Angesichts dieser Tatsache muß ich den Verdacht aussprechen, daß Sie Ihrem Buche lügnerisch die .Spitzmarke „Palästina, das Zentrum der Weltkultur" gegeben haben; Sie halten Palästina und Zionismus als Schild vor, um mit Jesus und Christentum stoßen zu können. Mit Verlaub, das tun nur Missionäre. Ich zweifle nicht an Ihrer echten Frömmigkeit; nur ist dieselbe christlich gefärbt. Auch ich bin für die Versöhnung, aber abrüsten* müssen jene, die die Gewalt in Händen haben und mit Gewalt vorgehen. Wenn Sie aber meinen, wir Juden geben nichts auf, da wir ja von der alten, echten Religion nichts behalten haben, so irren Sie; auch diese Religion, wie sie sich historisch entwickelt hat, ist uns lieb und teuer; lieber und teurer als jede andere. Wollte ich ins Detail gehen, könnte ich Ihnen sehr leicht nachweisen, daß Sie die sogenannte pharisäische oder rabbinische Richtung denn doch allzu leicht nehmen, und aus gewissen Fehlern in Ihrer Diktion geht auch hervor, daß Sie sie nicht kennen. Demzufolge spreche ich Ihnen auch das Recht ab, dieselbe zu beurteilen oder gar wegzuwerfen. Nur darin gebe ich Ihnen recht, daß von der heutigen, religiösen Richtung im Judentum so manches Individuum unbefriedigt bleibt; daran ist aber wohl die Gleichgültigkeit dieser Individuen schuld, und so etwas wird wohl auch im Christentum zu beobachten sein. Wir verlangen die Aussöhnung im Namen der Vernunft, im Namen des Rechts, aber ohne Opfer unsererseits. Das Christentum ist dazu verpflichtet auch — aus Religion, denn es nennt sich die Religion der Liebe; es ist uns gegenüber dazu auch verpflichtet, weil es sich zu uns wie die Tochter zur Mutter verhalten muß. Tut es das nicht, so negiert es sich selbst und setzt sich selbst ins Unrecht; demzufolge muß auch der Gegensatz zwischen uns fortbestehen. Wir werden weiter leiden, aber nachgeben werden wir nicht. Sie wollen eine Rezension Ihres Werkes; hier haben Sie sie; Sie wollten eine Rückäußerung auf die Zuschriften Ihrer Bundesgenossen; ich habe geantwortet sine ira et studio, aber fest und zielbewußt. Ein Ansehlag gegen 300 jüdische Gewerbetreibende. Vor kurzem hat der Wiener Magistrat einen Erlaß über Sonntagsrahe und Ladenschluß derjenigen Gewerbetreibenden herausgegeben, welche in einem gemeinsamen Lokal gleichzeitig den Lebensmittelhandel und das Gast- und Schankgewerbe ausüben. Zufolge dieses Erlasses müssen alle jene Betriebe, bei welchen eine vollständige Trennung und räumliche Scheidung zwischen der Verkaufsabteilung und dem Gast-, bzw. Schankbetriebe nicht möglich ist, an Wochentagen nach 7 Uhr abends und an Sonntagen überhaupt geschlossen bleiben. In dem Erlaß wird die Polizeidirektion angewiesen, im Falle der Uebertretung die sofortige Schließung der Gast- und Schankgewerbelokalitäten zu verfügen.