Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 39 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT _Nr. 39 vom sittlichen Standpunkte aus, aiich der größte Feind der wirtschaftlichen Entwicklung: eines Volkes ist. Wenn sich endlieh die Erkenntnis allgemein durchsetzen wird, daß ein Krieg mit seinen Zerstörungen und seinem gewichtigen Ausfall an wirtschaftlichen Kräften auch im Falle eines Sieges eüiv schlechtes „Geschäft" ist, dann wird an die Stelle des Waffeniärms, des Massenmordens und der gegenseitigen Vernichtung der friedliche Wettbewerb der Völker treten. Aber nicht aHein der Krieg selbst, sondern auch die Angst vor dem Kriege ist ein schweres Hemmnis der wirtschaftlichen Entwicklung; zwingt sie doch die Völker, die produktiven Kräfte für militärische, also gänzlich unproduktive Zwecke aufzuwenden. Außerdem vermehrt sie die allgemeine Unsicherheit, führt zur Aufrichtung hoher Grenzmauern und hindert schließlich den Abschluß von Geschäftsverträgen auf lange Sicht. Der Bau von Festungen, Kriegsschiffen und Panzerwagen sowie die Unterhaltung starker stehender Heere verschlingt einen großen Teil des Volksvermögens; das für die Kriegsfuhrung notwendige Geld muß durch hohe Steuern und Zölle aufgebracht werden, welche die Wirtschaft schwer belasten, den Warenpreis erhöhen, die Konkurrenzfähigkeit eines Landes vermindern und den Lebensstandard seiner Bewohner erniedrigen. Neben dem äußeren Frieden ist der innere Friede eine unerläßliche Voraussetzung der ökonomischen Wohlfahrt eines Volkes. Dieser innere Friede wird -uns durch die vierte Pflanze des) Feststraußes vereihnbädlicht, durch die Hadassah, die Myrte. Wie eine Ehe, deren Symbol gleichfalls die Myrte ist, nur dann glücklich sein kann, wenn die beiden Ehegatten Verständnis füreinander und Vertrauen zueinander haben, so hängt die Wohlfahrt eines Staates im hohen Grade von dem gegenseitigen Verhältnis seiner Bürger zueinander ab. Vertrauen ist die erste Voraussetzung für Händel und Verkehr, für den industriellen und kaufmännischen Kredit. Vertrauen ist die wichtigste Bedingung für das Verhältnis zwischen Produzenten und Konsumenten, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Wo das gegenseitige Vertrauen fehlt, wird sich niemals eine geordnete, planmäßige Wirtschaft entwickeln. Wer daher aus eigensüchtigen Motiven das Vertrauen zur Währung eines Volkes, zur Prosperität s(einer wirtschaftlichen Einrichtungen gefährdet, wer dlurch Klassenkampf- oder Streikhetze das Verhältnis zwischen den Bürgern eines Staates verbittert oder durch politische Umtriebe den inneren Frieden bedroht, versündigt sich an seinem eigenen Staate aufs schwerste und muß als ein Schädling der Volkswohlfahrt angesehen werden. So zeigt uns der Feiststrauß eindringlicher als laiige staatsökonomische Abhandlungen, welches die Voraussetzungen jeder gesunden wirtschaftlichen Entwicklung sind, und gibt uns in den Tagen, wo wir zu unserer- Berufstätigkeit zurückkehren, eine Richtschnur an die Hand, nach der wir das wirtschaftliche und politische Leben beurteilen können. Mögen die Symbole des Feststraußes wirksam werden innerhalb unseres Staates und auf der ganzen Erdenrunide! Möge uns der Allgütige segnen mit der Fruchtbarkeit des Badens, mit dem» Ertrage unserer Hände Arbeit, mit äußerem und innerem Frieden: „Schüliaum, scholaium lorochauk welakorauf!", Frieden den Fernen und den Nahen! Das ist unser Wunsch an jenem schönen Feste, das wir wie vor Jahrtausenden so auch heute zur Ehre des Allmächtigen im Angesichte des unermeßlichen Sternenhimmels in den laüfobedeckten, blumenbek'ränzten Hütten begehen. Dr. W. Feuilleton Israels Freude *) Von Dr. Felix Kanter, Zwittau (Mähren). In eine der größten Gold- und Silberwarenhandlungen einer bekannten Großstadt kam eines Tages ein Kaiifmann aus einem entfernten Kleinstaat, seine Einkäufe zu besorgen. Er durchschritt alle Räume der Großhandlung, nahm die herrlichen und kostbaren Waren in Augenschein, prüfte und untersuchte viele Gegenstände, die scheinbar seinen Beifall erregten, und erklärte schließlich, nichts Passendes gefunden zu haben. Als er sich anschickte, «uiiverrichteter Dinge die Großhandlung zu verlassen, sprach ihn der Besitzer derselben an und fragte ihn lächelnd, was für Waren er eigentlich lache und wieso es komme, daß er unter der großen Auswahl nichts Paslsendes finde! Könige und Fürsten, setzte er belustigt fort, finden an seinen Erzeugnissen Gefallen und zählen zu seinen ständigen Kunden, im ganzen Reiche seien seine Waren be- *) Aus dem lesenswerten Buche „Oleichnisse und Parabeln" des bekannten Verfassers, erschienen: im Jüdischen Bucfaxmd Kunstverlag in Brünn. kaiint und werden von allen gerühmt und gepriesen und er aus dem fernen Kleinstaäte sollte unter all' diesen Kostbarkeiten nichts finden, was seinem Geschmacke entspricht! „Mein Herr", erwiderte dar-- auf mit Ernst der Gefragte, „das Land, dem ich angehöre, ist zwar klein und wenig bekannt, aber dort herrschen schöne Bräuche und Einrichtungen, die streng befplgt werden müssen. So müssen nach den Gesetzen meines Landes namentlich Gold- und SUberwaren ein amtliches Vermerk tragen über ihre Echtheit und ihren Feingehalt, um Täuschungen vorzubeugen und Echtes vom Falschen zu unterscheiden. Je schöner und kostbarer der Gegenstand; desto mehr wird auf das amtliche Vermerk und die genaueste Angabe seines Feingehaltes geachtet. In eurem Lande scheint ihr darauf nicht zu achten und dies ist, wie die Verhandlungen in euren Gerichten beweisen, sehr bedauerlich." Die Freude ist der jüdischen Religion, die im Leben wurztlt* ganz und gar nicht fremd. In vielen Fällen bildet sie ausdrücknch ein religiöses Gebot, das ebenso bsfolgt und beachtet werden muß, wie andere religiöse Gebote. Das Gebot des Laübhuttenfestes „ihr sollet euch freuen" ist gleichbedeutend mit dem Gebote „kasteien sollet ihr eure Leiber" am Versöhnungstage. Noch mehr: der Versöhnuttgstag führt nicht die Bezeichnung „Tag der