Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 39 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 39 DIE WAHRHEIT Seite 3 Zionismus und Landespolitik. Und es kam, wie. es kommen mußte. Innerhalb der österreichischen Zionismen hat sich eine „Freie Zionistische Vereinigung" gebildet, welche der bisherigen Politik des „Zionistischen Landeskomitee.s für Oesterr e i c h" die schärfste Opposition angekündigt hat. Der Aufruf, welchen die neugeründete Vereinigung veröffentlicht und der von einer Reihe hervorragender Männer unterzeichnet ist, bat folgenden Wortlaut: _ _ i Das Programm des Zionismus, die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina, wird nun verwirklicht. Der Völkerbund hat sich dieses Programm zu eigen gemacht und England das Mandat erteilt, Palästina so zu verwalten, daß das jüdischnationale Heim dort erstehe. An der Quelle der europäischen Kultur erblüht wieder ein Kulturzemtrum, das der ganzen Menschheit dienen soll. Pflicht eines jeden Juden ist es,.an dieser Arbeit nach seinen besten Kräften mitzuhelfen. Wir rufen alle jüdischen Männer und Frauen auf, sich uns anzuschließen und der von uns neugegründeten Freien Zionistischen Vereinigung beizutreten. Ihr Programm ist das Programm der Zionistischen Weltorganisation. Die Freie Zionistische Vereinigung wird sich daher mit der österreichischen Landespolitik und sonach auch mit der Aufstellung von Kandidaten für die politischen Vertretungskörper nicht befassen. Es bleibt das unantastbare Recht eines jeden einzelnen, seine Bürgerpflicht nach seiner persönlichen politischen Denkungsart zu erfüllen. Die Freie Zionistische Vereinigung ist nur der Sammelpunkt aller Juden, die an den Pflichten und Arbeiten der Zionistischen Weltorganisation teilnehmen wollen. Beitrittserklärungen sind an Dr. S c h a 1 i t, Wien IX., Währingerstraße 3, zu richten. Direktor Siegfried A11 m a n n, Oberfinanzrat Dr. Hugo Benedikt, Dozent Dr. Felix Deutsch. Direktor Armin D u s c h i n s k y, Dr. Fritz Eckstein, Rechtsanwalt, Kasteiung", das Laubhüttenfest hingegen wird „Zeit unserer Freude" genannt und es gibt für dieses Fest keine andere Bezeichnung als „die Zeit unserer Freude". Unsere Freude muß aber das charakteristische Merkmal haben und dies heißt „Freuet euch vor dem Ewigen eurem Gott". Dies ist das amtliche Vermerk und dies stempelt die Freude zur jüdischen Freude und zur wahren Freude. Das Merkmal der jüdischen Freude ist, andere z u erfreuen. „Freue dich vor dem Ewigen, deinem Qotte, du, dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht und deine Magd, der Levite, der in deinem Tore weilt, der Fremdling, die Waise und die Witwe" (5. B. M. Kap. 16, 11 und 14). Wer die höchste Freude darin findet, andere zu erfreuen, wird sich nicht auf Kosten anderer freuen und zerstreuen; wer sein Freudenfest in der finsteren, düsteren Hütte feiert, der wird auch an diejenigen denken, die das ganze Jahr in finsteren Hütten ein trauriges Dasein fristen, und sich bemühen, Sonnenschein in die Hütten der Not und des Elends zu tragen und zu verbreiten. Das Fest der Laubhütten ist bekanntlich zugleich ein Fest der Ernte. Wer erntet, hat sicherlich Grund, sich zu freuen; er denke aber in «einer Freude an — die Hütten des Elends, indem er andere erfreut, er freue sich vor dem Ewigen, seinem Gotte. Univ.-Prof. Dr. Bernhard Geiger, Dr. Max Gold, Industrieller, Hofrat Ing. Leopold H e r z k a, Dr. Joachim K r i e g e 1, Arzt, Dr. Wilhelm L e d e r e r, Direktor, Doktor Maximilian Piekarski. Rechtsanwalt, Kurt Offenberg e r, Beamter, Dr. Felix O r n s t e i n, Arzt, Architekt Max P o 11 a k, Bruno R a b i n o w i t z. Kaufmann, Dr. Isidor S c h a 1 i t, Zahnarzt, Medizinalrat Dr. T. M. S c h n i r e r, Wilhelm S c h ü ß, Oberprokurist, Dr. Heinrich S o k a 1, Rechtsanwalt, Dr. Fritz Georg Steiner, Direktor. Hofrat Rudolf T a u s s i g, Dr. Jakob W e i n e r, Beamter, Heinrich York Steiner, Schriftsteller. Ing. Paul Zuckermann. Schon zur Zeit, als Theodor Herzl den politischen Zionismus ins Leben rief, gab es innerhalb seines damals noch kleinen Anhängerkreises zwei verschiedene Anschauungen: Die eine ging dahin, daß der Zionismus alle seine Anstrengungen nur auf das eine Ziel zu richten habe, „die Schaffung eitler öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" zu ermöglichen. Diesem klaren Programmpunkt entsprechend, richteten die Vertreter dieser Anschauung ihr Augenmerk nur auf Palästina und lehnten jede innerpolitische Betätigung innerhalb ihrer Länder ab. Die andere Anschauung hielt hingegen neben dem obgenannten Ziele auch eine jüdischnationale Betätigung in der Politik des Landes, in dem Juden leben, für notwendig, ja sogar für eine Vorbedingung zur Erreichung des Endzieles, welches sie mit den Nur- Zionisten gemeinsam haben. Es handelt sich hier also nicht um einen Gegensatz der Weltanschauung, sondern um eine durchgreifende Verschiedenheit der politischen Taktik. Allen bisher stattgefundenen Zionistenkongressen hat die oft mit Erbitterung geführte Auseinandersetzung zwischen beiden politischen Richtungen innerhalb des Zionismus den Stempel aufgedrückt und, welche Frage auch immer die Kongresse beschäftigt hat, sie wurde fast immer von diesen beiden Gesichtspunkten aus betrachtet. Je nach der außenpolitischen Situation, das heißt nach der allgemeinen Weltlage, hat die eine oder die andere Richtung hierbei die Oberhand gewonnen. Als nach dem Weltkiege infolge der gewaltigen politischen Veränderungen die Judenfrage, insbesonders in Osteuropa, in ein neues Stadium trat, und die Balfour-Deklaration der zionistischen Bewegung neue Impulse gab, da schien es, als ob die innerpolitisch eingestellte Richtung innerhalb der zionistischen Bewegung den endgültigen Sieg davon tragen sollte. So bildeten sich in den Ostländern, in Rußland, Polen, Litauen, Ost- und Westgalizien, in der Ukraine und vielen anderen Ländern sogenannte „JüdischeNationalräte" und auch die österreichischen Zionisten suchten diese politischen Methoden durch die Schaffung eines „Jüdischen Nationalrates für Oesterreich" nachzuahmen, obwohl die überwältigende Mehrheit der österreichischen Juden gegen diese Institution protestierte. In den Westländern hingegen, vor allem in Deutschland, Frankreich, England und Amerika blieben die zionistischen Landeskomitees nach wie vor jener Anschauung treu, welche eine innerpolitische nationale Betätigung als dem Zionismus abträglich betrachtete. Doch auch in Oesterreich machte sich allmählich, insbesond#rs infolge der zahlreichen Mißerfolge, welche die „nationale" Politik des Landes-